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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
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■ ' ■ . '.';•■•■■ - ■■ ' ' V ' " ' "W ■ . *- 526 --- agadischen Deutung ist in dem Auge der Grundriß der Erde gegeben: das Weiße ist ein Bild des Ozeans, der die Erde umkreist, das Schwarze ist das Festland, die Pupille weist hin auf Jerusalem und das Bild in der Pupille auf das Heil gthum daselbst?) Daß dem Auge die Führerschaft für den Körper zugeschrieben wird, ist bereits erwähnt worden; daher wird Gott das Auge oder' der Augapfel der Welt genannt. Ebenso werden die Führer des Volkes, die Weisen, die Männer Synhedrions, die Aeltesten und' Vorsteher der Gemeinde als deren Augen angesehen.2) — Namentlich 1 ist das rechte Auge ein Bild für die Wichtigkeit und Bedeutsamkeit' eines Menschen?) (Schluß folgt.) FEUILLETON Ver heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Viertes Kapitel. Die Audienz bei dem König. Stanislaus August befand sich in seinem Arbeitszimmer auf dem Schlosse Belvedere. Er war mit Papieren beschäftigt und prüfte oft und nachdenklich ein oder das andere vergilbte Blatt. Oester ruhte sein Blick auf dem lebensgroßen Bildniß Katharinas II., welches nebst dem Portrait Voltaires, Diderots und d'Alemberts das , Zimmer schmückte, und dann nahm er wieder eines der Dokumente zur Hand, welche vor ihm auf seinem Schreibtische lagen. Zuweilen zog ein leichter Ausdruck des Gefühls der Freude über seine Gesichtszüge, welcher jedoch bald wieder von dem melancholischen Ernste verdrängt wurde, der in den späteren Jahren des Königs so häufig seine Züge verdüsterte. Es schien, wie wenn alte Erinnerungen an längstvergangene schöne Tage in ihm zuweilen erwachten und wie wenn dieselben der Ernst der Gegenwart wieder verscheuchte. Der König wurde durch Eintreten des Kainmerdieners unterbrochen, welcher Se. Exzellenz den churfürstlich sächsischen Geheimrath Grafen Marcolini anmeldete. „Wird mir sehr angenehm sein," erwiederte der König auf die Meldung. Bald darauf trat der Graf ein. Der König ging ihm lebhaft entgegen, nahm ihn mit wahrer Zärtlichkeit unter den Arm und führte ihn zu einem Sopha, auf welchem er ihn Platz nehmen ließ und dann sich neben ihn setzte. „Nun, lieber Graf," begann der König, „wie sind Sie mit Warschau zufrieden?" „Majestät," erwiederte Marcolini, „meine Mission ist beendet, morgen gedenke ich abzureisen!" „Wie, so bald schon?" „Majestät wissen, daß der eigentliche geschäftliche Theil meiner Sendung ein sehr mäßiger war. Er bezog sich nur auf das noch hier befindliche churfürstliche sächsische Familien-Vermögen, sowie auf die Regelung der Verhältniste der noch hier anwesenden churfürstlichen Hofdiener. Weitere Interessen haben wir hier nicht. Sachsen hat 1) Der. er. sutta 9; ähnlich wird Aegypten der Augapfel der Gottheit, das schwarze Land genannt nach dem Auge des Osiris, dessen Pupille es ist, vgl. Ebers, a. a. O. S 225. 