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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. Nr. 44. + Berlin, 30. Oktober 1891 'Ueitcrge zur „Allgemeinen Zeitung des ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Dentschland. H. Berlin, 26. Oktober. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin versendet soeben an die Mitglieder der Gemeinde die „Uebersicht des Haushalts für das Jahr 1890". Dieselbe gewährt trotz der Knappheit der Darstellung eine Uebersicht über den dem Betrieb einer mittleren Stadtverwaltung gleichkommendeil Umfang unseres Gemeindewesens. Der Etat des Geschäftsjahres 1890 stellte sich in Einllahme und Ausgabe auf 2,643,750.99 Mk., wobei in Erwägung zu ziehen ist, daß hierbei die Etats der Spezialverwaltungen, also der Synagogen, Schulen, Waisenanstalten, Krankenanstalten, Alterversorg»mgsanstalten, des Beerdignngswesens, der Armenkomiuission rc., nicht in ihrem ganzen Umfange, sondern nur mit ihren etwaigen Ueberschnssen oder erforderlichen Zuschüssen aufgeführt sind. Von wichtigeren Posten heben wir hervor: Die Gemeindebeiträge (Steuern) der Mitglieder betrugen 727,136 Mk., die Zinseinnahmen 26,735 Mk. (nicht milgerechnet die Zinsen für Stiftungen), die Einnahmen aus Grundstücken und Vermiethungen von Synagogenplätzen 15,085 Mk. Für uerfaufte Gebetbücher wurden 1737 Mk. gelöst. Kapitalien und Zinsen für Stiftungen gingen nicht weniger als 294,626 Mk. ein, aus Erbbegräbnissen 22,698 Mk. — Verausgabt wurden an Gehältern 99,971 Mk., an Pensionen und Remunerationen 15,235 Mk. Die gottesdienstlichen Zwecke.(einschließlich der Zuschüsse an die in Berlin bestehendeil Religionsvereine) beanspruchten einen Zuschuß von 155,450 Mk., die Schulen einen solchen von 123,617 Mk., das Armenwesen einen solchen von 196.363 Mk. Die Vaukostell der neuen Synagoge in bn Lindenstraße betrugen 253,279 Mk.; als Beihilfe an humanitäre Institutionen mit für literarhistorische Zwecke wurden 4380 Mk. verwandt. Dem Bericht geht eine Zusammenstellung der wichtigsten Gemeindebescblüsse des Etatsjahres voraus, welche indessen für unsere Leser nur bekannte Thatsacheu enthält. * Berlin, 26. Oktober. Auf vielfache Anregung seitens der Mitglieder des Vereins zur Abwehr des Anttfentiti§ttui§ hat sich Herr Lic. Gräbner entschlossen, allwöchentlich eine Korrespondenz heranszugeben, welche als „Mittheilungen" ans dem Verein erscheinen soll. Die Probenummer liegt uns vor, und sie wird voraussichtlich viel dazu beitragen, daß die „Mittheiluugeu", welche übrigens durchaus kein offizielles Organ des genannten Vereins sind unb sein wollen, viele Leser finden. Der Herausgeber, Herr Lic. Gräbner, will nur „unbedingt zuverlässige und unanfechtbare Thatsacheu" aus dem Lager der Antisemiten veröffentlichen. Die Probenununer enthält eine sorgsam gesichtete Zusammenstellung der neuesten Vorgänge, welche sich in der Antisemitenpartei abspielen, , sie enthält außerdem kurze Mittheilungen über allgemeine, aber dennoch in einer Beziehung zu dem antisemitischen Treiben stehende Angelegenheiten. Wir empfehlen dies Unternehmen auf das Angelegentlichste. * Berlin, 24. Oktober. An hervorragender Stelle und anscheinend aus offizieller Quelle bringt die „Nordd. Allg. Ztg." folge,tbe Mittheilung : „Mehrere Zeitungen haben die Nachricht gebracht, daß gegen den Geheimen Kommerzienrath v. Bleichröder ein früher eingestelltes strafgerichtliches Ermittelungsverfahren wieder ausgenommen werden solle. Wie wir an maßgebender Stelle erfahren haben, ist diese Behauptung unrichtig. Allerdings hat in Folge von neuerlichen, an die höchsten Staatsbehörden gerichteten Eingaben eine Prüfung des Sachverhalts stattgefunden. Dieselbe hat aber einen Anlaß zu irgend welchen strafrechtlichen Maßnahmen gegen Herrn v. Bleichröder nicht ergeben." Nach dieser unzweideutigen Erklärung dürften wohl endlich die widerlichen Anzapfungen von gewisser Seite verstummen. * Berlin, 26. Oktober. Ein „süddeutscher antisemitischer Volksbund", dessen Anhänger sich aus den Städten Nürnberg, Fürth, Ansbach rc. rekrutiren, ist im Entstehen begriffen. Begründer dieser antisemitischen Bewegung ist der Redakteur des „Freien Beobachter", eines in dortiger Gegend erscheinenden Skandalblättchens, welches neben dem Antisemitismus die Preußenfresserei und die Pornographie kultivirt. Obwohl es sich um eine herzlich unbedeutende