Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. Seite 527

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227922--48350-3270866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 527 -- Empfindungen, die sein Gemüth bedrückten, entledigt, kam wieder die ganze ursprüngliche, sorgenlose polnische Natur zum Vorschein. Er plauderte lange in ungezwungenster und heiterster Weise mit dem Grafen, und als sich dieser endlich verabschieden konnte, gab er dem Besucher noch bis durch das Vorzimmer hindurch das Geleit. Graf Marcolini hatte den König noch nicht lange verlassen, als sich der Großoffizial Bischof Turski anmelden ließ. Der Großoffizial gehörte zu den aufrichtigen Anhängern des Königs, und dieser hatte von dessen Treue schon mannigfache Proben erhalten; auch dieser Besucher war ihm daher herzlich willkommen. „Sire," sprach Turski, „ich komme wegen des Baron Frank." „Sie mögen kommen, aus welchem Anlaß Sie wollen, ehrwürdiger Bischof, Sie find mir immer angenehm." Der Großoffizial machte eine Verbeugung, der König ließ ihn Platz nehmen, und Bischof Turski begann: „Majestät wissen wohl schon, daß der Baron Frank sich zur Taufe gemeldet hat; auch seine Pflegetochter Eva tritt zur katholischen Kirche über und erhält bereits Unterricht in unserer Religion." „Zur Bekehrung Evas möchte ich Sie beglückwünschen, um den Alten beneide ich die Kirche nicht." „Auch ich bin nicht von diesem Begehren Franks entzückt; ich bezweifle, daß hier ein Saulus zu einem Paulus wird, aber dennoch muß ich um seinetwillen Ew. Majestät behelligen. Er läßt Ew. Majestät bitten, die Taufpathenschaft bei ihm allergnädigst übernehmen zu wollen. Stanislaus August lächelte. „Wenn es weiter nichts ist," erwiederte er, „auf ein Pathengeschenk soll's mir nicht ankommen." „Sire, ich bezweifle sehr, ob er so hoher Pathenschaft würdig ist." „Thut nichts," sagte Stanislaus August. „Es ist eine eigenthümliche Ironie des Schicksals, daß unter meiner Regierung die Dinge immer anders werden, als ich sie gern haben möchte. Ich möchte so gern den Dissidenten freie Religionsübung bewilligen, aber meine Herren Reichsstände wollen es nicht. Ich bin ein Anhänger der Maxime Friedrichs II.: „In meinem Staate kann Jeder nach feiner Fayon selig werden", und dennoch läßt mich ein Jude zum Taufpathen bitten. So mag's denn sein, wenn's muß, und so will ich denn auch mein bescheiden Theil ad majorem ecclesiae gloriam beitragen!" „Ich danke Ew. Majestät für den guten Willen, wiewohl ich meine ernsten Bedenken nicht verhehlen kann, ob der Täufling Ew. Majestät auch zur Ehre gereichen wird." „Darüber wollen wir uns vorerst keine Sorgen machen," meinte der König. „Wann und wo soll die Taufe stattfinden?" „Am weißen Sonntag zu Lemberg; der Baron hat Lemberg gewählt, weil er dort zahlreiche Anhänger besitzt, welche seinem Beispiel zu folgen beabsichtigen." „Gut," sprach der König. „Der Großkronmarschall Graf Lubomirski wird mich daselbst vertreten. Außerdem bewillige ich jedem Juden, der sich zur Taufe einfindet, zwei Dukaten als Pathengeschenk." „Majestät sind allzu gnädig." „Sie wissen nicht, Großofsizial, wie angenehm Sie mich durch diese Nachricht überrascht haben. Ich habe heute lange über das mannigfache Mißgeschick nachgebacht, von welchem ich bisher während nreiner Regierung verfolgt wurde. Da kommen Sie, Großoffizial, und verkünden mir, daß sich die Juden zur Taufe melden. Der erste Erfolg! „Unter Stanislaus August," werden einst die Historiker schreiben! „ließen die polnischen Juden sich taufen!" Ich komme mir vor, wie ein neuer Konstantin, und greife zum Kreuz, von dem es heißt: In doe signo viuees!" „Als einen Sieg möchte ich die