Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 537 flcfmipft. Eisenach, Wittenberg mtb Kassel, Dresden und Weimar spielten hier eine bei Weitem wichtigere Rolle als Wien oder Berlin. Wenn auch in minderem Maße als jene, wurde die Hauptstadt eines der geringfügigsten deutschen Ftirstenthümer, ivurde Dessau seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ein Mittelpunkt der Bildung, wissenschaftlicher und künstlerischer Bestrebungen, von welchem geistiges Streben sich in weite Kreise ausbreitete. Der treffliche Fürst, später Herzog, Leopold Friedrich Franz (1751—1817) hatte in seiner langen Regierung aus der spießbürgerlichen Residenz des „alten Dessauers" eine Stätte edler Bestrebungen und ästhetischer Schönheit gemacht, die selbst in der Ferne großen Rufes genoß und bildend und veredelnd wirkte. „Wohl organisirt und trefflich verwaltet," sagt Philippson in seinen Erinnerungen, war es von deni hochsinnigen Friedrich Franz in einen wahren Garten verwandelt. Durch ihn. den Freund Goethes und den Beschützer Matthissons, wurden außer den wohlgepflegten Waldungen rings um die Stadt herrliche Parke und Gärten mit Schlössern, in welchem Kunstwerke gesammelt waren, hergestellt, und alle diese waren dem Publikum zu jeder Zeit geöffnet. Die Anlagen, namentlich die zu Wörlitz um einen schön geformten See herum, erfreuten sich damals eines solchen Rufes, daß selbst der französische Dichter Delille sie besang. Sie wirkten frühzeitig auf die Entwickelung des Geschmackes, gaben dem jugendlichen Geiste Richtungen, die er später verfolgen konnte, und verliehen dem Bolle einen gewiffen Anstand, eine gewisse Würde, die auch nicht ohne sittlichen Einfluß waren." Vorzüglich begeistert war der Herzog für das Unterrichtswesen; er berief Basedow zur Begründung einer Schule, des Philantropins, das freilich von diesem seichten Theoretiker so unglücklich geleitet wurde, daß es nach zwanzigjährigem Bestände aufgegeben werden mußte. Jndeß blieb die hier gegebene Anregung doch nicht ohne gute Folgen, welche sich auch auf die jüdische Gemeinde des Städtchens erstreckten. Sie war ziemlich zahlreich, an tausend Seelen stark. Von den Gesetzen in enge Schranken gewiesen, wurden die Dessauer Israeliten immerhin von der Bevölkerung ohne Abneigung betrachtet und von der edlen aufgeklärten herzoglichen Familie mit derselben Güte und Freundlichkeit wie andere Unterthanen behandelt; war doch selbst die schöne Synagoge nach dem Plane und mit der Unterstützung des Herzogs erbaut worden. So sah die jüngere Generation unter den Israeliten mit freudiger, wenn auch unbestimmter Hoffnung einer besseren Zeit entgegen lind studirte mit Eifer deutsche und französische Litteratur, sprach ein korrektes Deutsch und brachte Theater und Konzerten lebhafte Theilnahme entgegen. Zumal Schiller mit seiner idealen, kosmopolitischen Gesinnung, seiner Begeisterung für Freiheit und Gleichheit, seiner etwas rhetorisch-schwülstigen Sprache wurde zuin Labsal, zuni Trost und zur Erholung für die naiven, sich mühsam aus geistigem und materiellem Drucke emporarbeitenden Kinder des Ghetto. Durch das Philantropin angeregt, verband sich eine Anzahl bildungsbegeisterter jüngerer Jsaeliten Dessausund gründete für die Kinder ihrer ärmeren Glaubensgenossen eine Freischule, welche die Zöglinge, neben dem religiösen Unterricht, auch mit den allgemeinen Kenntnissen vertraut machen sollte. An diese Freischule, oder, wie sie bald, nach Ausdehnung ihres Wirkungskreises, genannt wurde, die „Franzschule", ward im Jahre 1799 der 24jährige Moses Philippson, aus dem gleichfalls dessauischen Orte Sanderslebe», berufen, ein junger Mann, der trotz bitterster Armuth, mit rührender Aufopferung neben dein gründlichsten Talmudstudium auch Mathematik, Grammatik und selbst Philosophie sich zu eigen gemacht hatte. In Dessau entfaltete der biedere, geistvolle und dabei praktische Lehrer eine in jeder Hinsicht segensvolle