Bewegung rein lokalen Charakters handelt, hat Herr Dr. Böckel doch bereits ein Anathema gegen dieselbe geschleudert und die „Anmaßung" der Urheber eines Konkurrenzunternehmens, welches möglicherweise seiner Führerrolle Abbruch thun könnte, gegeißelt, während Abgeordneter Werner den neuen Freunden die besten Glückwünsche mit a f den Weg giebt. — Hoffentlich wird durch die Meinungsverschiedenheit die Einigkeit der „Fraktion" nicht gefährdet. (JD ©erlitt, 26. Oktober. Die abfällige Kritik, welche jüngsthin die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" über den Antisemitismus und dessen politische Bedeutung gebracht hat, versetzt die „Kreuz- Zeitung" in eine nicht geringe Aufregung, und die Patronin Stöckers windet sich und müht sich in einem spaltenlangen Artikel, um ihrer lieb gewordenen Spezialität die erträumte Bedeutsamkeit zu retten. Die Gründe, welche das Blatt hierfür ins Feld führt, sind jedoch recht fadenscheinig, sie beschränken sich kurz darauf, daß sich „in Deutschland und Oesterreich Vereine zur Abwehr des Antisemitismus gebildet haben, voll denen der erste unter der Leitung eines evangelischen Geistlichen und liberalen Agitators bei den Berliner Kirchenwahlen steht." Wir wollen darüber hinwegsehen, daß die „Kreuz-Zeitung" mit ihrer bekannten Logik hier etwas Unbestrittenes zu beweisen sucht — denn llicht von der Bedeutungslosigkeit des Antisemitismus im Allgemeinen, sondern nur von seiner politischen Bedeutungslosigkeit hatte die „N. A. Z." gesprochen — und wollen uns die weiteren Ausführungen des Antisemitenblattes ansehen, die sich burcl) eine köstliche Naivetät auszeichnen. Denn ill dem Bestreben, dem Antisemitismus eine höhere Bedeutung zu villdiziren, kommt es der „Kreuz-Ztg." gar nicht darauf an, denselben vollställdig ans eine Stufe mit-der Sozial demokratie zu stellen. Hiermit nähert sich das Blatt der Auffassung, die wir voll diesen beiden Krankheiten der heutigen Zeit haben. Auch das Geständniß, welches sich mit nuferen Behauptungen von dem revolutionären und antireligiösen Charakter des Antisenlitismus völlig deckt, wollen wir festnagelu, daß diese Bewegung „vor keiner Folgerung ihres eigenen Grundgedankens zurückschreckt", und stimmen endlich, wenll auch natürlich in unserem Sillne, dem Allssprnch bei, daß die Rolle, welche der Antisemitismus bei Ulls zll spielen berufen ist, „voll dem Maße an sittlichem Ernste abhängen wird, der dem deutschen Volk lloch innemohllt". Wenn aber der Verfasser des „Kreuz-Zeitungs"- Artikels die betauuteit Mätzchen der Antisemitenredner lliedrigsteil Ranges uachmacht und von der Erkenntlichkeit „der Juden" gegen die Sozialdemokratie spricht, dafür, „daß Singer das Haupt der Umsturzpartei geworden ist", so können wir ihn nur so behandeln, wie wir dies nach seinem eigenen Ausspruch seinesgleichen gegenüber zu thun pflegen, indem wir ihm und seinem Antisemitismus unsere „Verachtung nicht minder zu fühlen geben, als bisher". 0 Berlin, 21. Oktober. Voll der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" ist das 2. und 3. Heft des V. Jahrgallges erschienen. Dasselbe enthält u. A. einen Bericht über die sechste Plenarversammlung der „Historischen Kommission für Geschichte der Juden in Deutschland"; dieselbe hat am 3. April 1891 zu Berlin stattgefunden. Obwohl dieslllat über einen anderthalbjährigen Zeitraum zu berichten war, konnte in Folge außergewöhnlich nngüllstiger Verhältnisse nur das Erscheinen von zwei Publikationen der vierten Lieferllllg der Regestell für Geschichte der Juden ill Deutschland und des IV. Bandes der „Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland" verzeichnet werden. Dagegen darf nunmehr ans einen rüstigen Fortgang und den baldigen Abschluß der auf beut Programm der Historischen Kommisfioli stehenden Arbeiten gerechnet werden. Die Fertigstellung der Regestell lvurde durch eine schwere Erkrankung des Bearbeiters, Herrn Dr. I. Aronius, der zu seiner Wiederherstellung einen längeren Aufenthalt im Süden nehmeli mußte, in unliebsamer Weise verzögert. Für beit Abschluß der Arbeit ist die fünfte Lieferung bestimmt, bereu Erscheinen im Herbst des taufenben Jahres erwartet werden darf, dieselbe wird, außer den Regesten bis zum Jahre 1273, Einleitul,g, Orts- und Personenregister, 'Rachträge unb Berichtigungen,

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