Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1891)
- Date
- 1891-10-30
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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—‘-rrr. ™ ' sowie ein Verzeichniß der mit Juden zusammenhängenden Orts und Personennamen Deutschlands enthalten. Von den Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland ist der die Kreuzzugsberichte enthaltende zweite Band im Druck nahezu vollendet. Nachdem Herr Rabbiner Dr. M. Stern in Kiel in Verbindung mit Herrn Dr. Neubauer in Oxford den hebräischen Text bearbeitet hat. ist die Uebersetzung von Herrn Dr. S. Baer in Biebrich, dem Herr Direktor Dr. Bärwald in Frankfurt a. M. berathend zur Seite gestanden hat. fertig gestellt worden. Eine kurze Einleitung über den Zusammenhang der verschiedenen Berichte hat der Vorsitzende der Kommission Herr Prof. Breßlau beigesteuert. Der Band wird in den nächsten Monaten ausgegeben werden. Auch der dritte Band der Quellen wird noch im laufenden Rechnungsjahr erscheinen können. Herr Dr. I. Eaers in Berlin hat den hebräischen Text der von ihm herauszugebenden historischen Gedichte festgestellt und die Vollendung der Uebersetzung bis zum Ende des laufende!! Monats zugesagt, so daß der Druck in nächster Zeit beginnen kann. Für das Rechnungsjahr 1892 93 darf dann die Herausgabe des vierten und fünften Bandes der Quellen erwartet werden. Herr Rabbiner Dr. Salfeld in Mainz wird von den drei Bänden der Handschrift des Mainz-Nürnberger Memorbuches nur das im zweiten Band enthaltene Martyrologinm mit den Todtenlisten der Judenverfolgungen des 11. bis 14. Jahrhunderts in korrektem Text mit treuer Uebersetzung und sachgemäßen Noten vollständig herausgeben. Aus den übrigen Partieen der Handschrift sollen nur einzelne Stücke, u. a. die an verschiedenen Stellen des ersten und zweiten Bandes überlieferten Verzeichnisse von Orten, an denen Verfolgungen stattgefnnden haben, mitgetheilt werden. Die Einleitung wird über die Litteratur der Memory bücher im Allgemeinen berichten. Herr Dr. Joel Müller in Berlitz, der die historisch und kulturhistorisch erheblichen Abschnitte aus den Responsen der deutschen Rabbiner des Mittelalters bearbeitet, hat diejenige von 41 Lehrern bereits in Text und Uebersetzung sertiggestellt, so daß nur noch die Responsen zweier Lehrer des 15. Jahrhunderts, Israel aus Brünn und Moses Minz, zu erledigen sind. Li Lahr, 18. Oktober. Schon einige Wochen verkündeten große feurigrothe Plakate, der neugegründete „Deutschsoziale Reformverein für den Bezirk Lahr" werde heute im großen Saale der Gambrinushalle eine Volksversammlung abhalten, in welcher der „Herr- Abgeordnete zum deutschen Reichstag, Herr von Liebermann von Sonnenberg" einen Vortrag halten werde über „Die soziale Noth und die Wege zur Rettung". Die Aufregung unter der jüdischen Bevölkerung war keine geringe, besonders da manche Geistliche ihren Pfarrkindern während der Betstunden den Besuch der Versammlung angelegentlichst empfahlen. Die Herren vom Deutschsozialen Reformverein hatten sich verrechnet. Sobald Bürgermeister Rubin von Hugsweier (Mitglied des deutschsozialen Reformvereins) mit einigen der bekannten giftigen Parteiphrasen die Versammlung eröffnet hatte, wurde seine Stimme von dem Unwillen des weitans größten Theiles der über tausend Personen zählenden Versammlung übertönt. Jeder Versuch des Herrn Rubin, wieder zum Worte zu kommen, war erfolglos. Als schließlich der „Abgeordnete zum deutschen Reichstag", der Herr von Liebermann von Sonnenburg das Wort ergreifen wollte, brach eine solche minutenlang anhaltende Unruhe ans, daß unter stürmischen Bravorufen der Versammelten der Regierungsvertreter die Versammlung für aufgelöst erklärte. Wir wünschen dem „Herrn Abgeordneten zum deutschen Reichstag", dem Herrn Liebermann von Svnnenburg glückliche Reise! □ Aachen, 13. Oktober. Gestatten Sie mir. Ihnen zum Kapitel der „jüdischen Antisemiten" einen kleinen Beitrag zu liefern. Ein in einem hervorragenden jüdischen Banlhause zu Frankfurt a. M. angestellter junger Mann suchte am Nüsttage zu Nosch-Haschauoh um Urlaub für die beiden Festtage nach. Da der Chef zufällig verreist war, richtete er sein Gesuch an die beiden Prokuristen, welche christlichen Glaubens sind. Diese schlugen ihm, sowie den übrigen jüdischen Angestellten des Hauses das Gesuch rundweg ab, begleitet mit einer für das Judenthum beleidigenden und unfeinen Bemerkung, die anstandshalber hier nicht wiederholt werden kann. Der junge Mann, Sohn des Direktors eines hiesigen Bankinstituts, fragte hierauf bei seinem Vater telegraphisch an, wie er sich zu verhalten habe, und erhielt die Anwort, daß er die beiden Feiertage vom Geschäfte fernbleiben solle. Am Tage nach dem Feste ließ der jüdische Chef des erwähnten Bankhauses den jungen Mann zu sich bescheiden und erklärte ihm, daß er sofort entlassen sei, da die Prokuristen ganz in seinem