Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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««WNMWWMWWWUWWMWWWWWU^WIW brnch gelitten hat, daß sie heute in ganz gleichem Maße und in ganz gleicher Kraft sich äußert, wie dies vor Jahrhunderten der Fall gewesen ist. M. H., die Schwierigkeit der Aufgabe, welche die einzelnen Komitees zu bewältigen hatten, lag nicht sowohl in der Beförderung jener armen Verwiesenen, als vielmehr in der Ablehnung der Beförderung. Es war eine Nothwendigkeit, wenn man nicht das ganze Liebeswerk in Frage stellen wollte, nur solche Personen zu befördere, welche körperlich geeignet warnt, von denen man überzeugt sein konnte, daß sie die Fähigkeit haben, auch außerhalb desjenigen Erdreichs, wo sie Wurzeln geschlagen, sich eine neue Zukunft zu schaffen. Es mag tief betriibend gewesen sein für jene Männer, welche sich der 'Aufgabe der Beförderung gewidmet hatten, gerade die Elenden und Unglücklichen zurücksenden zu müssen, welche die Brücke hinter sich abgebrochen hatten, die da hofften, cht neues Heim zu finden imb statt dessen in das alte Elend zurück mußten. Wenn wir mit einzelnen Komitees zeitweilig in Differenz gekommen waren, so hatte diese Differenz gerade darin ihren Grnnd, daß das Herz über den Verstand den Sieg davongetragen hatte: und das ist leicht begreiflich gegenüber dem unaussprechlichen Jammer, den die Herren vor sich gesehen hatten. M. H., es ist außerordentlich viel geschehen, wenn Sie die Gesammtsnmme der Leistungen in Betracht ziehen: es ist ganz außerordentlich wenig geschehen, meint Sie in Betracht ziehen das, was zu leisten noch übrig bleibt. Di. H., bei jeder andern Aufgabe steht uns ein Ziel vor 'Augen, wir wissen ganz genau, was wir wollen, und können ungefähr die Dauer berechnen, die die Sache erfordern wird. Wir sind bei Erfüllung unserer 'Aufgabe in einer überaus schwierigen Lage. Die Ziele sind ganz verschieden angegeben. Von mancher Seite wird geltend gemacht, es sei eine civilisatorische Aufgabe, daß, selbst wenn kein Zwang geübt wird, sämmtliche Juden der Welt zusammenarbeiten müssen, um die russischen Juden aus einem Druck zu befreien, der immer von Neuem sich fühlbar machen würde, auch wenn eine Ruhepause zeitweise eintrete. Dem gegenüber steht die Ansicht derjenigen, welche der Meinung sind: im Gegentheil, wir hätten allen Grund, nicht diejenigen, die in Rußland groß geworben sind, ihrem Boden zu entreißen, sondern die Emanzipation müßte von innen anfangen, es fei Aufgabe aller Glaubensgenossen, die innere Assimilirung mit dem Volksstamme, nicht die Trennung, groß zu ziehen. Aber nicht blos die Frage des Endziels ist eilte außerordentlich schwierige, sondern von nicht minderer Bedeutung ist die Frage, ob es angezeigt erscheint, ob es mit der ganzen weltgeschichtlichen Entwicklung in Einklang zu bringen ist, die ganze große Zahl der rnsfischen Juden auf einen Ort zu konzentriren und künstlich ein neues Jndenreich zu, gründen. M. H., wir sind in der glücklichen Lage gewesen, uns augenblicklich mit diesen Fragen nicht beschäftigen zu brauchen. Denn, wie weit oder wie eng Sie die Ziele auch stecken mögen, unter alten Umständen wird es einer langen Reihe von Jahren emsigster Thätigkeit bedürfen, damit wir die Roth, die allerdringendste Noth lindern, damit wir einen Stamm von 'Auswanderern schaffen, au die sich nach und nach die anderen an sehen. M. H., wir 'Alle, die wir hier erschienen, sind von der Wichtigkeit dieser 'Aufgabe durchdrungen. Was ist aber dazu nöthig, welche Schritte haben wir zu thtttt, um attch nur annähernd das Ziel, das wir uns gesteckt haben, zu erreichen? Das Allernothweudigste ist, daß wir wissen: Wohin? Was kann es helfen, wenn wir hier hundert, dort tausend befördern und innner wieder der Gefahr ausgesetzt sind, daß sie zurückgeschickt werden, nachdem Reise und Meerfahrt gemacht sind? Der geschäftssührende 'Ausschuß hat es deshalb als erste Pflicht erachtet, zu prüfen: welches Land eignet sich unter den augenblicklichen Verhältnissen für die Kolonisation am besten, Informationen hierüber einzuziehen, Delegirte dorthin zu schicken, um an Ort und Stelle mit den Behörden, den Eingeborenen, den jüdischen Komitees zu verhandeln, ob das Land sich für unfern Zweck eigne. M. H., als wir einem Komitee diese unsere Absicht knndgaben, bei der wir uns übrigens mit Herrn Baron Hirsch in vollkommenem Einverständniß befanden, ist uns geantwortet worden: dazu haben wir kein Geld, es ist gar nicht Sache unseres Komitees, Kolonisation zu betreiben, es ist ja ein deutsches Eentralkomitee, die Kolonisation mag man Ausländern überlassen, vor Altem Herrn Baron Hirsch. Wir haben uns daditrch nicht irre machen lassen, sondern sind