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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-06 · Heft 45 (6.11.1891) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 45 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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möglich und dienlich, durchzuführen und zu - vervollkommnen. Sie finden in dem Ihnen vorliegender: Druckbericht die verschiedener: Komitees rramentlich. aufgeführt. Da, wo sich besondere Vereinigungen nicht gebildet haben, sind häufig die Synagogengemeinden in der: Dienst des Hilfswerkes eingetreten. Im Uebrigen betrachten wir dieser: Theil der Organisation als noch nicht abgeschlossen. Entsprechen auch die jetzt vorhandenen Komitees vermöge der geographischen Lage der betreffenden Plätze, an denen sie errichtet sind, den Bedürfnissen, welche sich entweder aus dem Vorkommen von Emigranten oder aus deren Beförderung ergeben, so wird es doch andererseits nöthig sein, die Zahl unserer Komitees besonders dann zu erweitern, wenn wir, gestützt auf ein möglichst umfangreiches Netz von Vertretungen, die Oeffentlichkeit behufs neuer Mittel werden aufsuchen müssen. Dem Beschlüsse folgend, „die drohende Massenauswanderung russischer Juden in geordnete Wege zu ihrem Heile zu leiten", verständigten wir uns seiner Zeit in erster Linie mit dem Berlin-Charlottenburger Lokalkomitee und veranlaßt«: dasselbe, seine Aktion einzustetten. Die Nachricht von der umfangreichen Hilfleistung, welche dasselbe in allerdings dankenswerther Weise darbot, hatte sich, wie Ihnen Allen bekannt, mit Blitzesschnelle in die entlegensten Orte Rußlands verbreitet. Es wuchs der Auswandererstrom in einem so erheblichen Maße, daß die Gefahr drohte, er könne sich ins Unbegrenzte ausdehnen und hierdurch Folgen von unübersehbarer Tragweite zeitigen. Während im Juni und Juli des vergangenen Jahres die Zahl der Auswanderer, welche den Bahnhof Charlottenburg passirten, — das Betriebsamt Charlottenburg hat natürlich eine genaue Statistik über das Religionsbekenntnis; der Auswanderer nicht geführt; seine diesbezüglichen Angaben beruhen daher nur auf Schätzungen — ungefähr 5000 Personen im Monat betrug, stieg die Zahl im laufenden Jahre auf das Doppelte. Wir konstatiren, daß diese Vermehrung nicht allein durch die Ausweisungsinaßregeln, sondern insbesondere durch die large Unterstützung, welche in Charlottenburg und auch in Meinet fördernd gewährt wurde, hervorgerufen war. Wir mußten daher den Schwerpunkt unserer Thütigkeit in die voll Ihnen beschlossene Errichtung von Komitees an den Grenzübergangspunkten legen, behufs Sichtung und Beförderung nach genau vereinbarten Vorschriften. Meine verehrten Herren! Ein so großes .Hilfswerk baut sich nicht an einem Tage ans. Nur allmählich, und in der Hauptsache Tank der unermüdlichen Wirksamkeit unserer Freunde in Ostpreußen und Oberschlesien, ist es gelungen, die obwaltenden Schwierigkeiten zu überwinde:: und-die Einrichtungen zu vollenden, die aus dem Druckbericht, betreffend die „Organisation in Ostpreußen und Oberschlesien", ersichtlich sind. Ich will Sie mit der Schilderung der verschiedenen Entwickelnngsstadien nicht ermüden und beschränke mich daraus, hervorzuheben, daß die gesannnte Sichtung und überseeische Weiterbeförderung bis vor 2 Monaten fast ausschließlich in den Händen des Hamburger Komitees gelegen hatten, das seines Amtes mit bewundernswertster Hingebung waltete und waltet. Als aber die Arbeitslast in Hamburg nicht mehr zu bewältigen war, verständigten wir uns dahin, daß alte ostpreußischen Provenienzen durch das Königsberger Hauptgrenzkomitee gesichtet und von diesen: mit Schiffskarten versehen via Stettin, Hainburg oder Bremen direkt weiter dirigirt werden; dagegen werden die oberschlesischen bezw. österreichischen Provenienzen via Myslowitz und hier nach Hautburg befördert, dort, insoweit ungesichtet, gesichtet und alsdann mit Schiffskarten versehen. Die Zahl der Emigranten, welche den Bahnhof Charlottenburg in: Laufe der letzten drei Monate passirt haben — vom 4. Juli bis 2. Oktober — beträgt 85,085 Personen. Ich bemerke, daß es sich hierbei nicht ausschließlich n:n solche AusWanderer handelt, welche durch unsere Grenzkomitees gesichtet sind, sondern auch n:n solche, welche für eigene Rechnung reisen. In: Geiste des Liebeswerkes und deswegen bereitwilligst den Wünschen folgend, welche in der Berliner und Charlottenburger Bevölkerung laut wurden, gewähren wir durch unser Konnnissariat ans den: Bahnhof Charlottenburg snnnntlichen Emigranten, den gesichteten und ungesichteten, Beköstigung und ärztlichen Beistand, zumal alle, gleichviel welcher Gattung sie angehören, doch nur über geringe Büttel verfügen. Den: statistischen Material, welches Ihnen später unterbreitet werden wird, werden Sie entnehmen, daß es sich im Ganzen n:n ungefähr 10,000 Pers onen handelt, welche wir während der Dauer unserer Thätigkeitmit vollen Reiseniitteln bis