Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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■ ~- 536 -- ■ / * ' 1 \ ftd)len gegen ihre jüdischen Untertanen habe, wie dies von Anderen angenommen werde. Immerhin kämen auch nach seiner Schätzung elw'a 11 Millionen Köpfe in Betracht, die zur Answanderung veranlaßt seien. Das Meineler Komitee habe bisher 6473 Personen befördert (seit l. November 1890>: etwa 6000 Personen seien — größtenteils agf Weisung des deutschen Eentralkemitees — von Memel aus repatriirt worden. Hierauf folgt der Bericht des New-Pvrker Delegirten Dr. Go Id mann', der aber aus verschiedenen Gründen zur Publikation für jetzt noch nicht geeignet ist. Derselbe war ebenso lehrreich als warmherzig und machte sichtlich einen guten Eindruck, den auch Dr. Bamberger (Königsberg) konstatirte. Sodann wurde die weitere Erörterung vertagt. Die Bersannnlung ging nunmehr zu dem Bericht über die Finanzlage über. Herr Generalkonsul Landau (Berlin»: Ach werde mich kurz fassenda die Besprechung über die Aufbringung neuer Mittel mir noch genügen^ den Antaft zur Erörterung der Finanzlage bieten wird. Das deutsche Eentral-Komitee hat bisher rund 1,500,<K)0 Mk. eingenommen. Die Betrüge sind aus JS4 deutscherl und 11 aufterdeutschen Städten an mich gelangt. Bon dein Gelbe sind l,013,000 Mk. ausgegeben, wovon voll hier aus dem Komitee in Hamburg 540,662 Mk., dein in Königsberg 190,000 Mk., dem in Stettin 96,400 Mk., dein in Memel 41,803 Mk., dem in Mpslowitz 10,000, Beuthen 14,000 — 24,000 9Nk., dem in Thorn- Lübeek, Schneidemühl und Evdtkllhnen 4100 9Nk. überwiesen worden sind, so daß der Bestand auf nahezll 1/2 NAllionen Ntark sich beläuft.; Die Betrüge, die nod) im Besitze der einzelnen .Komitees sind, .bin ich llid)t int Stande aufzuführeu, da ntir dieselben unbekannt sind. 9iach Erledigung eines formalen, auf die Berichterstattung bezüglichen Punktes wurde die erste Bersannnlung geschlossen. Den Bericht über .die zweite Sitzung werden wir erst in nächster Nummer zu bringen in Vertage sein. Wiener Briefe. XIII. T. „Im Anfang war das Wort." ' Da sitzt er, der Grübler, und sinnt, und sinnt: er will den Schleier heben, der diese Texesstelle dicht umhüllt. „Das Wort," so nreditirt er, „das Wort" — gar mächtig ist seine Herrschaft: es entfacht den im Herzen glimmenden Funken zur hell auflodernden Flamme, es weckt den schlummernden Gedanken zum dollen Leben, es entscheidet nicht selten über Menschenwohl- und Weh', — und doch, und doch, „das Wort", es ermangelt der schöpferischen Kraft, des zeugenden Triebes; warum ivird ihm die Primogenitur im All des Seins? ... Soll etwa für „das Wort", „der Sinn", „die Kraft", die Thal", einer der Genien alles Wirkens und Schaffens gesetzt werden?... Der Gottesgelehrte lächelt vornehm über dieses Spintisiren des armen Suchers nach Wahrheit; >.»yo: — kommentirt er — heißt hier nicht Wort, sondern Bernnnft; diese ist die erste Emanation des Gottesgeistes. ... Damit es aber nicht an dem Dritten im Bunde der Ausleger ' fehle, macht auch der Mystiker mit diesem Verse sich zu thun; er legt die Buchstaben und deren Zahlenwerthe sich zurecht und konstrnirt daraus Inhalt und Bedeutung. ... So mühen sie sich ab, Jeder in seiner Weise, um des Satzes dunklen Sinn aufzuhellen. Wie schade um all' den Aufwand von Geist und Gelehrsamkeit! Von den vier Anslegungsarten ist und bleibt eine die richtige: die natürliche. „Im Anfang war das Wort" besagt nichts anderes, als: Unternehme man, was man da wolle, von Allem wird