der Meinung gewesen, daß die erste Delegirtenversammlung die Ansicht gehabt hat, daß das Centraltomitee verpflichtet ist, für die Bedürfnisse der russischen Juden nach Möglichkeit einzutreten, und daß vor Allem dazu nöthig ist, daß wir uns nicht mit Argentinien begnügen. Jeder weiß, daß Argentinien allein nicht die Hunderttausende aufnehmen kann. Es wird nicht ohne Interesse sein, auch bei dieser Gelegenheit unser Berhältniß zu Herrn Baron Hirsch mit einigen Worten darzulegen. Ich glaube, es giebt wohl kaum einen Namen, der unter den Juden — und nicht blos unter diesen — so gefeiert ist, als der des Baron Hirsch. In allen Welttheilen wird er als Retter gepriesen, und gewiß mit vollem Recht. Nicht die Millionen allein, die er dem Rettungswerk, gewidmet hat, sind es, welche ihm den Dank der Menschheit sichern. Ich schlage noch viel höher an, daß er seine ganze Existenz für die gute Sache eingesetzt hat, daß seine Lebensaufgabe darin besteht, seinen Glaubensgenossen, die bedrückt sind, zu helfen, ihnen ein neues Heim, eine neue Zukunft zu schaffen, und die Eivilisation zu fördern. Bei aller Selbstständigkeit unserer Stellung und unserer Ansichten werden wir es als ' unsere Aufgabe betrachten, mit einem Manne von solchen hervorragenden Eigenschaften und solcher Opferwilligkeit stets in gutem Einvernehmen zu bleiben. Es besteht zwischen uns eine lebhafte Korrespondenz. Herr Baron Hirsch theilt uns Alles, was gewünscht wird, mit, auch dasjenige, was er zu thnn beabsichtigt, wie wir ihm von allen wichtigen Vorkommnissen Mittheilung machen und seinen Rath einholen. Nicht als Hilfsarbeiter, sondern als freiwillige Mitarbeiter werden wir auch in Zukunft die wohlwollenden Absichten des Herrn Baron Hirsch in guter Weise zu fördern bestrebt sein. M. H.! Es ist nicht genug gethan mit dem Wohin, sondern das Wesentliche, ivmu wir etwas leisten wollen, besteht in der Einmüthigkeit und Einhelligkeit des Handelns. Meine Herren! ich kann zu meiner großen Freude konstatiren, daß das Berhältniß zu den verschiedenen Komitees in der letzten Zeit ein viel freundlicheres geworden ist; nicht daß die prinzipiellen Standpunkte sich geändert haben; aber in der praktischen Handhabung ist das Verhältnis; milder geworden, vor allen Dingen durch persönliche Rücksprache. Herr Baron Hirsch hat gefragt, wozu wir diese Versannnlung einberusen haben. Diese Versammlung soll keine Form sein, wir wollen auch kein Schauspiel mit vertheilten Rollen geben, sondern wir haben es als unsere Pflicht betrachtet, nachdem wir jetzt mehrere Monate gearbeitet haben, ein klares Bild von unserer Thätigkeit zu geben, und nicht blos von unserer Thätigkeit, sondern eilt Gesammtbild, was in der Welt geschehen ist, um dieses Liebeswerk zu fördern. Meine Herren! wir hoffen aber auch von dieser Versantmlung, daß die Meinungsverschiedenheiten sich klären werden, daß, da wir Alte von demselben Geist durchdrungen sind, die Mittel sich finden werden, mit denen wir das Werk zur Durchführung bringen werden. Wir haben Sie berufen, mit für uns Direktiven zu haben, was wir thnn sollen. Ich sagte, es solle keine Scheinversammlnng sein. Wir nehmen es außerordentlich ernst mit der Sache ttnd würden uns freuen, wenn wir von Ihnen, wie wir gar nicht anders erwarten können, freundliches Entgegenkommen finden. Hierauf wurde zur Bildung des Büreaus geschritten. Durch Zuruf werden gewählt: Zu Vorsitzenden: Justizrath S. Meyer-Berlin, Dr. Goldmann-New-Aork, I. Loeb-Paris, Tr. Stern-Wien, Dr. Simonsen- Kopenhagen. Zuin stellvertretenden Vorsitzenden: Kommerzieiirath L. M. Goldberger-Berlin. Zn Schriftführern: Karl Emil Franzos- Berlin, Rechtsanwalt Breslauer-Berlin, Dr. GoldziHer-Budapest, .Dr. Bamberger-Königsberg. Hierauf schließt sich der 'Allgemeine Bericht über die Wirksamkeit des geschäftsführenden Ausschusses. Herr Koinmerzienralh Goldberger (Berlin): M. H., der geschäftsführende 'Ausschuß hat mir das Mandat übertragen. Ihnen über seine bisherige Thätigkeit zu berichten. Ich werde bemüht sein, mich dieses ehrenvollen Auftrages in knapper, hoffentlich aber erschöpfender Form zu entledigen. Hierfür erachte ich es als zweckmäßig, meinem Referate die Beschlüsse zu Grunde zu legen, ivelche in unserer Versammlung gefaßt worden sind. 'Ans der Art und dem Umfang der 'Ausführung werden Sie am besten sehen, ob und in wie weit es gelungen ist, unseren gemeinsamen Aufgaben gerecht zu werden. Ich fasse die Beschlüsse zu Punkt 2 und 4 der Tagesordnung vom 9. Juni zusammen. In Gemäßheit derselben suchten wir die begonnene Organisation von Landes-, Provinzial- und Lokalkomitees so viel als i i i c \ i i ( f l 1 l 1 k X \ 2 t f t ( 0 i i i c i s i t i c c § 1 t 1 1 1 1 V 1 i i l ( t i t