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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-06 · Heft 45 (6.11.1891) · p. Seite 532

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 45 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
Seite 532 (sequence 4)
Language
German
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--- 532 --- ' ' ' ■,'v-'';' v''^r-'r":;'::,':>'’ besondere hinsichtlich der Stellung der Brasilianischen Regierung Vorgelegen haben, derartig befriedigend waren, daß wir, von dem begreiflichen Wunsch geleitet, so rasch als möglich eine gesicherte Heimstätte zu schassen, uns entschlossen haben, einen Vertrauensmann nach Rio Janeiro zu entsenden, um die Verhältnisse und die Frage der Ansiedlung an Ort und Stelle zu studiren. Unsere Wahl fiel auf Herrn Oswald Boxer, einen durchaus geeigneten Mann, von makellosem Rufe, praktischem Wissen, administrativer Befähigung, zäher Energie und mit einem warmen Herzen für das Loos jener Flüchtlinge. Das hiesige auswärtige Amt hatte Herrn Boxer mit den wärmsten Empfehlungen versehen; und es gereicht mir zur besonderen Genugthuung, bei Erwähnung dieses Umstandes dankend hervorzuheben, in welch liebenswürdiger Weise unsere Ministerien und Behörden dem Centralkomitee vollstes Entgegenkommen bei jedem Anlaß bewiesen haben. Sehr geehrte Herren! Ist es au imt> für sich durch die centrale Lage Berlins und die Bedeutung unserer Gemeinde erklärlich, daß die Fäden des Hilfswerks hier zusammentaufen, so kann es doch nur möglich sein. Ersprießliches 51t leisten, wenn das deutsche Centralkomitee, vertreten durch seinen geschäftsführenden "Ausschuß, allseitig und andauernd als Mittelpunkt der Thätigkeit anerkannt wird. Wenn hierüber, entgegen Ihrem Beschluß in der ersten Delegirtenversaurmlung, noch irgend welche Mißverständnisse obwalten, 10 zweifle ich nicht, daß sich dieselben im Laufe der diesmaligen Konferenz klären werden. Immerhin sind wir zufrieden, daß alle wichtigeren Fragen in einheitlicher Behandlung erledigt werden könnten. Die Beziehungen, welche wir mit den internationalen Bereinigungen sowie mit den inländischen Komitees unterhalten, sind, wie Ihnen der Herr Vorredner bereits gesagt hat, freundschaftlich. Während ich unserem Herrn Schatzmeister den ausführlichen Bericht über unsere Finanzlage, die ja bei Punkt 5 und 0 der Tagesordnung zu Besprechungen tind Maßnahmen Veranlassung bieten wird, überlasse, möchte ich nur Folgendes hervorheben: Nachdem die Komitees in Ostpreußen und Oberschlesien sowie diejenigen in Stettin und Hamburg die daselbst gesammelten Gelder fast insgesammt aufgebraucht hatten — in Hamburg-Altona allein waren es ca. 200,000 Mk. —, hat der geschäftsführende Ausschuß alle erforderlichen Mittel den Hilfskomitees zur Verfügung gestellt und nach Hamburg, Königsberg, Memel, Stettin, Mpstowitz w. ca. 390,000 Mk. überwiesen. ‘ Dem Referat unseres Herrn Schatzmeisters werden Sie entnehmen, daß wir nach Rußland seither Geld nicht gesandt haben. Sie hatten zu dem letzten Punkt der Tagesordnung vom 9. Juni d. I.: „Was kann in Rußland selbst für die Inden geschehen?" beschlossen, die Initiative hierfür dem geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen Centralkomitees zu überlassen. Dasselbe hat die einschlägigeil Fragen einer eingehenden Prüfung unterzogen. Wir anerkennen die von berufenen Seiten geltend gemachte Behauptung, daß durch Selbsthilfe eine Verbesserung der Lage der Juden in Rußland herbeizuführen wäre. Makower bezeichnet tu einem jüngst von ihm veröffentlichten Aufsatz diese Selbsthilfe ungefähr mit folgenden Worten: Die russischen Juden sollten das freiwillige Äbsperrungssyftem aufgeben, die Bande sprengen, welche sie ihrer Ent- Wickelung selbst auferlegt haben, indem sie die schlechten Gewohnheiten beseitigen, welche sie verhindert haben, sich in Tracht, Benehmen und Sitten den Völkern zu nähern, unter welchen sie leben. §0 zutreffend dies auch im "Allgemeinen ist, und so beherzigenswertst im Einzelnen die Vorschläge sind, die hieran geknüpft werden — aus die unfruchtbare Art des sogenannten Lernens müßte verzichtet werden: für Handwerker und 'Ackerbauer ließe sich besser sorgen: die Rabbiner Hütten gegen die üblichen und so verderblichen allzu friihen Ehen einzuschreiteu — so scheint es doch, als wenn ein solcher Läuterungsprozeß, der zur Durchführung Jahrzehnte erfordert, den Wechsel von Generationen überdauern würde, im "Augenblick nicht begonnen werden kann, am allerwenigsten aber das Elend beseitigt, das einmal vorhanden ist, und das wir berufen sind zu lindern, so weit unsere Kräfte es gestatten. Das Geld, welches man zu derartigen instruktiven Zwecken, wenn ich mich so ausdrücken darf, unter den gegenwärtigen Verhältnissen nach Rußland geben würde, ist als verloren zu betrachten. "Auch haben wir uns nicht entschließen