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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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Gott erscheint dem Jakob, da Josef wiedergefunden war, und verheißet ihm: „Ich ziehe mit dir nach Egypten und bringe dich hin und Josef soll seine Hand auf deine Angen legen" (Gen. 46, 4) — die Hand auf die Augen legen, nicht aber die Augen zudrückeu! lautete der Grundsatz bei den Juden im talmudischen Zeitalter — das Auge des Sterbenden zudrücken ward als Blutvergießen angesehen '). Hingegen war es erlaubt, die Augen des Tobten zu schließen: wer solches am Sabbat thun wollte, der ließ nach Anweisung des Talinud einige Tropfen Wein in die Nase des Todten fließen, träufelte etwas Oel in die Wiinpern, faßte die große Zehe des Fußes und. die Augen schlossen sich von selbst2). Auch der an den Augen Erkrankte oder — Erblindete war vielfach Gegenstand halachischer Erörterung. Im Falle eines Augenleidens, besonders wenn eine Verschlimmerung des Zustandes zu befürchten war. mußte die Beschneidung eines neugeborenen Knabens am achten Tage bis zu desien vollständiger Genesung verschoben werden?) Augenleiden enthob von dem gebotenen Weilen in der Festhütte am Laubbüttenfeste?) ebenso vom Fasten an Gemeindefasttagen, ja selbst am Versöhnungstage?) Der Blinde war von der Wallfahrt nach Jerusalem zur Feier der drei Wallfahrtsseste befreit?) nach der Meinung Einzelner auch vom Lesen des Schema'); nach Anderen hingegen war er gleichwie der Sehende zur Erfüllung aller Ritualvorschriften verpflichtet?) So wenig ein blinder Priester den Schaden des Aussatzes besehen und beurtheilen durfte, so wenig konnte ein Blinder als Richter! fungiren?) nicht einmal als Zeuge durfte er vom Gericht angesehen weroen, sobald er auf beiden Augen erblindet war?«) ebenso wenig konnte er - als Bote einen Scheidebrief vom Auslande überbringen?') II. Mannigfache Beziehungspunkte fand die Agada, um bald das Auge, bald den Blinden in Betracht zu ziehen. 1. Zunächst im Sprichwort. Von solchen seien erwähnt: Vier gleichen dem Todten: der Arme, der Blinde, der Aussätzige und der Kinderlose. *2) Mit diesem Sprichwort steht die sprichwörtlich gebrauchte Redensart in Verbindung: „Kinderlos und blind"'«) und „wer sein Vermögen verloren hat, gleicht einem Blinden".") Ferner: Nimm den Balken aus deinem Auge und hernach den Splitter aus dem Auge des Andern?«) Wohnt der Arzt weit, dann erblindet das Auge?«) Zürnt der Hirt über die Heerde, dann blendet er den Leithammel?7) bildlich für den Gedanken: wenn Gott über Israel zürnt, dann macht er seine Führer blind. — Hat Jemand einen guten Lehrsatz aufgestellt, dann ist dieses noch kein Beweis für seine große Begabung; es kann bloßer Zufall gewesen sein, der ihn auf den Gedanken brachte, und in diesem Falle gleicht er einem Blinden, der durch eine Oeffnung herniedersteigt, auf die er zufällig gestoßen ist?«) — Stimme, Gesicht und Geruch schaffen dem Menschen Beruhigung;'») daher der Blinde ißt, ohne satt zu werden,2«) denn es ist nicht gleich, ob Jemand sieht und ißt oder nicht sieht und ißt. 2') — Unter den Blinden nennt man den Schwachsehenden scharfsichtig?«) — Eine geläufige Redensart scheint es gewesen zu sein: Reich deine Hand und ') Sabb. 151b. 2) Tos. Sabb. 18, 12; Sabb >51b. «) Vgl. Jore Deah 262. 4) Succa 26a, Tos. Sncca 2. 5) Or. Chaj. 868, 6, 8 6) Chag 2a, vgl. Tos. ib. s. v. ') Meg. 24b lieber die Zulässigkeit des Blinde» zur Thora-Vorlesung Meg. 24 a, Or. CH. 139, 4. 8) B. kama 83b, 31a; Sch. A. Or. CH. 17. ») Sauh. 34b, vgl. Mahram Miliz 29; Choscheu mischp. 7; Nidda 4, 6. '«) Sanh. 34b, Nidda 49 b, Er. I7b. ") Git 23a, Alsasi, Ra» 564. lieber die Frage, ob ein Blinder an Sabbathen und Festtagen mit einem Stabe geben darf, s. Beza 2.3b. Pachad Jizchak s. v. J-Dtpa bptt und jo"va Spft 12) Red. 64 a 18) Sabb. 151b. ") Ar. Ket. 34b. '«) B. batr. 15b, vgl. Math 7, 3-5, Luc. 6, 41- 43. '«) B. kama 85b. ") B. kama 22a. '«) B. batr. 12b, Nidda 20b. '») 23er. 57. *>) u. 21) Joma 74b. 22) Gen. r. 30. nimm deine Augen! in der Bedeutung: wo hast du früher deine Augen gehabt?') 