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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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Jahrhundert ins Merr der Vergänglichkeit hinnntersinken, denn die Sündfluth ches Haffes und der Verhetzung der Gottesebcnbilder hat sich noch nicht verlaufen. Noch bedeckt die Erde die Gotteserkenntniß nicht, deren schönste Frucht die Bruderliebe ist. Aber schon bricht ein Strahl des friedenverheißenden Regenbogens durch die schwarzen Wolken der Vorurtheile und der Bosheit, der den endlichen Sieg der alle Menschenkinder einenden Liebe näher rückt. Ein solcher lichter Strahl ist uns der in Rom demnächst tagende allgemeine Friedenskongreß. Wie könnte die Judenheit ihn anders als mit Sympathien begrüßen, da er doch jener Idee einen so kräftigen Ausdruck geben soll, für die sie gekämpft und gelitten, und um derentwillen sie tausendfaches Verderben geduldig ertrug? Werden erst jene verderblichen Kräfte nicht mehr gegen einander wüthen und die Völker ihre auseinandergehenden Neigungen in dem Wettbewerb um die Segnungen der Kultur, statt im blutigen Ringen bethätigen, dann wird auch der Jude als ein Gleichberechtigter dastehen mitten unter den Völkern, und ihm wird die Anerkennung nicht versagt werden können, ein Herold des Friedensgedankens allzeit gewesen zu sein. Wenn ein Volk gegen das andere nicht mehr das Schwert erhebt und das Kriegshandwerk nicht mehr gelehrt zu werden braucht, dann sind Israels Hoffnungen verwirklicht und die Weissagungen seiner gottbegeisterten Propheten erfüllt. Möge es dem Friedenskongreß beschieden sein, diesen ewigen Völkerfrühling, von dem die besten Menschen geträumt und gesungen, heranfführen zu Helsen!? Aus England. Von Benas Levy. Büßfertigkeit, Gebet und Wohlthun wenden ab das böse Verhängniß. Diese bekannte Stelle aus unfern Festgebete» scheint uns jetzt doppelt beherzigenswerth, da ein böses Geschick über unsere Glaubensgenoffen in Rußland hereingebrochen ist. Es erscheint uns daher wohl angebracht, wenn wir unfern Gebeten auch ein Gebet für die schwer Bedrängten anfügen, und wenn wir unsere Buße dadurch erfüllen, daß ein Jeder sein Theil dazu beiträgt, um die drängende Noth zu lindern. Diese Erwägung leiteten sicher die Juden in England, als sie am letzten Versöhnungsfest die Worte zur That werden ließen urtb auf Anordnung des Ober-Rabbiners Dr. Hermann Adler in allen Gemeinden für die Unglücklichen im Ausland — beteten und Beiträge spendeten. Die Engländer sind bekannt als ein praktisches Volk, und sie haben es von Neuem hierbei bewiesen, indem sie an dem Tage der Buße, an welchem wir Alle Erbarmen erwarten, das Mitleid wachriefen bei unseren Glaubensbrüdern; — und nicht vergebens verhallte der Ruf. Am 1. Februar 1882 fand in London die erste Versammlung zu Gunsten der vertriebenen russischen Juden statt und in Folge eines in dieser Versammlung gefaßten Beschlußes hatte der damalige Lord Mayor John Whittaker Ellis einen Aufruf erlassen, welcher in ganz England und in den Kolonien den glänzendsten Erfolg hatte. — Die ungeheure Summe von 2,160,000 M. war schnell gesammelt, und mit diesem Gelde konnte vielen der Ausgewiesenen geholfen — vielen auch die Möglichkeit gewährt werden, sich in andern Ländern, besonders in den Vereinigten Staaten und in Kanada, eine neue beffere Heimath zu gründen. Das Geld reichte bis jetzt aus. Als aber im letzten Sommer die Ausweisungen aus Rußland ungeheure Dimensionen annahmen, was am besten dadurch gekennzeichnet wird, daß 23,000 Flüchtlinge nur im Juli-August Berlin passirten, da waren die vorhandene» Mittel schnell erschöpft, zumal auch dein Berliner