geredet und geredet; anfangs ist — das Wort. Wie Vieles harrt nicht in unserer Gemeinde der Verwirklichung! Wie Vieles wird nicht projektirt und dessen Ausführung als unabweisliche Notwendigkeit bezeichnet! Gleichwohl rührt sich nichts vom Fleck; warum'? weil — „Im Anfang war das Wort". Und wie wird man daran gemahnt! Man kommt aus dem Reden nicht heraus. Leider hat noch kein Techniker ein Sperrschiff gegen das Ueberfluthen des Redestromes erfunden. ... „Im Anfang war das Wort." Am eklatantesten trat dies bei Entwerfung des neuen Gemeindestatuts hervor, welches in Folge der Einverleibung der bisher vorortlichen Kultusgemeinden mit der Wiener Gemeinde nothwendig geworden ist. Nicht weniger als fast ein halbes Hundert Sitzungen fanden diesfalls statt, und das Resultat: „partnriunt montes, nascetur ridicuhis mus." Daß es kein Muster- und Meisterwerk geworden, geht schon aus dem Umstande hervor, daß bis nun die staatliche Genehmigung nicht erfolgt ist. Dabei muß hervorgehoben werden, daß die staatliche Jngerenz sich nur auf jene Bestimmungen bezieht, welche ein staatliches Interesse berühren, wie: Eheschließungen, Ehetrennungen, Matrikelführung rc. Dagegen bleiben jene Bestimmungen von dieser Seite unbeeinflußt, welche die internen Kultusangelegenheiten zum Gegenstände haben; hierin wird die staatsgrundsatzlich eingeräumte Autonomie gewahrt. Inwiefern in dieser Richtung das neue Statut zutreffend ist oder nicht, wird die Praxis lehren. Eines kann aber schon jetzt konstatirt werden: fachmännische Kenntnis; der einschlägigen Verhältnisse liegt dem Elaborate weniger zu Grunde, als das Bestreben, es Jedem nach seiner Faoon recht machen zu wollen. Wer es aber Jedem recht thun will, macht es in der RegelMemandem recht. Die noch nicht erfolgte Approbirung des Statuts Seitens der Staatsverwaltung hat zur Folge, daß in diesem Jahre die Vorstandswahlen nicht wie sonst im November stattfinden können... . „Im Anfang war das Wort." Seit Jahren wird es als ein unabweisliches Bedürfniß anerkannt, ein neues Gemeinde-Bethaus zu erbauen. Die Gemeinde ^gewinnt an Ausdehnung, die Zahl der Mitglieder wachst, „der Hunger nach Gotteswort" wird rege, ohne daß er gestillt werden könnte. — Viel, sehr viel wird davon und darüber gesprochen, — von einem Spatenstich ist jedoch nichts vernehmbar... . „Im Anfang war das Wort." Regulirung der Armenpflege ist ein Ruf, der jahrzehntelang gehört wird. Wer will leugnen, daß es des Schweißes der Edlen werth ist, diese Frage der Erledigung zuzuführen! Vielleicht wird das Gewissen von keinem Vorwurf so hart beschwert, als von dem, daß der Nächstenliebe nicht genügt worden sei. Salbungsvoll und erbaulich sind die Reden, die gehalten werden — geschehen ist aber bis nun nichts. . . Wie aus der „unerschöpflichen Flasche" des Zauberers könnte ich ohne Unterlaß der Angelegenheiten mehr präsentiren, die dringend der endlichen Erledigung bedürften. Und dafür wüßte ich wohl einen Rath: man setze für „das Wort" — „die That". 9 Ludwig Philippson? Von Professor Dr. Martin Philippson. Die geistige Geschichte Deutschlands ^bis ins Zeitalter der Befreiungskriege ist vor Allen; an dessen Kleinstaaten und ihre Residenzen ') Durch die Güte des Herrn Verfassers und der Verlagsbuchhandlung sind nur in die Lage versetzt, die biographische Einleitung, die Herr Prof. Philippson zu den gesammelten Schriften seines unvergeßlichen Vaters, die gegenwärtig im Berlage von S. Schöttlän der in Breslau erschienen, geschrieben hat, schon jetzt bringen zu können. Die Red.