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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-06 · Heft 45 (6.11.1891) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 45 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
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derselben in möglichster Eile; aber die hier empfangene Unterweisung genügte dein wissensdurstigen Knaben nicht, und so forderte und erhielt er von dem älteren Bruder, obwohl derselbe durch eigene Studien am Gymnasium vollauf beschäftigt war, noch jeden Tag eine „Stunde", zumal im hebräischen Wissen und in Mathematik. Daneben gab der sechzehnjährige Phöbus ein Werk feines Vaters von Neuem heraus und errichtete mit dem Erlös eine Leihbibliothek, von welcher die Familie nun leben Mußte und konnte. Welch' rührendes Bild bietet diese schlichte jüdische Häuslichkeit, wie viele stille aber nur um so edlere Tugenden wurden in ihr geübt! Ganz anders war das Verhältniß Ludwigs zu feiner Schwester. Dieselbe verfiel in ihren Entwickelnngsjahren in einen krankhaft erregten Zustand, der regelmäßig jeden Abend in Somnambulismus überging. Die seltsamen Reden, welche die Kranke dann zu halten pflegte, ihre Vorhersagungen, welche, nach der Meinung der Angehörigen in der That sich verwirklichten, das Geheimnißvolle des ganzen Vorganges übten auf den gemüthvollen Knaben den lebhaftesten Eindruck. Mit verehrungsvoller Scheu sah er zu dieser Schwester hinauf, und ihr früher Tod (1825) befestigte diese Stimmung in seinem Herzen, so daß er sie sein ganzes Leben bewahrt hat. Schon früher rang sein poetisches Gemüth nach dichterischem Ausdruck der Gefühle, die ihn innigst bewegten. Sie bezogen sich, wie natürlich, zunächst auf die häuslichen Vorgänge. Zur Konsirmirung, der „Bar-Mizwah", also nach dem dreizehnten Geburtstag, verfaßte er sein erstes Gedicht, ein „Traum", in welchem ihm der Vater erschien nnd gute Lehren gab. Darauf schrieb er einen „Nachruf meiner verklärten Schwester", dein bald, in natürlicher Gedankenverbindung, eine Ode, „Am Grabe meines friihverstorbeuen Vaters" folgte. Hier sprach sich der Knabe Trost ein, „Denn ich weiß, Du bist bei dein, Den Du kindlich hast verehret, Bist gekommen nun 311 dem, Der die Unschuld liebend höret." Man würde indeß irren, wenn inan glaubte, der junge Ludwig sei nur ernsten Erwägungen nnd Beschäftigungen zugänglich gewesen; er war vielmehr ein heiterer, oft wilder Knabe, der seine Lebenslust auch i» weiten Wanderungen bethätigte. Auf diesen bildete er sich den feinen Sinn für die Schönheiten der Natur aus, der ihn nie verlassen hat, bis die minier vollständigere Erblindung ihm diese Ouelle reinster Freude verschloß. Eine „Hymne an den Frühling", die schon einen großen Fortschritt gegen die vorhergehenden Dichtungen bedeutet, erweist die Frühreife, mit welcher der Vierzehnjährige die Natur 311 erfassen und die von ihr empfangenen Eindrücke wiederzugeben verstand: „Sei mir willkommen, 0 Zeit der erwachenden Liebe und Hoffnung, Fröhlich verkündet dein Nahe» der stumme Bewohner der Welle Und die geschäftigen Gäsll der ergrünenden Wälder und Fluren! Sei mir willkommen nochmals, die du reichest die schönsten der Gäben! Bringst mir balsamische Lnft, die erquickt und erfrischet mein Inneres - Leis mit beseel'gender Hand erweckst du die Flamme der Sehnsucht, Die mich mit Feuer durchglüht für das Wahre und Gute nnd Reine!" Seit seinem dreizehnten Jahre war Ludwig der Franzschule entwachsen und mußte nun sich selber weiter forthelfen, auch ohne den Beistand seines altern Bruders, der inzwischen die Universität Halle bezogen hatte, um Medizin zu studiren. Für Ludwig gingen neben den mannigfachsten Arbeiten die poetischen Bestrebungen ununterbrochen fort. Außer Satiren, zu denen ihn die Lektüre Rabcners veranlaßte, begann