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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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520 Der Vortrag behandelte das überaus wichtige Thema: „Was sollen wir unseren Kindern zu lesen geben." Auch hierall schloß sich eine längere eingehende Debatte. Die vom Vortragenden ausgestellten Thesen und Anträge gelangten dann mit der Amendirung des Direktors Dr. Holzmann zur einstimmigen Annahme. Bei der hohen Bedeutung dieses Themas, besonders für Eltern und Erzieher, werden wir auch diesen Vortrag nebst den angenommenen Thesen in einer unserer nächsten Nummern zum Abdruck bringen. Nachdem noch einige geschäftliche Angelegenheiten erledigt wurden, schloß der Vorsitzende die erste Generalversammlung mit Worten des herzlichsten Dankes an alle Anwesenden, besonders an die auswärtigen Mitglieder, die aus der Ferne herbeigekommen waren. Er hob die Bedeutung einer solchen für das gesammte jüdische Schul- und Erziehungswescn hervor und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die nächste Generai-Versaininlung in zwei Jahren ebenso zahlreich besucht werde. Deshalb rief er den Scheidenden neben dem „Lebewohl" ein „Auf Wiedersehen!" zu. U Gin Siegesschimmer des jüdischen Gedankens. Vou Bernhard Traubenberg. Mitten in dem ehernen Frieden, der jenes grause Schlachten cinleiten soll, das man die Abrechnung der europäischen Völker nennt, mitten in der bis an die Zähne bewaffneten Brüderlichkeit und Einigkeit, unter dem rüstenden Kriegsgetöse und dem mühsam verhaltenen dumpfe» Kanonengebrüll ertönt ein zarter Ton der süßen Friedensschalmei, sanft und mild und schwach zwar, aber immerhin ein wenn auch geringes Unterpfand der einstigen Erlösung aus diesem Kriegsbann, der die edelsten Völker und ihre besten Kräfte so sehr gefesselt hält. So dünn der liebliche Klang des Friedensinstruments auch ist, so ist er doch ein siegverkündendes Zeichen geläuterter und gesitteter Menschlichkeit über Barbarei und Rohheit, über Tücke und Vergewaltigung im Verkehr der Völker untereinander. Die milde, nur schwache, weil von Einzelnen angestimmte Melodei wird doch einst zu mächtigen Akkorden anschwellens und Alles was Lebensvdem hat, wird mit eiustimmen in den beglückenden Gesang, der den Frieden allüberall verkündet. Wie sehr vermag freilich der Gedanke vou dem Schneckengnng, den die Weltgeschichte beliebt, unsere freudige Empfindung herabzndümpfen und in den Kelch der Wonne verwässernde Tropfen hineinzutrüufcln! Wie kurz ist der Weg, de» ihr bedächtiger, zaudernder Schritt seit dem dem Frieden geweihten Jubelhymnen unserer Propheten bis auf den Friedenskongreß unserer Tage zurückgelegt! Wie winzig und gering der Fortschritt eines dritthalb tausend Jahre durchinessenen Zeitraums! Ja, wie sehr sticht diese nüchterne Friedenskundgebung von jenen trunkenen Auges geschauten prophetischen Bildern ab. Und doch ein Fortschritt. Die Höhe, die die Menschheit hinanklimmt, wird lichter, die Sonne am Friedenshimmel goldiger, ihre Strahlen wärmer. Die gotterfüllten Seher in der grauen Vorzeit, sie standen einsam da, niemand verstand die begeisterten Sänger, man begriff ihre friedendurchwehten Lieder nicht, das begnadete Volk, dem diese hohen Offenbarungen wurden, setzte damals der Gluth ihrer Reden eisigen Spott entgegen. Aber als die Leidenszeit über das Gottesvolk hereingcbrochen, da sog es mit Wollust die Trostesworte ei», da bildeten sie die einzige Speise, die die zagende Hoffnung nährte. Israel wurde das Gefäß, das diese kostbaren Ideale in sich barg. Von dem Zeitpunkt an, als der Mund der Propheten verstummte, wurde das jüdische Volk zum Bewahrer dieses Heilsschatzes, zum Künder dieser Hoffnung. Nun war es