Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1891)
- Date
- 1891-10-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Wenn hier in Wien eine christliche Dame auf der Straße, blos deshalb, weil sie an einem jüdischen Festtage ein schönes Gewand anhat, von einem Buben mit Tinte begossen wird; wenn ein chrichlicher Wachmann attakirt wird, blos weil man ihn für einen Juden hält, wenn ein christlicher Kaufmann von 10 Personen angefallen und mißhandelt wird, blos weil man ihn für einen Juden hält, so bleibt der Schaden, der durch diese Verrohung angerichtet wird, den Christen, Zweimal ist es schoil geschehen, daß christliche Schüler ihre jüdischen Mitschüler mit einem Messer mißhandelt haben; Sie lassen aber noch immer nicht ab und versuchen gerade die Jugend zu vergiften. Man darf sich ja garnicht getrauen, auf die Straße zu gehen, wenn man auch ein gläubiger Christ ist, aber eine krumme Nase hat. (Lebhafte Heiterkeit.) Es ist wahr, schlimme Subjekte giebt es überall, auch unter den jüdischen Aerzten; selbst unter den Antisemiten giebt es manchen, der nicht gerade auf der Höhe der Moral steht. (Lebhafte Heiterkeit.) (Lueger: Mag sein!) Wir sehen unter den Antisemiten eine Fülle von Personen, die zu Allem mehr berufen sind, als Moral zu predigen. Was hat das Gericht dem früheren Abgeordneten Fiegl alles zudiktirt, Treubruch, Treulosigkeit, Feigheit! Bei der letzten Abstimmung über den Abgeordneten Schneider bin ich aus dem Saale gegangen, ich konnte es gar nicht über das Gewissen bringen, den Mann zu mißbilligen; ich möchte, er solle das doch jeden Tag machen, was er gethan hatich habe ja gar nichts dagegen. (Heiterkeit.) Wenil schon Antisemiten sein müssen, sollen sie so sein, ja nicht anders. (Lebhafter Beifall und Heiterkeit) Aber üben Sie auch ein wenig Toleranz; wenn Sie irgendwo einen jüdischen Lumpeil erwischen, läuten Sie nicht gleich an alleil Glocken der Residenz, als ob wir einen Eingriff gemacht hätten in die verbrieften Privilegien Ihrer Partei. (Beifall und Heiterkeit.) Die Lumpen sind eben auch international. Redner erklärt dann, wieso es komme, daß keine jüdischen Leichen sezirt werden: dies sei nämlich die erste wahre Thatsache) welche Schneider berichtet habe. (Heiterkeit.) Die Ursache sei, daß bei ben Juden ein Verein existire. welcher die jüdischen Leichen aus den Spitälern auslöse und der Beerdigung zuführe. Machen Sie es, ruft Redner, hier den Juden nach! (Rufe der Antisemiten: Wir haben kein Geld!) Sie haben reiche Leute in ihrer Mitte, Se. Durchlaucht Fürst Liechtenstein! Gründen Sie solche Vereine! Ueben Sie christliche Nächstenliebe, anstatt das Geld für Agitationen auszugeben! Thun Sie lieber christliche Werke der Barmherzigkeit! Bloch führt daun aus, daß die Antisemiten weder eine christliche, noch eine soziale Partei seien. Er zitirt zum Beweise einige Privatbriefe Schneiders, aus denen hervorgeht, daß dieser Abgeordnete noch irn Jahre 1885 sehr lebhafte Beziehungen zur radikalen Arbeiterpartei unterhielt. Schneider schrieb damals unter Anderem: Ich bitte Sie, bringen Sie nur recht viele rothe Freunde mit (Heiterkeit), die „Wahrheitler sind für die Katz". (Heiterkeit.) Wissen Sie, wer die Wahrheitler sind? Das sind die gemäßigten Sozialen! Die „rothen Freunde" aber, das finb die Leute nach seinem Herzen. Sie werden fragen, wie es kommt, daß die Herren äußerlich Antisemiten sind? Ich will es Ihnen erklären. Sie sagen einmal, die Juden sind blos Sozialisten und Gegner der radikalen Arbeiterpartei, und dann sagen sie, die Bevölkerung ist noch nicht reif, wenn mau ihr sagt: „Geht plündern und morden!" Das thut die christliche Bevölkerung nicht; sie muß .geschult, sie muß erzogen werden, und an den Juden soll sie es lernen. (Gelächter der Antisemiten.) Das ist so , das steht hier in dem Briefe; es heißt hier: „Ich glaube, es ist unmöglich, etwas zu machen, wenn nicht die Juden mitthun. Dazu gehört eine energische Aktion. Zum Sozialismus sind unsere Leute, speziell aber Ihre Leser, heute noch gar nicht reif. Verfälschungen suche ich." (Lebhafte Heiterkeit.) Sehen Sie, das ist das Programm: Verfälschungen suchen. (Erneuerte lebhafte Heiterkeit. Abgeordneter Popper: Er hat sie gesunden!) In einem zweiten Briefe wird dasselbe gesagt: „Eine Aktion ist nur möglich, wenn man eine große Agitation gegen Rothschild und seine Helfershelfer etnlettet; den Pack schlagt man, und den Esel meint man." (Lebhafter Beifall und Heiterkeit.) Wer ist der Pack? das sind die Juden (lebhafte Heiterkeit), und wer ist der Esel? das ist Ihre Partei! (Schallende Heiterkeit und Beifall.) Diese Briefe sind auf rechtmäßige Weise von den Angehörigen des Adressaten in meinen Besitz gelangt; ich habe sie nicht gesucht, man hat sie mir ins Haus