Thätigkeit und gründete auch eine hebräische Druckerei, bei welcher er zu gleicher Zeit Schriftsteller, Drucker, Verleger und Eiüzetverkäuser war. Er verfaßte mehrere tüchtige Werke und regte seine Freunde und Gesinnungsgenossen zu litterarischen Arbeiten au, die er dann herausgab — das Alles in jenen furchtbaren Jahren, wo der napoleonische Kriegssturm über Deutschland hinbrauste. Als er sich mit Marianne Levi vermählt, nahm er auch noch Pensionäre in sein Haus. Unter allen Mühen und Sorgen des Lebens büßte der treffliche Mann nie seine Heiterkeit, seinen frohen Sinn und seine tief religiöse Gottesverehrung ein, — Eigenschaften, die auch auf seine Söhne übergehen sollten. Indessen die übermenschliche Arbeit mannigfachster Art hatte seine stets zarte Gesundheit schon völlig erschüttert, als im Jahre 1813 die Wogen des Krieges abermals über die kleine Residenz zusammenschlugen. Der wiederholte Durchzug verbündeter und französischer Krieger lies als traurige Folge den Typhus in Dessau zurück, und dieser schrecklichen Krankheit erlag Moses Philippson, am 19. April 1814, im neununddreißigsten Lebensjahre. „Jetzt," hatte er seiner weinenden Gattin zugerufen, „ist es Zeit zu zeigen, daß wir gottgläubig sind, indem wir Alles mit Ergebung tragen." Und mit den Worten der Schrift auf seinen Lippen: „Und Jakob zog ein seine Füße in sein Bett und verschied," hatte er seine Seele ausgehaucht.; Seinen Kindern ließ er einen guten Namen, seine trefflichen Charaktereigenschaften und seine litterarische Begabung als Erbtheil zurück, — an irdischen Gütern nichts, außer den Lettern der hebräischen Druckerei und den noch nicht verkauften Exemplaren der von ihn: verlegten Bücher. In den schwierigen Zeiten kümmerte sich Niemand um die Wittwe und die Waisen, von denen der älteste Sohn Phöbus noch nicht sieben, die einzige Tochter fünf, der zweite Sohn Ludwig zwei Jahre alt und der jüngste Sohn Julius, noch ein Säugling war! Die brave Marianne Philippson verzagte nicht. Einfach erzogen, von gewöhnlicher Bildung, weder schön noch hervorragend begabt, besaß sie doch mehr als alle glänzender! Vorzüge, ein treues, liebevolles aufopferndes und muthiges Herz. — Ihr unerschütterliches Gottvertrauen, ihre unerschöpfliche Mutterliebe und das ihr geheiligte Andenken an den früh verlorenen Gatten befähigte sie zu der zweifachen Aufgabe, ihre Kinder vor Mangel zu schützen und zugleich zu ehrenwerthen Berufen zu erziehen: „Die Söhne Moses Philippsons sollen keine Ladendiener oder Hausirer werden." Sie verkaufte allmählich den Büchervorrath ihres dahingeschiedenen Mannes, errichtete dann einen Spielwaarenhandel, einen Spezereiladen u. s. w. Sie wußte die Kinder doch vor eigentlichem Mangel zu schütze». In traurigen, ärmlichen Verhältnissen wuchs als drittes der Geschwister Ludwig Philippson auf. Geboren am28. Dezember 1811,') hatte er von seinem Vater nicht die mindeste Erinnerung bewahrt und beklagte das stets schmerzlich. Um so inniger hing der seelenvolle Knabe an der Mutter und den Geschwistern, mit denen ihn die Bande zärtlichster Liebe verknüpften, Bande, die nur der Tod zu lösen vermochte. Zumal sein älterer Bruder und seine Schwester übten auf das Kind den bedeutendsten Einfluß. Jener, eine edel,, ganz ideal angelegte Natur und, schon seit frühester Jugend, ein allseitig gebildeter, im hebräischen Schriftthum, wie in dem profanen: Wissen gleich bewanderter Geist, übernahm, den Unterricht Ludwigs: zu leiten; und er ist dieser Aufgabe mit seltener Treue und Aufopferung nachgekommen. In der Franzschule, wo einst sein Vater gelehrt hatte, war Ludwig stets der erste und durcheilte die Klassen ') In seinen meisten Biographien wird der 27. Dezember angegeben. Das ist ei» Jrrthum, der sich a»8 einer falschen Eintragung in das Geineindebuch der Dessauer Israeliten herschreibt. Sein Geburtstag war, »ach jüdischer Zeitrechnung, der 12. Tebeth 5571, der der» 28. Dezember 1811 entspricht.