Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1891)
- Date
- 1891-10-30
- Page
- Seite 528 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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WM 7>->» W gesehen, und die aufblühende Schönheit erwarb sich rasch die Gunst des ritterlichen Königs. Stanislaus August, der den jungen Grafen l väterlich liebte, erfaßte mit einem gewissen Feuer den Gedanken eines Ehebundes zwischen ihm und Eva und hatte beschossen, sobald derselbe sich seiner Verwirklichung nähern sollte, sein Möglichstes zu thun, um diese Ehe zu fördern. So schien sich Alles für die Liebenden auf das Glücklichste zu gestalten. Stanislaus faßte bereits den Gedanken einer Heirath ins Auge. „Eva," fragte er eines Tags, „wie denkst Du Dir unser Leben, wenn wir einmal verheirathet sind?" Eva's Blick ruhte lange träumerisch auf ihm, dann senkte sie die langen seidenen Wimpern und erwiederte: „Ich habe mir darüber noch gar keine Vorstellung gemacht." „Sonderbar," sagte der Graf, „auch ich nicht. Ich würde nie daran gedacht haben, wenn meine Mutter nicht Fragen wegen des Ehevertrages an mich gerichtet Hütte. Ich habe bei dieser Gelegenheit zum ersten Male etwas Näheres über die prosaischen Verhandlungen erfahren, welche der Ehe vorausgehen müssen." „Denke, Stanislaus, auch mir ist dies Alles neu. Ich freute mich bisher nur darüber, einen einzigen Menschen mein zu nennen, der in allen Dingen so vollständig mit mir eins war. Siehe, Stanislaus, ich sehe allemal, daß das, was mir gefällt, auch Deinen Beifall hat; handele es sich um Personen, mit welchen wir in Berührung kommen, handele es sich um Anschauungen über das Leben, über künstlerische Leistungen, überall weiß ich Dich eins mit mir. Gedanken, die in mir schlummerten oder die ich nicht auszudenken wagte, sprichst Du offen und unumwunden aus, und ich, die ich bisher mit Niemandem verkehrte, fühle mit einem Male eine neue Welt sich mir eröffnen von deren Vorhandensein ich bisher auch nicht die leiseste Ahnung hatte." „Wie, Dir wäre das Alles so neu?" „Ganz neu, ich versichere es Dir. Denke Dir, Stanislaus, ein Glück, das Dir und der Mehrzahl der Menschen vergönnt wurde, das Glück, Vater und Mutter zu kennen, wurde mir versagt. Nie hat mich ein Vater auf seinen Knien geschaukelt, nie hat mich eine liebende Mutter geherzt. Ich weiß nicht, woher ich komme, nicht, wohin ich gehe, ich kenne nur meinen Namen, Eva, auf welchen ich die Taufe empfangen habe!" „Es ist entsetzlich," unterbrach Stanislaus. „Ja, es ist fürchterlich," fuhr Eva fort. „Nie war Jemand um mich, dem ich vertrauensvoll niein Herz eröffnen konnte. Man behandelte mich von Jugend auf mit einer mir räthseihaften Verehrung, aber Liebe wurde mir nie zu Theil. In der Ukraine, auf dem Edelhofe, hatte ich wohl Spielgefährten unter den Kindern des Grafen, allein seit ich erwachsen bin, stehe ich vereinsamt, denn es ist keine Seele um mich, zu der ich Vertrauen zu fasten vermöchte und bei welcher ich das, was ich denke und empfinde, auszujprechen wagen möchte." Stanislaus nahm das Medaillon in die Hand und bewunderte lange das Meisterstück der Juwelierkunst. „Du kannst es öffnen, wenn Du zur Seite auf die Feder drückst," sprach Eva. Stanislaus drückte auf eine Feder und der Deckel sprang auf. Auf der Rückseite sah man die aus kostbaren Brillanten zusammengesetzten Buchstaben: E. R., darüber befand sich eine Kaiserkrone eingravirt. Darunter stand folgendes Datum: le 18. Fevrier 1761. In dem Medaillon