zu den auierikanischen Endzielen versehen haben; die übrigen bestritten, wie schon erwähnt, Reise und Ueberfahrt aus Eigenem. Da, wo es unbedingt erforderlich war, haben wir Zuschüsse geleistet; aber nur in seltenen Fällen war es uns möglich, bestimmenden Einfluß auf das Endziel solcher Reisenden auszuüben. Schien es auch eine kurze Weile, als würde sich infolge der Errichtung unserer Grenzkomitees die Emigration verringern, jo wuchs dieselbe plötzlich mit erneuter Macht, als sich die Kunde von der Erschließung Argentiniens durch Herrn Baron von Hirsch in Rußland verbreitete und damit die weitgehendsten Hoffnungen in unseren unglücklichen Glaubensgenossen geweckt wurden. An der oberschlesischen und insbesondere an der ostpreußischen Grenze stauten sich Tausende und Tausende, die ihre letzten Habseligkeiten veräußert hatten, um außerrussisches Gebiet zu erreichen, und nunmehr dort der ertösendenWeiterbeförderung harrten. In Argentinien aber war nach den Mittheilungen des Baron von Hirsch noch nicht Alles so weit vorbereitet, um die Emigranten aufzunehmen und ihnen eine auskömmliche Zukunft zu sichern. Auf der andern Seite gelangten an uns Nachrichten unserer New-Aorker Freunde, welche auf die traurigen und möglicherweise sich verschärfenden Folgen einer zügellosen Einwanderung nach Nordamerika hinwiesen; denn auch dort war es noch nicht möglich gewesen, Vorkehrungen zu treffen, un: den Ansturm z:: bewältigen und denselben in die richtigen Wege zu leiten. Zu alledem die Befürchtung, daß unsere finanziellen Mittel versiegen könnten! So mußten wir uns denn, nachdem die Anregung hierfür in: Interesse des Hilfswerkes von Herrn Baron von Hirsch gegeben war, und nach gleichzeitiger Verständigung mit unseren Freunden in Paris, Wien, Hamburg und Königsberg, dazu entschließen, der gebieterischen Nothwendigkeit folgend, unsere Grenzkomitees mit verschärften Maßregeln bezüglich der Sichtung zu versehen und die Parole „Repatriirung der Emigranten" überall da auszugeben, wo nicht unbedingt zwingende und nachweisbare Griinde für das Verlassen der Heimat!) Vorlagen. Wir haben zu jener Zeit durch Anschrelben an die Rabbiner in Rußland, durch Publikationen in den russisch-jüdischen Zeitungen und in jeder sonst möglichen Weise — später unterstützt durch einen Aufruf des Herrn Baron von Hirsch — vor der überhasteten Auswanderung gewarnt; wir haben mit schwerem Herzen, aber mit starker Hand, namentlich in Me.nel und an der österreichischen Grenze alle nicht vollkommen geeigneten Elemente repatriirt. Wir haben aber die Leute getröstet und ihnen gesagt, daß, wenn wir erst in der Lage wären, ihnen jenseits des Ozeans eine wirkliche neue Heimath zu schaffen, wir ihnen beistehen würden, daß es aber einstweilen für sie besser wäre, in Rußland zu hungern, als jenseits des Ozeans zu verhungern. In den: bereits erwähnten Druckberichte finden Sie das Sichtungsstatut, welches wir mit un ern Grenzkomitees in Ostpreußen und Oberschlesien vereinbart haben, und die Nachtragsbestinnnnngen, die wir angesichts der Repatriirungsparole erlassen mußten. Glücklicherweise konnte sich inzwischen eine Wandlung zmn Besseren nach verschiedenen Richtungen hin vollziehen: Herr Baron von Hirsch hat Argentinien für uns geöffnet. Dank seiner Ermächtigung sind wir in der erfreulichen Lage, wöchentlich 800 "Auswanderer dorthin zu befördern. Die Auswahl derselben erfolgt theils in Hamburg für die österreichisch-oberschtesischen, theils in Königsberg für die ostpreußischen Provenienzen unter unserer vorherigen Genehmigung. Die Auswanderer erhalten für unsere Rechnung Schiffskarlen bis nach Buenos An res und werden daselbst von den: Vertreter des Herrn Baron von Hirsch in Empfang genommen und untergebracht. Sodann hat sich in New-Aort, mit welchem wir in andauernder Korrespondenz und Fühlung waren, ein National-Komitee, behufs Empfangnahme der Auswanderer und Bertheilnug derselben im Laude, konstituirt. Wenn wir auch nur solche Emigranten nach Nordamerika dirigirt hatten, von denen anzunehmen war, daß sie dort weiter eristiren könnten, gestützt ans ::ns nachgewiefenen verwandtschaftlichen "Anhalt oder vermöge ihrer Befähigung als "Ackerbauer und Handwerker, so durften wir uns doch seither nicht verhehlen, daß damit allein noch nichts erreicht und irgend welche Beruhigung über das Schicksal und Fortkommen jener Unglücklichen noch nicht gewährleistet war. Wir selbst wollen Ihnen morgen, bestimmte Landstriche vorschlagen, zn welchen sich die Ansiedlung bewerkstelligen ließe. In Verfolg Ihres Beschlusses a<l Punkt 8 der Tagesordnung vom 0. Juni haben wir aus unserer Mitte eine Deputation gewählt, welche sich mit den eingegangenen Kolonisationsvorschlägen beschäftigt hat und Ihnen den ans der Vorlage ersichtlichen "Antrag unterbreiten wird. Ich möchte hierzu nur kurz erwähnen, daß die Nachrichten, welche uns ans zuverlässigster Quelle ins-

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