der Jüngling ein Epos „Wittekind der Sachse", von dem schon mehr als fünfzehnhundert Hexameter geschrieben waren, als Philippson, sicher mit Recht, die Sache aufgab. (Fortsetzung folgt.) U Eine Mische Schriftstellerin. Von Dr. M. Kayserting. Eine seltene Frau, wie sie besonders in der Gegenwart selten gefunden wird, ausgezeichnet durch Wissen und Religiosität, segnete vor einigen Wochen das Zeitliche: Jetti Wohllerner schied den 5. Oktober im Alter von 78 Jahren in Lemberg aus dem Leben. Jetti Wohllerner, geb. Kehlmann, stand im Rufe einer gewandten Hebraistin. Mit dem kreisamtlichen Zeugniß über die Kenntniß deutscher Lehrgegenstände, etlvas Schreiben, Lesen und Rechnen, und etwas Religion verstehend, trat sie, nicht älter als acht Jahre, in das Geschäft ihres Vaters, wo sie sich auch in der kaufmännischen Korrespondenz selbstständig versuchte. Das wißbegierige Mädchen nahm bald an dem Unterrichte Theil, welchen ihr jüngerer Bruder im Hebräischen genoß; sie faßte eine solche Vorliebe für die Hebräische Sprache, daß sie an Sabbath- und Festtagen mit Hilfe der Mendelssohn'schen Uebersetzung den Pentateuch in der Ursprache studirte. Eines Tages machte ihr Vater sie auf einige hebräische Briefe der Anna Marin Schurmann aufmerksam. „Welche Schande für jüdische Mädchen!" rief sie in Ekstase aus. „Ich muß es versuchen, den Vorwurf abzuwälzen." Sie nahm nun bei tinem jungen Polen, der gerade in Lemberg Medizin studirte, Unterricht im Hebräischen; er las mit ihr „die Mosakde" von Wessely, das allegorische Drama „Ruhm den Tugendhaften" voll Moses Luzzatto, und anderes. Dr. Hr. Goldschmied, das ist der Name des Lehrers, der in dem jungen Mädchen schriftstellerisches Talent entdeckte, hielt sie auch zu Uebersetzungen aus dem Deutschen ins Hebräische an. Jetti war kaum vierzehn Jahre alt, als ihre Eltern sie mit L. Rosanes aus Brody, einem jungen Manne in gleichem Alter, verlobte. Das junge Brautpaar eröffnete einen Briefwechsel in hebräischer Sprache, der nach dem Urtheile des verstorbenen Prager Oberrabbiners S. L. Rappoport, dessen Töchter Jugendgespielinnen Jettis waren, für ein treues Echo des „Hohenliedes" gelten durfte. Dem dringenden Wunsche, diese „Liebesbriefe" der Oeffentlichkeit zu übergeben, widerstand sie aus Bescheidenheit; sie saminelte sie indeß sorgfältig und war nicht abgeneigt, sie später nach ihrer Vermählung drucken zu lassen. Da starb der Geliebte kurz vor der Hochzeit. Sie war untröstlich; nirgends fand sie Ruhe. Da griff ihre bigotte Mutter zu einem von einem polnischen Finsterling ihr angerathenen Mittel: sie entriß der Tochter die Liebesbriefe und übergab sie dem Feuer. Das arme Mädchen, ihres litterarischen Schatzes, des theuersten Andenkens ihres Geliebten beraubt, tvar der Verzweiflung nahe. Die Zeit heilte ihre Wunde, und sie verheirathete sich mit Samson Wohllerner, einem intelligenten Manne aus geachteter Familie, mit dem sie in glücklicher Ehe lebte. Die litterarischen Produkte dieser Frau sind um so mehr zu schätzen, als ihre Zeit fast ganz dem Geschäftsleben angehörte. Ihre in verschiedenen hebräischen Zeitschriften erschienenen Briefe tragen das Gepräge inniger Vertrautheit mit dem Geiste der Sprache und zeugen von Geist und Talent. Tief gebeugt durch den Tod ihres Gatten nnkreines hoffnungsvollen Sohnes, fand sie im Alter ihre einzige Erholung in der Wissenschaft und der Pflege derselben. Die Briefe, welche sie nach dem Erscheinen meines Buches „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Litteratur und Kunst", in dem auch sie ihren Platz fand, an mich richtete, sind mir ein liebes Andenken an diese seltene Frau. Gleich Rahel Morpurgo, Mirjam Mosessohn und einigen anderen wird Jetti Wohllerner stets nnt Perehrung genannt werden. 9

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