selbst befand sich eine Haarlocke, von einer starken Glasplatte bedeckt. „Es ist eine Haarlocke meiner Mutter," bemerkte Eva. „Sonderbar," sagte Stanislaus, „und dieses hier ist unzweifelhaft das Datum Deiner Geburt. Das E. bedeutet Eva. R. ist Dein Familienname. Die Kaiserkrone aber kann ich mir nicht enträthseln." Stanislaus sann lange nach, aber er fand nicht die Lösung des Räthsels. Er schloß den Deckel wieder, drückte auf Eva's Hals einen Kuß und ließ dann das Medaillon wieder herab an seine alte Stelle gleiten. „Eva, der Schlüssel, der dieses Geheimniß öffnet, kann nur die Liebe sein. Bewahre mir Deine Liebe treu und ohne Furcht, und ich zweifle nicht daran, daß wir diejenigen auffinden, an welche Du im Leben ein Recht hast." „Stanislaus," erwiederte Eva, „nimmermehr verlaß ich Dich!" «Nun gut," sprach der Graf, „ich werde sehen, wie ich das Räthsel enthülle. Ich werde mich selbst in die Höhle des Drachen wagen, der das Geheimniß bewacht. Am weißen Sonntag wird Dein alter Jude getauft. Als christlicher Mitbruder werde ich ihn dann aufsuchen und werde um Deine Hand anhalten. Er wird als Dein Pflegevater seine Zustimmung zu der Ehe geben oder er wird sie verweigern. Verweigert er sie, so bestreite ich seine Rechte an Dich und verlange Auskunft über Deine Herkunft. Erhalte ich sie nicht, so nehme ich eine Schwadron Ulanen zur Hilfe und hole Dich aus aus seinem Hause. „Vorsicht, Vorsicht, Stanislaus," sprach Eva. „Er ist klug und verschlagen und mit Gewalt kommst Du hier am wenigsten zum Ziele." „Hier ist irgend eine Schändlichkeit verborgen, deren Opfer Du bist," antwortete Stanislaus. „Dieser gordische Knoten kann nur durch Zerhauen gelöst werden. Du mußt unter allen Umständen fort aus der Umgebung des unheimlichen Mannes. Du weißt, der König ist unserem Hofe nahe befreundet. Schon seit geraumer Zeit unterhält er enge Beziehungen zum sächsischen Hofe. Der König will, daß unsere Familie sich, um die mit Sachsen bestehenden Beziehungen zu fördern, nach Dresden begiebt, und wir werden Alle demnächst dahin abreisen. Meine Mutter hat sich bereit erklärt, Dich in unser Haus aufzunehmen, und Du wirst mit uns nach Dresden ziehen." „Wie kann ich das?" fragte Eva. „Ich kann doch meinen Pflegevater nicht verlaßen, der mir nur Liebes und Gutes erwiesen hat, und vor welchem ich vielleicht ein durchaus unbegründetes Mißtrauen empfinde, da die Strenge, mit welcher er mich von der Welt abschließt, ebenso gut edlen Motiven entsprungen sein kann." „Nicht doch," sprach Stanislaus, „Dein Leben ist unnatürlich, Deine Umgebung ist Deiner unwürdig. Du mußt unter allen Umständen in eine gesunde Umgebung versetzt werden." „Thue was Du willst," sprach Eva, „ich werde Dir folgen, denn ich liebe Dich. „Und Dein Wille soll Deinem Manne unterworfen sein, und er soll Dein Herr sein," sagt die Schrift." „So denkst Du recht, Eva," erwiederte Stanislaus, „so sprichst Du wie meine liebe Braut. Nach der Taufe denke ich den Baron zur Rede zu stellen!" „So hattest Du im Leben nie Jemand, der Dir näher stand, gar Niemand?" fragte Stanislaus. „Nein, wie sollte das auch sein?" erwiederte Eva. „Siehe, ich kenne weder Eltern noch Vaterland, ich bin Christin und lebe unter Juden, ich bin also losgelöst von Allem, was Euch Andere unter einander verbindet." „Du hast Recht, Dein Loos ist schrecklich, wir muffen Dich aus dieser Lage befreien. Uin dieses Ziel zu erreichen, giebt es nur ein Mittel — die Ehe!" (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.