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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-30 · Heft 44 (30.10.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 44 (30.10.1891)
Date
1891-10-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Serlrir, 30. Oktober 1891 55. Jahrgang. Nr. 44. Allgemeine dtung öes Audmlhmls. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expeditionen Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Uabbrner Ludwig PHMppson-Äonn Vertags-Trpedition: iSerlm, Jerusiüemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind au die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Eine russische Stimme. — Eine Lebrerversammluna in Berlin. — Ein Siegesschimmer des jüdischen Gedankens. Bon Bernhard Traubenbera. — Ans England. Bon Benas Levv. — Wissenschaft und Litteratur: Ein semitisches Museum. Von Ludwig Kohn. (Schluß.) — Das Auge in Bibel und Talmud. Von Dr. Adolf Rosenzweig. (Fortsetzung.) — Feuilleton: Ter heilige Herr. Roman von Ferdinand Di essen b ach. lForts.) Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Lahr, Aachen, Karlsruhe, Wien. Brüssel, London, Petersburg. — Don Rad und Fern. — Sprechsaal. — Miseellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. - Briefkasten der Redaktion. Eine russische Stimme. Berlin, 27. Oktober. So unglaublich es auch klingen mag, aber es ist doch wahr, daß es noch Russen giebt, denen die Reaktion in ihrem Vaterlande noch nicht — despotisch genug ist. Ein solcher Frondeur ist der bekannte Publizist M. de Cyon, dessen neuestes Wert: „Lei Russie contemporaire“ soeben bei C. Levy in Paris erschienen ist. Herr M. de Cyon ist Jude. Vielleicht getauft, vielleicht auch nicht. Er war früher Profesior der Physiologie an der Moskauer Universität, mußte j in den siebziger Jahren wegen häufiger Konflikte mit der liberalen Studentenschaft den Lehrstuhl verlassen, und nach kurzem Aufenthalte in Deutschland, woselbst er als Virchows Mitarbeiter in der wifsenschaftlichen Presse einen guten Namen besaß, übersiedelte er nach Paris. Hier kam er in die Lage, der russischen Regierung nützlichere Dienste zu leisten. Er war geheimer Preßagent Gortschakoff's, als dieser nach dem Berliner Kongreß beschloffen hatte, die traditionelle Allianz mit Deutschland über Bord zu werfen. Der berühmte Redakteur der „Moskauer Zeitung", Katkoff, empfahl de Cyon, der sein Intimus war. Gleichzeitig kam Cyon durch seine Heirath mit Fräulein Poliakoff (aus der Familie der russischen „Eisenbahn-Könige") zu j großem Vermögen. Er war eine Zeit hindurch auch Eigenthümer des „Gaulois" und entwickelte in seiner öffiziellen Eigenschaft eines finanziellen Delegirten der russischen Regierung in Paris von den Jahren 1880 bis 1889 den größteir Eifer. In seinem neuesten Buche interessirt uns mm vor Allem die Stellung dieses Mannes zu der Judenfrage, der natürlich ein besonderer Abschnitt gewidmet ist. Von Antisemitismus kann zwar bei M. de Cyon (der sich früher Zion geschrieben hatte) keine Rede sein, allein seine Vorschläge gipfeln doch merkwürdiger Weise darin, die. russische Regierung möge das Schwergewicht ihrer Aktion auf die massenhafte Bekehrung der Juden zur Orthodoxie legen! Allerlei Prämie», selbst vollständige Befreiung von der Militärpflicht, solleir während der ersten Jahre den Konvertiten gewährt werden, wobei Bk. de Cyon in treuherziger Weise versichert, es sei gar nicht »othwendig, das; diese Bekehrungen aus wirklicher religiöser Ueberzeugung stattfänden; diese Ueberzeugung komme auch nachträglich nicht zu spät. Er versichert, die griechisch-orthodoxe Kirche lege den Uebertritten von Juden eher Hindernisse in den Weg. Die Gesetzgebung in dieser Hinsicht sei eine schwerfällige, und die Beamten thnn alles Mögliche, um solche Uebertritte zu Hintertreiben, weil jeder Jude eine sichere Einnahmsquelle für ihre Erpressungen bedeute. Deshalb sollte man den Juden jedenfalls den Uebertritt zu der katholischen oder protestantischen Religion verbieten, ba die Nationalisirnng der russischen Juden-nur innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche ain raschesten geschehen werde. Diese Ideen des Autors als Maßstab seiner Gesinnungen in puneto Gewissens- und Religionsfreiheit vorausgesendet, muß andererseits konstatirt werden, daß er alle Argrnnente, welche die rrissischen Antisemiten gegen die angeblichen moralischen Gebrechen und volkswirthschaftlichen Spezialsünden der russischen Inden ins Feld führen, als muthwillige Erfindungen bezeichnet. Ausschließlich die Zusammenpferchung der russischen Juden in wenigen Grenzgouvernements, die kurzsichtige Politik der Regierung in dieser Frage sei an allem Uebel schuld. Es wird bewiesen, daß die Allswucherung der Bauern gerade in den von Juden nicht bewohnten Provinzen am trassesten betrieben werde. Von einem jüdischen „Kapitalismus" in Rußland zu sprechen, sei geradezu lächerlich, da die Armen zu den Elendesten im Zarenreiche gezählt werden können. Besonders interessant und mit großem Freimuth (für einen Apostel der alleinseligmachenden Autokratie) geschrieben ist die Darstellung der bewegenden Gründe der gegenwärtigen Judenverfolgungen in Rußland. Die antisemitischen Hetzer in Rußland, die Beamten, welche jeden Tag eine neue Proskriptionsmaßregel äushecken, die „Jntelligenzia", die ehedem noch mit den Juden ftaternisirte und wie in Allem so wenig Selbstständigkeit der Auffasilmg besitzt, daß sie stets den Impulsen von oben folgt, selbst wenn sie meint, in radikaler Opposition zur Regierung zu stehen: sie Alle sind im. Grunde voll de»l Wunsche beseelt, dem Alleinherrscher gefällig zu sein, und ihnen genügt die allgemein verbreitete Voraussetzung, daß Alexander 111. wenig Sympathien für die Juden besitze. Allein Niemand von diesen Höflingeil hat den Muth, dieses Motiv des Vorgehens in der Jndenfrage zu gestehen, sondern es werden allerlei religiöse oder nationale und volkswirthschaftliche Vorwände gebraucht, um dem vermeintlichen Willen des Zaren gefällig zu sein. Der Autor giebt die erwähilte Antipathie Alexanders III. als ein persönliches Gefühl zu. Er findet sie sogar begreiflich und durch die Impressionen des Zaren, der nur „jüdische Parvenüs oder mörderische Nihilisten" <le visu kenne» lernte, nwtiviri. Er

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