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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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Aus dem, dem Gedächtnisse des Rektors A. Horwitz, des Begründers der jüdischen Lehrerbildungsanstalt, gewidmeten, bei weitem größeren Theile der Gedächtnißrede sei hier folgender Passus angeführt: „ . ... Zwei Leitsterne waren es, die er bei der Lehrerbildung nie aus dem Auge verlor, zwei Ideale, denen uns zuzuführen, er unentwegt thätig war; es waren dies: Deutschthum und Judenthum. Germanisiren, dies hielt er für seine Hauptlebensaufgabe, für die wichtigste Arbeit an den jungen Leuten, die er zu Lehrern Heraubilden wollte. Deutsches Wesen, deutsche Litteratur und deutsches Vaterland, die Liebe zu diesen dreien in das empfängliche Herz der Jünglinge zu pflanzen, das hat er wohl verstanden, wie keiner sonst. Die hohe Begeisterung für alles Deutsche, die seine Brust erfüllte, sie strömte gleich einem unsichtbaren Fluidum hinüber zu seinen Jüngern .... deutsch Sprechen, deutsch Fühlen, deutsch Denken, das verlangte er von Jedem, den er als Lehrer hinausschickte in die Welt. Aber auch zu überzeugungstreuen Juden wollte er seine Zöglinge heranbilden. Daß es ihm dabei mehr auf das Judenthum im Allgemeinen, als auf seine persönliche Richtung innerhalb desielben ankam, beweist schon der Umstand, daß er auch solche Männer als Religionslehrer an das Seminar berief, deren religiöse Richtung von der seinen weit entfernt war. Auf das religiöse Wissen legte er das Hauptgewicht, die Gesinnung ließ er Sache des Herzens sein. Zu einer Zeit, da die Gegensätze innerhalb des Judenthums schroffer waren als heutzutage, da die Meinungen sich noch nicht recht geklärt hatten, trat er in den Kampf ein und nahm entscheidende Stellung in demselben; denn er war eine kampfesfrohe Natur. Aber nur aus Liebe zum Judenthum und um es lebensfrisch uud lebenskräftig zu erhalten, kämpfte er gegen alles Veraltete und Abgestorbene in demselben an, oder gegen das, was ihm so erschien. Und er führte scharfe Waffen in diesem Kampfe, seine beißende Satyre, sein allezeit schlagfertiger Witz, seine zündende Rede, sie waren gefürchtet von Freund und Feind. Denn wenn es sich um die Religion handelte, da schonte er keinen. Er war eine tief religiös angelegte Natur. Das Dichterwort Juda Halewi's: libbi l’bet-el, das er so gern im Munde führte, entsprach seinem tiefinnersten Empfinden . . . ." Mit dem Chorgesang des Horwitzschen Liedes: „Was von Staub ist, geht zu Staube" rc. schloß die erhebende Feier. Nach kurzer Pause fand der geschäftliche Theil der Generalversammlung seine Erledigung. Der Vorsitzende gab einen Rechenschaftsbericht über die Thätigkeit des Vereins während der ersten zwei Jahre seines Bestehens. Hieran schloß sich eine sehr eingehende und lebhafte Diskussion, die bisweilen recht rege wurde. Der Schatzmeister, Herr Weber, gab den Rechenschaftsbericht über die pekuniäre Lage des Vereins. Die Rechnungen und Belege wurden von den gewählten Revisoren: Krahmer-Thorn und Plocki-Hamburg richtig befunden und hierauf dem Vorstande Decharge ertheilt. An die Sitzung schloß sich unmittelbar der Besuch der Urania unter Führung des Herrn Seminarlehrers Knuth an. Am Mittwoch Vormittag 9 Uhr fanden sich alle Theilnehmer im Museum für Völkerkunde ein, wo im Aufträge und in Vertretung des Direktors, Geheimraths Dr. Bastian, Herr Assistent Dr. Weichelt die sehr belehrende Leitung übernahm. Selbst die hiesigen Mitglieder, welche das Museum schon öfters besichtigt hatten, lernten aus dem Vortrage und den sehr eingehenden Belehrungen des Herrn Dr. Weichelt den wissenschaftlichen Werth und die Bedeutung dieser Sammlung erst recht kennen. Die Besichtigung, die mehr als drei Stunden in Anspruch nahm, war für alle Theilnehmer eine zwar anstrengende, aber für ihren Lehrberuf durchaus nützliche. Am Nachmittage desselben