Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227922--48355-3270871
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

4 großen Hause gelangt, in welchem sich das Bankhaus Eifenstadt und ein Traiteur befinden, und hier wurde das Werk der Zerstörung fortgesetzt. Vergebens beschworen zwei mittlerweile erschienene russische Priester das Volk, Ln seinen Ausschreitungen innezuhalten. Unterdesseil war auch der andere Theil des Pöbels nicht müßig gewesen und hatte in den anderen. Straßen das Zerstöruugswerk fortgesetzt und die besten Magazine der Juden geplündert. Ein Jude hatte aus dem Revolver sechs Mal auf die Menge geschossen und ein paar Personen verwundet. Ueberall war hierbei gut getrunken worden, so daß viele total berauscht sich auf den Straßen wälzten. Da begann gegen 7 Uhr Abends plötzlich ein Haus neben der Kathedrale zu brennen. Das Feiler ging rasch auf das Nebenhalls über, unb die Feuerwehr war nicht im Stande, des Elemelltes Herr zu werden. Vergebens rief der Polizeihaup.tmanu das Volk an, den Feuerwehrleuten zu helfen, aber es lachte und sah ruhig zu, weil es „Judenhänser" wären, die in Brand gerathen! Erst als mall sah, daß die Kathedrale in Gefahr kam. legte man Hand an; aber nun'schlug der Wind um --- die Kathedrale war gerettet. Der Brand dauerte drei Stunden und äscherte zehn Häuser ein. Wie man ausstreute, hätte ein Jude selbst sein Haus in Brand gesteckt, um den Pöbel von der Plünderung der anderen Judenhüuser abznleukell. Aber auch dies sollte vergeblich sein. Kaum war die Gefahr für die Kathedrale ge? schwundeu, als sich die trunkenen Russen wieder anfmachten, die noch heil gebliebenen Judenhäuser zu plündern. Zll ihnen gesellten sich Bauern, die aus den benachbarten Dörfern gekommen waren, und mm ging die Plünderung erst recht los. Vor Allem stürzten sich die Leute auf eine festverrammelte Weinhandlung, deren eisenbeschlagene Thür rasch ausgehobell wurde. Nachdem sie sich sattgetrunken, maubteu sie sich wieder auf den Markt, wo die Magazine von Jakobson und Lißkin geplündert und eines derselben in Brand gesteckt wurde. Erst mit dem anbrechellden Morgen nahm die Hetze ein Ende, worauf die Bauern, reich belastet mit gestohlenen Sachen, unter Singen und Johlen sich nach Hause aufmachten. So lautet der Bericht in eillem russischen Provinzialblatt, das unter Eensur erscheillt, und in welchem die Sache wohl noch beträchtlich gemildert ist. Sehr auffällig ist es, daß nichts von der Requirirung militärischer Hilfe gemeldet wird. Starodnb ist eine größere russische Kreisstadt von ungefähr 25,000 Einwohnern, und es ist nicht anzunehmen, daß sie ohne Garnison ist. Jedenfalls hat die dortige Polizei offenbar ganz den Kopf verloren, wenn auch gemeldet wird, daß sie versucht habe, den Ausschreitungen und der Plünderung Einhalt zu thuu. * Petersburg, 24. Oktober. Tie „Nowvje Wremja" meldet gerüchtweise. es sei beabsichtigt, den Juden im ganzen Reiche die Betheiligung an den Liefe rnngen für die Krone, an der Fabrikation und dem Verkauf von Spiritus und spirituösen Getränken (ausgenommen die Fabrikation dieser Artikel zum Export) zu verbieten. Ferner soll anläßlich der zunehmenden Einwanderung jüdischer Familien nach den sibirischen Gouvernements der General-Gouverneur von Irkutsk die betreffenden Behörden dahin verständigt haben, daß die Familien, von deportirten Juden, welche nicht gleichzeitig mit den Vernrtheilten eintreffen, nicht zum Aufenthalt in Sibirien berechtigt sind und nach ben Ortschaften des den Juden zum Wohnsitz bestimmten Rayons ausgewiesen werden müssen. d Von Nah und Fern. — Dem Bankier Berthold Simon, ältesten Chef des hiesigen hochangesehenen Bankhauses Gebrüder Veit u. Co., ist vom Kaiser der Titel eines Kommerzienraths verliehen worden. — Professor Dr. Aron, der Erfinder des bekannten Elektrizitätszählers, welcher kürzlich von der Stadt Paris mit denl ersten Preise gekrönt wurde, hat vom Kaiser den Rothen Adlerorden erhalten. — Der Vorstand der Synagogen Gemeinde Thorn hat die aus alter Zeit stammende, durch ihre Bauart merkwürdige Treppe der früheren Thorner Synagoge nach deren Abbruch der Verwaltung der Marienburg angebotein Die Verwaltung hat die Beachtung verdienende Antiquität mit Dank acceptirt und ihr in der Burg einen Platz bestimmt. — Das Fest der goldenen Hochzeit feierten am 20. Oktober unter Theilnahme weitester Kreise der Vorsteher der Synagogengemeinde Leobschntz, Herr Kommerzienrath Teichmann und seine Gattin Frau Amalie T., geb. Forell. — Von einer ferneren goldenen Hochzeitsfeier wird aus Wangerin gemeldet: Das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Herr