Israel, deffen mit Inbrunst dreimal täglich ausgestoßener Ruf nach Frieden ungehört in die Lüfte verhallte. Die dargereichte Bruderhand ward mit wildem Grimme kalt zurückgewiesen, und die Zornesfluthen all der Völker rings umher ergoffen ihr Verderben und ihr Weh auf das Haupt des armen Stammes, der der Welt die Lehre von dem einen Gott und dem ewigen Friedensfrühling gebracht. Wohin er seinen Fuß auch setzte, immer erhob er die Hand zum Schlage wider den Bruder auf. Immer waren es Frieden und Versöhnung, die seinen Spuren folgten. Was die Juden forderten, war ein wenig Raum auf der weiten Erde und freie Himmelsluft, zu athmen. Das einzige Volk, das seit zwei Jahrtausenden weder Kampf noch Streit heraufbeschworen, noch auf Eroberungen ansgezogen, hatten sie, das Wort Jesaja's wahr machend, das ehemals so scharfe Schwert zur Sichel umgestaltet und die Lanzen zu Rebenmessern, während ihre Hasier und erbarmungslosen Verfolger diese friedlicken Ackergeräthe zu blutigen entsetzensvollen Unternehmungen wetzten und wie reißende Thiere ihrer Mord- und Habgier stöhnten. Freilich, die Pflugschar und die Sichel, die des Israeliten Hand zu führen gewohnt war, ließ der einst markige Arm nun fallen. Aber auch in diesem Dunkel, von keinem Sonnenstrahl erhellt, verlor er seinen Glauben an die Zukunft nicht, , die ihm die grause Gegenwart leichter tragen helfen mußte. Und war er auch von der Gemeinschaft mit den übrigen Menschen wie durch Kerkermauern abgeschlossen, er blieb sich treu und wurde nicht müde, der Friedensbotschaft zu harren, die, vertrauend auf der Propheten Wort, doch endlich kommen mußte, dem großen Dulder Erlösung zu künden. Dieser Optimismus, dem der Jude stets gehuldigt und der ihn in der fernen Zukunft leben ließ ein Leben voll Paradiesesglück, während die Gegenwart ein wüstes Chaos, gefüllt mit dem Blute der Gemarterten, mit den Gebeinen meuchlings Gemordeter bot, dieser Optimismus war ein Abglanz des Friedens, den die prophetische Litteratur in so reichem Maße ausströmte. Wenn der Jude sich aus der großen Welt, die für ihn ein enges Ghetto bedeutete, in die unermeßlichen Gefilde seines Innern zurückzog, wenn das Sabbathlicht seine armselige Hütte erstrahlen machte, da schienen ihm die Friedenseugel in sein Haus gehuscht, da genoß er seliger Sadbathruhe, und nicht blos sein Herz war voll des heiligen, göttlichen Friedens, sondern wie seine Seher auf den kühnen Schwingen der Phantasie jenes Bild geschaut, über das der Glanz herzinniger Brüderlichkeit leuchtend ausgegossen, durfte er selbst mit vorempfindender Freude in das Sonnenglück des alle Menschenglieder in unzerstörbarer Eintracht umfassenden Weltensabbaths sehen. Und nicht blos der Sabbath besang mit seinen Jubelklängen den so heiß ersehnten Frieden. Mit noch heißerer Jnbrust klammerte man sich an den Weltschöpfungstag. Was er sonst nur ahnt, hier spricht er's mit klarem, keiner Mißdeutung fähigen Worten aus. O, daß ein Band die ganze Welt umschlänge, o, daß die Menschen in gleicher Liebe sich umfingen und nur von einem Willen, sich frei uuterordend, beherrschen ließen! Dies goldene Zeitalter, noch schlummert es im Schooß der Ewigkeit, in unmeßbaren Fernen. Aber seiner endlichen Herrschaft sind wir gewiß. Ist unser Volk noch immer und für alle Zukunft der Hauptträger des großen Gedankens, so hat er doch gegenwärtig schon in den Herzen der edelsten Männer der Zeit tiefe Wurzeln geschlagen. Der Menschhcitsgedanke, als verheißungsvolle Saat so lange in Israels Brust geschlossen, fängt zu keimen an lind zu blühen und sich die ganze Erde unterthan zil nrachen. Aber ehe die Menschenkinder sich seiner reifen Frucht erfreuen dürfen, muß noch manches

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