Bekehrung Franks noch nicht auffassen. Der Sieg wird erst bei den künftigen Generationen, die der christlichen Kultur errungen werden, erfochten." „Nun gut," sagte Stanislaus August, „so haben wir gesät, was künftige Generationen ernten sollen. Wenn ich der Kirche in dieser Sache irgend förderlich sein kann, so verfügen Sie über mich." Der Großoffizial dankte und empfahl sich, einigermaßen verwundert über die offen kundgegebene Absicht Stanislaus Augusts, die Sache der Judenbekehrung zu fördern. Sein Wille war es, den König zu bestimmen, die Bitte Franks abzulehnen, aber Angesichts der Bereitwilligkeit, mit welcher der König das Gesuch sofort annahm, konnte er, da kein bestimmter triftiger Grund vorhanden war, die Aufrichtigkeit der Absichten des Barons zu bezweifeln, sich nicht dazu entschließen, Stanislaus August die gegentheilige Handlungsweise vorzuschlagen. Er würde dadurch nicht nur dem König die gute Laune verdorben haben, sondern er würde auch mit seinen Pflichten als Priester in Widerspruch gekommen sein. Fünftes Kapitel. Frohe Hoffnungen. Eva erregte die Aufmerksamkeit nicht nur Aller, welche sich in Warschau zur guten Gesellschaft zählten, sondern überhaupt der gesammten Bevölkerung. Sie fuhr täglich in der schwerfälligen und prunkvoll aufgeputzten Karosse ihres Pflegevaters mit Matuschka, ihrer Kammerfrau, spazieren, und die liebliche und zugleich vornehme Erscheinung der Russin entlockte selbst den wüthendsten Ruffenhassern Ausrufe der Bewunderung. Zugleich war das Räthsel ihrer Geburt in aller Welt Munde. Jedermann wußte, daß der alte Baron, den bereits ganz Warschau von Ansehen kannte, nicht ihr Vater sei. Geheimnißvolle Gerüchte über ihre Herkunft waren im Umlauf. Die Einen sahen in ihr eine Georgierin, die Tochter eines entthronten Fürsten, Andere eine in Folge einer Thronumwälzung geflohene Tochter des Schahs von Persien. Alle aber stimmten darin überein, daß sie unermeßlich reich sei. In ganz Warschau war sie unter dem Namen „die Prinzessin aus dem Morgenland" bekannt. Stanislaus Lubomirski, der für ihren erklärten Bräutigam galt, wurde allgemein um den Besitz der jungen, lieblichen und zugleich unermeßlich reichen Braut beneidet. Die Polen, namentlich in den aristokratischen Kreisen, sannen nur darauf, auf leichte und mühelose Weise durch das Spiel, durch eine reiche Heirath oder durch Subsidien, für welche sie sich und ihr Vaterland an Rußland, Oesterreich, - England oder Frankreich verkauften, ihre Verhältnisse zu verbessern. An redlichen Erwerb, an eine rationelle Bewirthschaftung der ererbten Güter, an industrielle Unternehmungen, an einträgliche Spekulationen auf dem Gebiete des Großhandels dachte kein einziger dieser geldbedürftigen polnischen Magnaten. So war denn der junge Lubomirski ein Mann, der nach den Begriffen seiner Standesgenoffen das einzig Wünschens- und Begehrenswerthe, einen ungeheuren Reichthum, glücklich erlangt hatte. Dem Grafen waren solche Gedanken völlig fern. Ob Eva irgend welchen Besitz ihr Eigen nennen konnte, darüber hatte er noch nicht einmal nachgedacht. Er war täglich bei Eva. Bald besuchte er sie in dem Hause des Barons, bald fuhr er sie mit ihrer Kammerfrau in seinem eleganten Wagen spazieren, bald mischte er sich mit ihr an schönen Nachmittagen unter die Schaaren der Spaziergänger, welche sich im sächsischen Garten an den ersten Strahlen der warmen Frühlingssonne erfreuten. Mehrmals die Woche erschien Eva auch bei der Gräfin Lubomirska, welche an der geistig begabten, liebreizenden Jungfrau großen Gefallen fand. Im Hause des Grafen Lubomirski hatte auch König Stanislaus August Eva von Frank

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.