Fabian Philippsohn und seine Ehefrau begingen daselbst das seltene Fest. — Herr Rektor Ahlwardt hat durch die sonderbare Rolle, die er im Prozeß Manche gespielt hat, gezeigt, daß er würdig est, Dr. Böckels Genosse zu werden und arbeitet jetzt, da die anderen Gruppenführer der Antisemiten nichts mehr von ihm wissen wollen, in der Spezialbranche des genannten „Reisenden". lieber die Einigkeit unter den übrigen Gruppen wird berichtet: Ein Freund des Herrn Stöcker, Pfarrer Dietz voll Messel, soll — nach dem „Reichsherold" — neulich einem Frankfurter Herrn gegenüber geäußert haben, es sei höchste Zeit, daß der antisemitischen Bewegung entgegengetreten werde, dn dieselbe religionslos sei. Der Hofprediger a. D. Stöcker muß wohl anderer Ansicht sein; denn in einer Versammlung zu Breslau (17. Juni) forderte er geradezll znm Eintritt in die deutschsozialen Vereine auf. — Der Schneider E. Seih, der Hauptagitator und Führer der Antisemiten ill Elberfeld, wurde dieser Tage von der Strafkammer des Landgerichts wegen Veruntreuung 311 einer Gefängnißstrafe von 4 Wochen verurtheilt. S. hatte Geld, welches er einer Wittwe K. abzllliefern hatte, zu feinen! eigenen Vermögensvortheil verwendet- — Der alte Antisemitenhänptling W. Marr hat von Hamburgs Uhlenhorst aus, wie die Lib. Corr. melbet, au seine journalistischen Herren Kollegen ohne Unterschied der Partei, selbst ohne Unterschied von Semiten, Philosemilen und Antisemiten die kollegialische Bitte gerichtet, von seiner Ankündigung einer Schrift, die jetzt von ihm herauskonnnt: „72 Jahre. Aufzeichnungen eines Parteigängers auf den Gebieten der Politik, Kunst, Wissenschaft und sozialen Lebens" Notiz zu nehmen. Diese Schrift bespricht die verschiedensten Personen literarischen und öffentlichen Leb ns. Sie führt das charakteristische Motto: .,11 n*y a quo los sots qui ne changent jamais“ (Voltaire). (Nur die Dmnmen wechsetll ihre Ueberzeugungen nie.) Marr schließt diese kollegialische Bitte mit folgendem Satz: „Ich möchte möglichst iit Frieden scheiden von der Welt und den Parteien auf der Reise ins ..grand peut-etre4'. — Geldmittel Zll Inseraten stehen mir leider nicht mehr zu Gebote." — Herr Rabbiner Dr. Z. Auerbach in Elberfeld begeht am 14. November d. I. die Feier seines 25jährigen Amtsjnbiläums. — Auf Anregullg des Herrn Rabbiners Dr. Gndemann hat Barvll Alphons voll Rothschild in Wien die Summe von 100,000 Gut beit für den Fonds zur Errichtung des Rabbillersemillars gespendet. Mit ben Spenden der Herren Gebrüder von Guttmanll beläuft sich der Seminarfonds auf 300,000 Gulden. — Dem Brünner Großindustriellen Herrn Hermann Spitz, spanischem Vicekonsül, wurde von der Königin-Regentill von Spanien der spanische Isabel len-Ritter- O rden verliehen. Herrr Spitz wllrde diese hohe Auszeichliung zweifelsohne wegen seiner Verdienste als Vicekonsül zu Theil, weiters auch wegen seiner Bemühungen zur Förderulig österreichisch-spanischer Exportbeziehllngell. — Der Aufruf des Londoner Komitees für den zu Gunsten der russischen Inden zu bitbenbeu Hilfsfonds hat in Verbindung mit der von dem Oberrabbiner Dr. Adler in sümmtlichen Synagogen eillgeteiketen Aktion seine Wirkung llicht verfehlt. Die soeben veröffentlichte erste Liste von Spenden weist eine Totalsumme voll 39,828 £ 17 s 6 d, also nahezu 300,000 Mk. auf. Am 16. v. M. wohnte eine glällzende Versammlung der Trallung des Fräulein Ada Lu zzati, einer Tochter des gegenwürtigeil italienischen Finanzministers, mit Herrn Enriko Pontremoli bei, welche ill der Synagoge 31t Padua feierlichst begangen wurde. Unter den Geschenken der Braut zeichnete sich besonders das des Königs von Italien durch seine Pracht aus. Es besteht ill eillem wundervollen goldenen Bracelet mit großen Brillanten und Saphireil besetzt. — Das früher mitgetheilte Verbot der Einwanderung der Juden in die Türkei erstreckt sich, wie der englische Botschafter in Korlstantinopel dem Lord Salisbury telegraphisch anzeigt, nicht blos gegen die russischen Judeil,-sondern gegen die Juden überhaupt, und ist aus hygienischen Gründen erfolgt. Die Einwanderung wird lediglich eillzelnen Individuen, llicht aber Familiell gestattet werden. — Eine dem „Herold" alls Valparaiso zugegangene Depesche meldet, daß die argentinische Negierung 1000 ill der Provinz Chaco gelegene Ouadratmeilen Land znnl Preise von 1000 Pesos Gold für die Meile an Baron Hirsch verkauft hat. Dieses Lalld dürste die Grundlage der russisch-jüdischen Kolonien des Barons werden. Druck und Verlag von Rudolf Mos je in Berlin Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.