können, der russischen Presse oder sonstigen ähnlichen Zwecken Geld zu opfern. Ganz abgesehen davon, daß hierzu in erster Linie unsere reichen Glaubensbrüder in Rußland benifen gewesen wären, diese aber der ganzen Bewegung apathisch und, wenn man nicht zu ihrer Ehre annehmen müßte, daß sie sich ohnmächtig wähnen, energielos gegenüber stehen, ganz abgesehen hiervon, wäre der Erfolg auch solcher Ausgaben vollständig zweifelhaft. Wir haben nicht geglaubt, das Recht zu haben, mit uns anvertrautenr Gute derartige Versuche anzustellen. Als hauptsächliches Motiv für unsere Unthätigkeit in Rußland müssen wir aber die uns von Herrn Baron von Hirsch gewordenen Mittheilungen bezeichnen, nach denen eine Umstimmung in den Gesinnungen der leitenden Persönlichkeiten in Rußland ausgeschlossen erscheint. Ein neuer Ukas, der die seitherigen Bestimmungen verschärft, liegt dem Zaren zur Unterschrift vor. Gehen doch die ganzen Bemühungen unseres großen Philanthropen dahin, die nun einmal beschlossene Ausweisung von Millionen unserer Glaubensbrüder in ein organisirtes Gefüge zu bringen, Fristen zu erwirken und Menschlichkeit an den Stufen des Thrones für sie zu erflehen. Wir sind bis zur Stunde ohne Nachrichten des Herrn White, der vor ungefähr 10 Tagen Berlin berührt hat, um sich im Aufträge des Herrn von Hirsch wiederum nach Petersburg zu begeben. Es soll der Versuch gemacht werden, die Regierung zur Genehmigung eines auf 25 bis 30 Jahre hinaus vertheilten Emigrationsplanes zu bewegen. Herr Baron von Hirsch hat uns die von ihm hierzu entworfenen Reglements und Instruktionen betr. die Errichtung der russischen Komitees und die in Aussicht genommenen Modalitäten der Beförderung zur Begutachtung vorgelegt. Wir haben, soweit es nöthig schien, Ergänzungen und Abänderungen vorgeschlagen. Ohne mich über die Zweckmäßigkeit des groß angelegten Planes des Näheren auszulassen und das Für und Wider zu beleuchten, betone ich, daß die Errichtung eines Centralkomitees in Petersburg sowie die Bildung der Lokalkomitees im russischen Reich der kaiserlichen Sanktion unterliegen, 9htr wenn dieselbe ertheilt wird — und hierin liegt der j Schwerpunkt — wäre Ersprießliches für die zukünftige Gestaltung in Rußland selbst zu erwarten. Mit innigster Theilnahme verfolgen wir die Entscheidung — aber wie solche auch ansfallen mag, Dank sei dem Manne gezollt, bcffen Leben ein Leben der Nächstenliebe ist, unserer Glaubensgemeinschaft zu stolzer Ehre, ihren Anhängern zur Nacheiferung. Der Herr Vorsitzende hat sich bereits über unsere Beziehungen zu Herrn Baron von Hirsch ausgelassen. Es erübrigt für mich nur. Ihnen. Liber eine hiermit m Verbindung stehende T hatsache zu berichten, die ich am besten zu Ihrer Kenntnis; bringe, wenn ich Ihnen das hierauf bezügliche Schreiben des Herrn Baron von Hirsch an den geschäftsführenden Ausschuß verlese, das in dem betreffenden Passus also lautet: „Ich selbst hatte Ihnen schon geschrieben, daß Sie mich gewissermaßen als Reservekasse, als Sparbüchse betrachten können. Wenn Ihnen für Ihre Zwecke oder für Ihre laufenden Bedürfnisse Geld fehlt, so eröffne ich Ihnen hiermit einen Kredit von 500,000 Francs, der Ihnen auf Ihr erstes Verlangen, ganz oder theilweise bei einem Berliner Bankhanse zur Disposition stehen wird. Allein Sie sind, meine Herren, zu vorsichtige Männer, mit diesen Ihren Sparpfennig anzugreifen. Wenn ich Ihnen heute schon die Zahl nenne, so ist dies mehr aus moralischen Gründen, damit Sie nicht die Befürchtung haben, vor leeren Kaffen zu stehen und sich deswegen entmuthigen." Sehr geehrte Herren! Im Allgemeinen ist man außerhalb der direkt an dem Hilfswerk betheiligten Kreise im Unklaren Liber das, was vorgeht und über das, was geschehen ist. Seitdem das Berlin-Charlottenburger Komitee als solches feine Thätigkeit eingestellt hat, sind wir oft gefragt worden: Kommen denn überhaupt noch jüdische Auswanderer aus Rußland? Und andererseits wieder: Warum geschieht denn nichts? Und: Wohin mit diesen Unglücklichen? Dem gegenüber möchte ich Folgendes aussprechen: Während die Eröffnung neuer Heimstätten für die Vertriebellen Gegenstand unseres unausgesetzten Sinnens und Trachtens gewesen ist — und Sie werden ja in der morgigen Sitzung zu hoffentlich glücklichen Beschlüssen nac£) dieser Richtung gelangen — fanden wir ein erhebendes Bewußtsein gerade darin, daß es uns, ohne den Weg der Oeffentlichkeit zu beschreiten oder die Oeffentlichkeit zu interessiren, gelungen ist, in stiller und geräuschloser Weise unsere Arbeiten weiter zu führen. Wir hüben Sie eingeladen, meine Herren, um grundsätzliche Fragen, die bei der Fortdauer des Hilfswerkes in Betracht kommen, mit Ihnen zu berathen. Ist auch menschliche Kraft allein nicht stark genug, die großen Aufgaben ju bewältigen, so wollen wir persuchen, uns der Er-

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