Centralkomitee eine beträchtliche Summe überwiesen wurde. Nun aber erläßt das Russisch-Jüdische Komitee in London einen Aufruf um neue Mittel, damit es das übernommene Liebeswerk zum Besten der leidenden russischen Glaubensgenossen fortsetzen könne. In diesem Aufruf, welcher sich an alle Engländer ohne Unterschied des Glaubens wendet, giebt das Komitee eine gedrängte, aber ergreifende Schilderung aller der Leiden, welche über die Inden im russischen Reiche verhängt wurden. Es heißt darin: Gesetze, welche lange Zeit in Rußland außer Geltung waren, wurden hervorgesucht und mit unbarmherziger Härte zur Anwendung gebracht, und neue Ukase wurden erlassen, um die früheren noch zu verschärfen. Man erlaubte den Juden nicht mehr, Ländereien zu kaufen oder zu pachten. Man verbannte sie ans den Städten und Dörfern nach jenen Bezirken, wo es den Juden gestattet war, sich aufzuhalten, — damit sie in den überfüllten Städten die dort herrschende chronische Armuth und das Elend nur noch vergrößerten. Man vertrieb Händler, Kaufleute und Handwerker mit Schande aus denjenigen Städten, in welchen es bis jetzt ihnen erlaubt war, in ehrenhafter Weise ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Man gestattete Rechtsanwälten und Aerzten nicht mehr, ihre Karriere, der sie sich mit Eifer und Geschick hingegcben hatten, auszuübcn. Man entließ Lehrer, Eisenbahn- und Postbeamte und selbst Leute, die in den untergeordnetsten Stellungen beschäftigt waren. War es daher nicht ganz natürlich, daß diese unglücklichen Opfer der Tyrannei und des Fanatismus, die man geächtet hatte, und denen man die Mittel zum Leben entzog, die man in Städten zusammengepfercht hatte, wo nur Krankheit und Hungcrsnoth ihnen drohte, in der Flucht ihre einzige Rettung sahen? Es ist kein Zweifel, daß wir dieser unglücklichen Flüchtlinge uns erbarmen müssen und ihnen unsere Unterstützung angedeihen lassen. Wir müssen ihnen helfen, daß sie nach anderen Ländern auswandern können, wo sie ein neues und glücklicheres Leben beginnen. Dieser Verpflichtung dürfen wir uns nicht entziehen, wenn auch Baron Hirsch in hochherziger Freigebigkeit einen großartigen Plan für die Kolonisation in Argentinien und andern Ländern ausgearbeitet und eine ungeheuer große Summe zu dessen Ausführung hergegeben hat. So großartig sein Plan auch ist, es kann damit nur nach und nach den Juden Rußlands geholfen werde», und auch nur eine verhältnißmäßig kleine Zahl kann untergebracht werden. Es wird außerdem einige Zeit vergehen, wie der Philanthrop selber erklärte, bis gut organisirte Komitees ins Leben gerufen und die Zufluchtsstätten genügend vorbereitet sind. Ferner aber liegt es nicht in der Absicht seiner Ansiedelungskommission, der augenblicklich drängenden Noth der armen Ausgewiesenen zu steuern, das sie jetzt drückende Elend und ihre Armuth zu lindern. Kein Mitglied der englisch-jüdischen Gemeinde wird wünsche», daß irgend einem Einzelnen, wie freigebig er auch sein mag, oder unseren Glaubensbrüdern in anderen Ländern, wenn sie auch noch so opferwillig sind, eine Aufgabe überlassen bleibt, deren Erfüllung uns Allen in gleichem Maße obliegt!" Dieser warmherzige Apell an die Mildthätigkeit hat gezündet und große Summen wurden dem Komitee sofort zur Verfügung gestellt. Die erste soeben erschienene Liste der Beitrüge beläuft sich auf ca. 800,000 M. und weitere Summen werden durch neu gebildete Komitees gesammelt werden. An die Spitze der Beitragenden haben sich Rothschild und Söhne mit 200,000 M. gestellt, und ihnen schlossen sich an: Raphael und Söhne mit 80,000 M. — Sir Julian Goldsand mit 60,000 M. —

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