Sinne gehandelt hätten und es genügt hätte, wenn der junge Mann am zweiten Festtage welcher auf einen Sonntag fiel, sein religiöses Bedürfniß befriedigt hatte. Diese intolerante Handlungsweise seitens eines Juden bedarf wohl keiner weiteren Illustration. Merkwürdig ist nur, daß der Name des betreffenden Banquiers unter dem Frankfurter Aufruf des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" figurirt. Er hätte doch bei sich den Anfang machen sollen. * Karlsruhe, 22. Oktober. Der bekannte Reichstagsabgeordnete Lieber mann von Sonnenberg hatte am Freitag Abend im unteren Saale des Kaffee Nowack eine Versammlung abgehalten. Dieselbe war sehr zahlreich besucht, und zwar trotz Kartenausgabe von Mitgliedern aller Parteien. Besonders hatien sich eine Anzahl Sozialisten eingefunden, welche fortgesetzt den Vortrng Liebermanns zu stören suchten. Dies gelang ihnen auch in mehrfacher Beziehung, so daß schließlich, wie der „Neuen Bad. Landesztg." berichtet wird, ein furchtbarer Skandal entstand, der sich zu einer solennen Keilerei entwickelte. Mit Fäusten, Stöcken, Stühlen, Biergläsern u. s. w. wurde dreingehauen, bis schließlich die Polizei erschien und die Sozialisten an die Luft setzte. Triumphirend zogen dann die Antisemiten wieder in den Saal zurück, und Liebermann konnte seine Hetzreden gegen die Juden fortsetzen. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 23. Oktober. Im Abgeoronetenhause gab es am Dienstag bei der Berathung über die Aerztekammern eine langwierige Judendebatte, die der berüchtigte Mechaniker Schneider herbeiführte. Er behanptete, die jüdischen Aerzte, die ohnedies in der Mehrheit seien, sträubten sich gegen Schaffung eines Disziplinarrathes, der sich ja nur gegen jüdische Aerzte richten würde. Diese hätten es dahin gebracht, daß nur christliche Leichen in dem Wiener anatomischen Sezirsaal unter das Messer konnueu, während jüdische begraben werden, und sie machen die gefährlichsten Experimente nur mit christlichen Patienten. Die rednerische Leistung sollte dem Wahlzettelfälscher, — wie er jetzt nur noch in Wiener Blättern genannt wird — schlecht bekommen. Sofort nach seiner Rede erhob sich der Abgeordnete Rabbiner Dr. Bloch zur Erwiederung. Dr. Bloch führte aus, er hätte es nicht für möglich gehalten, daß auch bei diesem Gegenstände eine Judendebatte ins Hans getragen werde. Schneider habe von dem berühmten Gutachten des Dr. Ecker über die Juden und den Talmud erzählt. In den Akten des Wiener Landgerichts würde Schneider jedoch, wenn er sich nicht scheut, dorthin zu gehen und nachzusehen (Lebhafte Heiterkeit), ein Aktenstück finden von einem katholischen Professor der Theologie in Innsbruck, worin nachgewiesen wird, daß das angebliche Gutachten des Professors Ecker von einem getauften. Juden abgegeben wurde, damit er eine Professur erlange. (Lueger: Es war ein schlecht getaufter Jude.) Er ist zu gut getauft worden; er war nacheinander Jude, Protestant, Katholik und Mohammedaner. (Lebhafte Heiterkeit.) Er war ein Lieblingsjude der Herrett Antisemiten, die hassen jeden Juden, aber mit jüdischen Lumpen verkehren sie gern. (Lebhafte Heiterkeit.) Auch unter den jüdischen Aerzten mag es Elemente geben, die ausgeschieden werden sollten; aber das verlangen die Juden selber. Ein Jude, Dr. Karl Kohn war es, der auf allen Aerztevereinsversammlungen die Errichtung eines ärztlichen Disziplinarrathes gefordert hat, und dessen Bestrebungen allseitig die höchste Anerkennung gefunden haben- Die Antisemiten können das Volk in Versammlungen aufreizen; wenn sie aber selbst krank sind, rufen sie einen jüdischen Arzt. Der frühere antisemitische Abgeordnete Türk habe selbst einmal im Abgeordnetenhause erzählt: „Ich will gerecht sein. In Jägerndorf ist ein jüdischer Mediziner, er ist dort sogar Bezirksarzt, dem ich nur Gutes nachsagen kann, der persönlich an mir Wohlthaten ausgeübt hat. Er hat mich in schwerer Erkrankung unentgeltlich besucht; dasselbe that er auch bei meinen Familienangehörigen." So stad Sie, meine Herren. Sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser. Bis auf die Jugend versucht man die Gemüther zu vergiften. Ich habe hier, ein Spiel für Kinder, ein Frage- und Antwortspiel. Dort kommt eine Frage vor, welche lautet: „Wie kommt es, daß eine so große Anzahl Juden Medizin studiren?" (Heiterkeit.) Die Antwort darauf lautet: „Wir haben die Antwort hierauf einem antisemitischen Aufklärungsschristchen entnommen. Bekanntlich waren die Ahnett der Juden Kannibalen. (Lebhafte Heiterkeit.) Die Mordlust ist noch heute im Juden vorhanden, und um das Gesetz schlau zu umgehen, tvählt der Jude einfach den ärztlichen Beruf. (Lebhafte Heiterkeit.) Wir wollen natürlich nichts damit gesagt haben," (Erneuerte Heiterkeit.) Durch die Verrohung der Jugend schaden Sie nur der christlichen Bevölkerung. 3 5 1 l t 9 f< 2 s s. tt fi it m A hi ke m I m H (L I (Z Ml ge ui S N D