2. Schon das biblische Schriftthum stellt zu wiederholten Malen Lahme und Blinde neben einander.') Auch im Talmud geschieht dies öfters?) Erwähnt sei hier die sinnige Parabel, mit der Rabbi dem Antoninus das Verhältniß von Leib und Seele und die Verantwortlichkeit beider beim Weltgerichte darthun wollte: Ein König besaß einen herrlichen Park. Um ihn vor jeder Beschädigung auch von Seiten der Wächter zu schützen, betraute er einen Blinden und einen Lahmen mit der Beaufsichtigung. Der Lahme sah die Früchte und sprach zum Blinden: „Freund, herrliche Früchte tragen die Bäume, könnten wir sie nur pflücken!" So geh und hole sie! rief der Blinde. Ja, könnte ich gehen, erwiederte der Angeredete, ich hätte sie bereits! Nun denn, sprach der Blinde, komme, ich trage Dich auf meinen Schultern, und uns Beiden ist geholfen! Gesagt, gethan! Der Blinde lieh seine Füße, der Lahme seine Augen, und Beide thaten sich gütlich. Nach einiger Zeit kam der König in den Garten und merkte gar bald, wie arg die Wächter hier gehaust hatten. Vor Gericht geladen, behauptet ein Jeder von ihnen, unschuldig zu sein; der Lahme wies auf seine Beine, der Blinde wieder auf seine Augen hin; der König aber ließ, gleichwie sie es gethan hatten, den Lähmen auf die Schulter des Blinden setzen, erwies so ihre Schuld und strafte Beide. Ebenso, sprach Rabbi, verhält es sich mit Leib und Seele: beide werden einst vors Gericht geladen, jede Schuld von sich zu wälzen suchen, da i sie gesondert nicht zu sündigen vermögen, Gott aber wird sie vereinigen und vereint bestrafen, wie sie vereint gesündigt haben?) Die Unfähigkeit des nrenschlichen Auges und die Erfolglosigkeit alles Mühens, das Wesen Gottes zu ergründen, wird durch folgendr Erzählung dargethan: Ein römischer Kaiser sprach einst zu einem Rabbi: Zeige mir euren Gott, ich muß ihn sehen! Vergebens versuchte es der Weise, die Unerfüllbarkeit solchen Verlangens dem Machthaber vorzuführen, der Kaiser bestand darauf. Es war an einem heißen Sonrmertage. Die Sonne glühte, sengend schossen ihre Strahlen zur Erde hernieder. Da führte der Rabbi den Kaiser auf das weithin sich dehnende Feld. Blick auf zur Sonne! sprach der Rabbi. Das vermag ich nicht! antwortete der Kaiser, die Sonne blendet mein Auge! Nun denn, sprach der Rabbi, vermagst du nicht in das Auge eines der Diener seines Palastes zu blicken, wie wolltest du ihn, deffeu das All ist, sehen?«) 3. Schon Hiob sieht in dem Auge das Bild der Sonne und in den Augenwimpern ihre Strahlen (3, 9; 41, 10)?) Die rabbinische Anschauung entwickelte das Bild weiter: das Auge wird ihr ei» Bild des Weltalls: das obere Lid ist das Firmament, das untere die Erde, das Weiße ist der Ozean, das runde Schwarze aber in der Mitte ist der Sonnenball, der Alles erleuchtet?) Nach einer späteren ') Chag. 3 b. 2) Vgl. Hiob 29, 15; Jer. 31, 8; 2. Sam. 5, 6-8. Die letztere dunkle Stelle will sagen: die Besatzung von Jebus ist so stark, daß selbst die Blinden und Lahmen der Stadt die Macht Davids zu brechen vermögen. St. -p'Drt muß gelesen werden. 3) Tan. 4a; Ket. 17a; Sanh. 91b; Lev. r. 4. 4) Sanh. 41a und b. 5) Chulin 59 b und 60 a 6) Vgl. Sophokles Antig. 104; Schlittens zu Hiob 41, 10. Bei den Egyptern heißt die Sonne das westliche, d. h. das rechte Auge im Gegensatz zum Monde, der das östliche, d. h. linke Auge genannt wird; vgl. Brugsch, die altägyptische Völkertafel in den Abhandlungen des 5. internationalen ordentlichen Kongresses, Berlin 1882, 1, Afrik. Sekt. S. 27, s. auch Wiedemaun, Die Religion der alten Aegypter, Münster 1880, Seite 160. 7) Bech. 16a, vgl. auch Sanh. 168a.

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