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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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>*=:p==*=F3sg 518 WW leugnet jedoch entschieden, als ob der Zar die Ungeheuerlichkeiten billigte, welche liebedienerische und zu Erpressungen geneigte Büreaukraten in Szene setzen. Eine Regierung — so erklärt der Autor —, welche 5 Millionen ihrer Unterthnncn, den zwanzigsten Theil der gesammten Bevölkerung zur Auswanderung verdammt, würde ein gradezu unerhörles crimen laesae nationis begehen und sich damit zugleich durch ein solches Armuthszeugniß der Ohnmacht vor aller Welt diskreditiren. Chon verlangt totale Abänderung der bisherigen Methode und weist nach, daß vollkommene Freizügigkeit für die Juden die unerläßliche Vorbedingung einer Reform und Amalgamirung derselben sein müsse. Wie radikal und gar nicht mit den Prinzipien der Gewissensfreiheit übereinstimmend der Autor diese „Amalgamirung" beschleunigen möchte, ist bereits gesagt worden. Wie die Sachen heute in Rußland stehen, müssen die Juden auch solche wohlwollende Rezepte noch als Beginn einer günstigen Reaktion betrachten. Jnsolange es aber nicht sicher ist, daß die Stimme dieses Frondeurs in Petersburg Gehör findet, ist die Ironie, mit der Chon die humanen Bestrebungen des Barons Hirsch, den Unterdrückten auf welche Weise immer Hilfe zu bringen, beurtheilt, ganz unstatthaft. Daß Baron Hirsch gar an die Gründung eines „transozeanischen jüdischen Königreiches" denkt, wie Chon insinuirt, um die Massenemigration der Jude» aus Rußland — was er als ein Unglück für das Zarenreich bekämpft — zu diskreditiren, glaubt der Autor wohl selbst nicht. Herr de Chon ist ein seltsamer Kauz. Aber was er über russische Zustände aus eigener Anschauung berichtet, ist doch zum Theil sehr werthvoll. In jeden Fall verdient auch diese russische Stimme gehört und beachtet zu werden. * Eine Lehrerrrersarninlung in Berlin. Berlin, 28. Oktober. Die erste General-Versammlung des Verein« ehemaliger Zöglinge der jüdischen Lehrerbildungsanstalt zu Berlin, welche vom 19.—22. d. M, hier tagte, erfreute sich eines sehr zahlreichen Besuches und reger Thcilnahme, sowohl seitens der auswärtigen, als auch der hiesigen Mitglieder und der eingeladenen Gäste. Infolgedessen gestalteten sich die Verhandlungen zu äußerst fruchtbringenden für das gesammte jüdische Schul- und Erziehungswesen. Die Arbeitslust, ja Arbeitsfreudigkeit aller Theilnehmer ermöglichte es, daß das etwas reichlich bemessene Pensum vollständig erledigt, die zur Verhandlung stehenden Fragen sorgsamst durchberathen wurden. Am 19. Abends fand die Begrüßung der auswärtigen Mitglieder und Gäste in Cassels Hotel, Burgstraße 16, statt, welche sich zu einer überaus herzlichen gestaltete. Besonders rührend war das Wiedersehen zwischen ehemaligen Lehrern und Schülern, die zuin Theil mehr als zwanzig Jahre, bei einigen sogar ein volles Vierteljahrhundert einander nicht gesehen hatten. Der Vorsitzende Herr A. Le v y begrüßte im Namen des Vorstandes und der hiesigen Mitglieder die Erschienenen und dankte denen, die aus größerer oder geringerer Entfernung unter nicht unbedeutenden materiellen Opfern sich eingefunden hatten. Von den Ufern des Rheinstroms und der Weichsel, wie auch von den entferntesten Orten Oberschlesiens waren sie herbeigekommen, und zwar Alle, um an gemeinsamer schwerer Arbeit zum Wohle der Gesammtheit sich zu betheiligen. Nachdem die Freude und der Jubel des Wiedersehens sich einigermaßen gelegt hatte, wurde das Programm für die drei folgenden Tage festgestellt. Ein Antrag, auf dieser Versammlung die nochmalige Durchberathung oder Aenderung der Vereinssatzungen vorzunehmen, wurde abgelehut, ebenso ein solcher, für die General-Versammlung einen besonderen Sitzungsvorstand zu