2) B. batr. 4a; Gen. r. 42; Jalk. Hhl. 984, 988, 991, 992; Tan. 27b; Tanch. Tezaweh 6; Hhl. r I, 63; 4, 2; Jalk. Ex. 375. ») Sech. II, 17; Jer. Tan. 69a. bezüglich Polen keinen anderen Wunsch mehr, als daß demselben endlich seine Ruhe wiedergegeben werde." „Sachsen bekundet hier nur auf's Neue seine unter den beiden letzten Königen Polen gegenüber so oft bewiesene Uneigennützigkeit," antwortete der König. „O, dächten doch nur Alle so," setzte er darauf nach einer Pause hinzu. „Sehen Sie, Graf, wie ein Fluch lastet jene Jugendliebe zu Katharina auf mir. Katharina ist es, die mich auf diesen Thron setzte, um mich dann zum unglücklichsten der Menschen zu machen. Während sie mich persönlich mit Freundschaftsversicherungen überhäuft und mich bald durch diese, bald durch jene kleine Aufmerksamkeit an die alte Liebe erinnert, tritt ihre Diplomatie mit Forderungen hervor, die ich nicht in der Lage bin; zu erfüllen, oder bei welchen, sobald ich die ersten Schritte thue, durch welche die Verwirklichung derselben möglich gemacht werden soll, ich sofort dem Widerstand der russischen Politik selbst begegne. Das klingt wie ein Widerspruch, und dennoch ist es die volle Wahrheit." „Graf," begann der König nach einer Pause wieder, „ich bin der Unglücklichste in meinem ganzen Reich. Ich habe jeden Tag entweder eine Gewaltthat der Russen oder der Parteien zu gewärtigen. Es ist so weit gekommen, daß Polens König nicht einmal mehr das beruhigende Gefühl hat, seine Person und sein Eigenthum in Sicherheit zu wissen. Man hat schon versucht, Dokumente zu stehlen, auf welche ich Werth lege. Hier übergebe ich Ihnen ein Packet, das Papier enthält, die nur persönlichen Werth für mich besitzen. Ich werde es, wenn ich seiner bedarf, aus dem sächsischen Archiv zurückfordern, oder meine Hinterbliebenen werden das Recht haben, die Papiere zu reklamiren. Polens König ist schutzlos, er muß sein Eigenthum unter den Schutz einer fremden Krone stellen." Der Graf nahm das Packet und schob es in eine Brusttasche seines reichgestickten Fracks. „Majestät," sprach der Graf, „hier sind die Papiere sicher, und wenn der König von Polen selbst einmal des Schutzes bedarf, so ist Sachsen mächtig genug, ihm denselben gewähren zu können." „Ich hoffe, ihn nicht nothwendig zu haben, aber es ist möglich, daß ich die Wenigen, die ich lieb habe, wenn ich nicht mehr für sie bürgen kann, nach Dresden entsende. Unter diesen befindet sich die Familie des Grafen Lubomirski und eine Ihnen noch Unbekannte, die Baronesse Eva von Frank, die neulich in Ihrer Gegenwart der Gegenstand des Gesprächs war und die der junge Graf schwärmerisch liebt. Ich will sehen, ob sich etwas thun läßt, die bürgerlichen Schranken zu beseitigen, welche sich einer Ehe hier entgegenstellen; ich selbst habe das Mädchen einmal gesehen und fühlte mich unwillkürlich zu ihr hingezogen. Denken Sie, ihre Züge gemahnen mich an jenes verhaßte Weib, dessen jugendlich liebliche Erscheinung noch zuweilen, wie im Traume vor mir auftaucht, an jene Katharina, von welcher ich eine Tochter hatte, die schon längst begraben ist, und mit welcher ich die Erinnerung an die Liebe ihrer Mutter mit zu Grabe getragen habe." „Aber, Sire," sagte der Graf, „wenn Sie diese trüben Erinnerungen begraben haben, wozu dient es, dieselben wieder zu erwecken?" „Ich habe heute mein Testament gemacht; es befindet sich unter den Papieren, welche in dem in Ihrem Besitze befindlichen Pallete verschlossen sind. Doch nun lassen wir das Vergangene vergangen sein, denken wir daran, daß wir in Polen sind, wo die Vergangenheit zur schlechten Münze zählt, die keinen Kurs hat, und wo man lediglich daran denkt, für den nächsten Tag zu sorgen." Der König hatte, wie man zu sagen pflegt, bei dem fremden Gesandten, von welchem er nicht zu befürchten hatte, kompromittirt zu werden, sein Herz ausgeschüttet, und nachdem er sich der

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