Tages 19 - fand der bei weitem wichtigste Theil des Programms seine Erledigung. Es standen auf der Tagesordnung? Lehrprobe im Hebräischen des Herrn Seminarlehrers Marcuse und Vortrag des Herrn Seminardirettors Dr. Holzmann: „Ueber die Bedeutung des hebräischen Unterrichtes". Der Wichtigkeit dieser Punkte entsprechend, hatten sich außer den Mitgliedern auch zahlreiche Gäste eingefunden: Schulmänner und Persönlichkeiten, die mit dem jüdischen Schulwesen Berlins in enger Beziehung stehen. In der Probelektion, welche von 3 bis 4'/< Uhr dauerte, wurde der 146. Psalm sowohl sprachlich, als auch inhaltlich behandelt, und zwar in einer so interessanten Weise, wie sie allen Zuhörern unvergeßlich! bleiben wird. Nach Entlastung der Schulklasse, mit welcher die Probelektion vorgenommen worden war, fand eine Diskussion statt, an welcher sich auch die Herren Profeffor Dr. Steinthal und Rabbiner Dr. Maybauin betheiligten, und in der von allen Seiten der größten Befriedigung über das Vorgeführte Ausdruck gegeben wurde. Der Vortrag des Herrn Direktors Dr. Holzmann behandelt ein Thema von so großer Wichtigkeit und so aktueller Bedeutung, daß wir denselben in seinem wichtigsten Theile in unserer nächsten Nummer wörtlich bringen werden. Hier sei nur bemerkt, daß er auf die Zuhörer eine mächtige Wirkung übte, wie dies der rauschende Beifall am Schluß desselben bewies. Eine sehr eingehende und lebhafte Debatte, in welcher auch gegenseitige Ansichten zum Ausdruck gelangten, endete mit der einstimmigen Annahme einer Resolution, deren Wortlaut wir mit dem Vortrage zugleich zum Abdruck bringen werden, deren Inhalt aber dahin geht, daß die Versammlung sich für den hebräischen Unterricht, als eines integrirenden Theiles des jüdischen Religionsunterrichtes ausspricht. Die Verhandlungen, die hoffentlich noch zu eingehenden Aeußerungen pro et contra in diesem Blatt Veranlassung geben werden, hatten sich bis gegen 8 Uhr Abends hingezogen, so daß die Theilnehmer sich beeilen mußten, um zu dem 8'h Uhr beginnenden gemeinsamen Festmahle, welches in Cassels Hotel stattfand, rechtzeitig zu erscheinen. Nach der so anstrengenden Thätigkeit der beiden ersten Verhandlungstage gestaltete sich dieses Mahl zu einem überaus glänzenden Feste, das Allen, die sich daran betheiligtcn, unvergeßlich bleiben wird, besonders wegen der geistigen Genüsse, die während desselben geboten wurden und wegen des wirklich herzlichen Verkehrs, der sich zwischen ehemaligen Lehrern und Schülern, zwischen sonst räumlich so weit getrennten Berufsgenossen herausbildete. Die Reihe der Tischreden eröffnete der Vorsitzende Herr A. Levp mit einem Toaste auf den Kaiser, in welchen die Anwesenden begeistert einstimmten, und nach welchem die Nationalhymne von der ganzen Versammlung stehend gesungen wurde. Direktor Dr. Holzmann toastete auf den Verein, Krahmer-Thorn und Reich-Neu-Weißensee auf das Lehrerkollegium und den Vereinsvorstand u. s. w. Zwischen den verschiedenen Gängen wurden der Tafelrunde ganz besondere Kunstgenüffe geboten. So hatte Kantor Friedmann zu Ehren des Festes das Freiligrathsche Gedicht „Nebo" komponirt und trug diese Komposition, welche mit großen: Beifall ausgenommen wurde, vor. Herr Seminarmusiklehrer Rosenthal bot einige hervorragende Leistungen auf der Geige, die Herren Kantoren Abraham-Frankfurt a. O. und Lissner-Düffeldorf erfreuten die Tischgesellschaft durch ihre Sologesänge. Erst nach Mitternacht nahm der offizielle Theil des Festes sein Ende. Die Fidelitas soll sich bis zum frühen Morgen, der um diese Jahreszeit schon etwas spät eintritt, hingezogen haben. Aber viel Zeit zum Ausruhen ward den Herren nicht gelassen. Am nächsten Tage stand der Vortrag des Herrn Hauptlehrers Flanter- Gollub -auf der Tagesordnung, welcher Mitglieder und Gäste wiederum nach der Aula der jüdischen Gemeinde-Knabenschule rief 5

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