ernennen; vielmehr wurde der Vereinsvorstand mit der Leitung der Verhandlungen betraut. Am Dienstag, 20., hatten sich bereits Vormittags 9 Uhr sämmtliche Theilnehmer: Seminarlehrer, hiesige und auswärtige Mitglieder im jüdischen Taubstummeninstitut zu Neu-Weißensee eingefunden. Zunächst sprach Herr Direktor Reich, Mitglied des Vereins, in einem sehr lehrreichen Vortrage über die Prinzipien, nach denen das Institut eingerichtet worden ist und geleitet wird, sowie über den vorbereitenden Unterricht an Taubstumme. Dann übernahm er die Führung durch die Anstalt, die aufs Eingehendste besichtigt wurde. Es bot dies, besonders für Lehrer und Erzieher, des Jnteresianten und Belehrenden so viel, daß sich diese Besichtigung weit über die dafür festgesetzte Zeit hinauszog?) Am Nachmittag desselben Tages fand in der Aula der jüdischen Gemeinde-Knabenschule, Große Hamburgerstr. 27, welche für die Verhandlungen des Vereins vom Schul- und Talmud-Thoravorstande bereitwilligst zur Verfügung gestellt worden war, eine Gedenkfeier für die verstorbenen Lehrer der Anstalt, S. Piek und Rektor A. Horwitz, statt. Außer den Theilnehmern der General-Versammlung hatten sich zu dieser Feier die Angehörigen der Familien und des engeren Freundeskreises der Verstorbenen eingefunden. Eingeleitet wurde dieselbe durch einen Sologesang des Mitgliedes Kantor Friedmann-Berlkn unter Harmoniumbegleitung des königlichen Musikdirektors Herrn Rosenfeld. Sodann hielt der Vorsitzende Herr Levy die Gedächtnißrede. in welcher er einleitend bemerkte, daß, wie in alten Zeiten am Hüttenfeste die Lehrer des israelitischen Volkes hinabstiegen zur Siloahquelle, „um Wasser zu schöpfen in Wonne aus den Quellen des Heiles", so auch jetzt am Hüttenfeste eine große Anzahl von israelitischen Lehrern wieder zurückgekehrt sei zu den Quellen, aus denen sie einst Belehrung geschöpft. Auf das Andenken an die beiden verstorbenen Lehrer übergehend, führte Redner ungefähr Folgendes aus. „Fern sei es von mir, daß ich die Freude des Wiedersehens trüben sollte durch schmerzliche Erinnerungen, daß ich kaum vernarbte Wunden wieder aufreißen sollte. Nein, ich will nur, daß in dem Kreise unserer Familie keiner fehle, und möchte deswegen versuchen, die von uns Abberufenen in unserer Erinnerung wieder aufleben zu lassen, uns geistig mit ihnen zu vereinen. Samuel Piek und Aron Horwitz, um die wir uns so oft vereinigt, sie sollen auch heute in unserer Mitte nicht fehlen. Piek war zuerst am Zunz'schen Lehrerseminar thätig, und viele der älteren jüdischen Lehrer verdanken ihm aus dieser Zeit her einen Theil ihrer wiffenschaftlichen und didaktischen Ausbildung. Ein Jünger und Schüler Diesterwegs, suchte er dessen Ideen in die Herzen der ihm anvertrauten Jünglinge zu pflanzen, besonders aber die Methodik Diesterwegs weiter zu entwickeln oder zu verbreiten. An der Lehrerbildungsanstalt war er der Vermittler Diesterwcg'scher Ideen zu einer Zeit, da deffen Name an anderen Seminarien kaum genannt werden durfte...... Er war aber nicht nur Lehrerbildner, sondern ein stets bereiter Helfer in der Noth. Als langjähriger Vorsitzender des Vereins zur Unterstützung jüdischer Lehrer in Preußen ') hat er manche Noth gelindert, manche Thräne getrocknet. Es genügte, Lehrer zu sein, um sich seiner Sympathien und eventuell auch seiner Hilfsbereitschaft vergewissert halten zu können." ') Jedem, der sich für humanitäre Einrichtungen innerhalb des Jndenthums und unserer Gemeinde interessirt, sei der Besuch dieses Instituts, welcher nach vorhergegangener Anmeldung gern gestaltet wird, angelegentlichst empfohlen. 2) Wohlthätige Menschenfreunde seien auf diesen Verein, der seit dem Tode Pieks unter Leitung des hiesigen Waisenhausdirektors Dr. Jutrosinski steht, besonders aufmerksam gemacht.

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