gebracht, und wer hat sie mir ins Haus gebracht? Ein Parteigenosse dieser Herren. Sehen Sie! das ist die Moral dieser Leute. (Anhaltendes Bravo!) Nach dieser Rede, die von ungeahnter Wirkung war, suchte der Advokat Dr. Lueger seinem Genossen Schneider zu Hilfe zu kommen, indem er meinte, Bloch habe keinen ehrliche,i Kampf geführt, weil er alte Privatbriefe benutzte. Eine merkwürdige Feinfühligkeit derjenigen Herren, die bisher nur durch Enthüllungen aus dem Privatleben ihre Skandalsucht genährt haben. Lueger mußte sich derbe Abfertigungen gefallen lassen; bezüglich Schneiders fiel aber ein böses Wort: „Daß übereinen Ehrenrath doch nur Ehrenmänner rnitzusprecheu hätten." Und trotzdem legt Prinz Alois Liechtenstein noch immer seine Hand in diejenige Schneiders, vor dem sich schon die eigenen Wähler zurückziehen. Es müssen merkwürdige Geheimnisse zwischen dem „schwarzen Prinzen" und dem Mechaniker obwalten, die wohl auch noch einmal ans Tageslicht gelangen werden. Belgien. ) Brüssel, 20. Oktober. Die Wahl des Landesrabbiners von Belgien hat gestern Abend stattgefunden. Von den drei zur Wahl stehenden Kandidaten erhielt Rabbiner Armand Bloch in Toul mit 49 Stimmen die Majorität, Rabbiner Levy (Verdun) erhielt 12, Rabbiner Hermann (Rheims) 11 Stimmen. Großbritannien. jp London, 21. Oktober. Unter den zahlreichen Charakterzügen, welche von dem verstorbenen Führer der Irländer, Parnell, erzählt werden, verdient seine offen zur Schau getragene Sympathie für die Juden Erwähnung. Mag sein, daß der Volksmann für sie deshalb so lebhaft fühlte, weil sie auf so zahlreichen Stätten des Erdballs zu den Unterdrückten gehören. Man erzählt, daß er im Jahre 1888 in der Stadt Cork durch seinen Einfluß den Ausbruch einer antisemitischen Bewegung unterdrückte. Es war im März des genannten Jahres, als er die Nachricht erhielt, daß dieHandelskammer in Cork sich in beleidigenden Ausdrücken gegen die Israeliten ergangen hätte. Flugs telegraphirte er an die Bürgermeisterei dieser Stadt, und siehe da — schon wenige Tage später erschien in der „Times" ein Schreiben des Bürgerrneisters von Cork, worin jede feindselige Regung gegen die irischen Juden aufs Entschiedenste bestritten wurde. Uußlaud. * Petersburg, 24. Oktober. In der russischen Stadt Starodub im Gouvernement Tfchernigow ist es am 11. Oktober zu rohen Ausschreitungen gegen die Juden gekommen. Die Ursache soll die angeblich von Juden ausgewirkte Erlaubmß gewesen sein, Sonntags von 11—6 Uhr Handel treiben zu dürfen. Schon am 4. Oktober hatte sich das Gerücht verbreitet, daß man ihnen nicht erlauben werde, Sonntags zu handeln. Die Juden waren auch selbst sehr vorsichtig. Sie versuchten ihre Läden zu öffnen, als sich ihnen aber der Straßenpöbel nahte und Drohungen ausstieß, schlossen sie dieselben wieder. So verging der 4. Oktober ohne Krawall. Anders aber verlief der folgende Sonntag, trotzdem die Polizei von den geplanten Allsschreitungen Wind erhalten und Maßnahmen dagegen ergriffen, indem sie berittene Landgendarmeu aus der Umgegend zur Unterstützung herbeigerufen hatte. Am 11. Oktober hatte sich Morgens auf dem Marktplatz eine Schaar junger Bauern versammelt. Dell Forderungen der Polizei nachgebend, zerstreutell sich dieselben, aber nur, um an einer andern Stelle sich zusammenzufinden. Als nun die Juden ihre Verkaufsläden öffneten, stürzten sich die jungen Leute mit lautem Hurrah auf die Juden, welche eiligst ihre Läden zu schließen begannen. Die Polizei war nicht im Stande, der Bewegung Einhalt zu thun, und bald strömte von allen Seiten Volk auf beit Märktplatz. Nun sah Jemand, wie ein Jude einen Russen schlug, unb im Nu verbreitete sich das Geschrei: Die Juden schlagen die Russen todt! Die tausendköpfige Menge stürzte dahin, wo angeblich der Jude den Russen geschlagen hätte, und wo sie weder diesen Juden noch beu Russen fand. Aber in ihrer Wuth warf sie sich auf die jüdischen Häuser, schlug die Scheiben ein, riß die Thore aus ihren Angeln unb begann Alles zu zerstöreil und aus den Fenstern auf die Straße hillauszuwerfen. In kurzer Zeit war fast in alleil jüdischen Häusern alles bewegliche Eigeuthum zertrümmert. Nun wollte die Schaar auf die Tschernigowsche Straße ziehen, wo sich ihr aber die Polizei entgegenstemmte, welche zu ihrer Unterstützung, und in der Befürchtung, die tobende Menge könnte die jüdischen Häuser in Brand stecken, die Feuerwehr herbeigerufen hatte. Bei der Tschernigowschen Straße aufgehalten, wandte sich der Pöbel jvieder ans den Marktplatz, wo eine Bierkneipe und eine Wein- Handlung geplündert und der vergebliche Versuch gemacht wurde, in. die fteinenteit festverschlossenen Magazine der Inder! zu dringen. Der eine Theil des Pöbels war unterdessen auf der Wosnessenskistraße zu einem