Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 über Psychiatrie und gerichtliche forensische Medizin fanden um so mehr Alnklang, als dazumal nur sehr wenig psychiatrische Kliniken in Mitteleuropa. bestanden und die Prager Irrenanstalt als Musteranstalt anerkannt wurde. Zahlreiche ehemalige Schüler des Professor Fischel sind heute Irrenärzte von Ruf und Leiter von bedeutenden Irrenanstalten des In- und Auslandes, und deshalb hat die heutige Feier des greisen Jubilars eine mehr als lokale Bedeutung. Frankreich. * Paris, 16. Oktober. Die russische Anleihe, die augenblicklich das Interesse der Finanzkreise in Allspruch nimmt, giebt einigen Hetzblätterll willkommene Gelegenheit zll jndenfeindlichen Allsfälle,l. So schreibt der „Jntrnnsigeant": „In Deutschland wurde liichts verabsäumt, um die Anleihe scheitern zu machen. Die deutschen Bankiers weigerten sich auf Befehl, zu zeichnen und Zeichnungen entgegen zu nehmen. Sie fanden Mitschuldige in Frankreich selbst, unter beu hohen jüdischen Baronen der Finanz-Feudalität. Die Nolle der letzteren überrascht uns nicht. Schon vor langer Zeit beganllen sie ihr kolossales Vermögen damit aufzubauen, daß sie auf denRuin des Vaterlandes spekulirten. Datirt nicht der skandalöse Reichthum des mächtigsten unter ihnen von Waterloo (Rothschild). Die französischen Vaterlandsfrellnde wissen jetzt, daß sie zwei Feinde im gleichell Hasse zu verschn,elzen haben: die Deutschen mld die Juden." Großbritannien. * London, 9. Oktober. In der Sitzung des russisch-jüdischen Komitees, welche letzten Montag abgehalten wurde, zeigte der Schatzmeister an, daß der „Mansion-House-Fond" vom Jahre 1883 fast erschöpft sei; es wurde deshalb beschlossen, sofort einen neuen Aufruf zu erlassen. Bei der weiteren Sitzullg des Komitees, in welcher die Orgauisirung der neuen Sammluilg berathen wurde, wurde mitgetheilt, daß die Herren N. M. Rothschild n. Söhne sich an die Spitze der Subskriptionsliste mit der munifizellteu Sllmnle von 200,000 Mk. eingezeichnet haben. Vo,l weiteren Spendern neunen wir: Sir Julian Goldschmidt mit 60,000 Mk., R. Raphael u. Söhne mit 80,000 Mk. unb S. Montag ne u. Co. mit 40,000 Mk. Rumänien. * Bukarest, 12. Oktober. Ein von mehr als hundert der angesehensten Christen unterfertigtes Cirknlar macht in allen Kreisen unserer Stadt die Runde. Dasselbe lautet: „Angesichts der Agitationen, welche in letzterer Zeit gegen unsere Inden entstanden sind, und in Anbetracht dessen, daß wir die Judenfrage anders verstehen, als sie in biefeu Agitationen gestellt worden ist, d. h. daß es nach 25 Jahren konstitutionellen Lebens heute wenigstens unsere Pflicht wäre, das zu thun, was andere civilisirte Staaten schon viel früher gethan haben, und deren Gährungen und vergeblichen und ungesunden Erschütterungen vorzubeugen, — daß wir die rumänischen Juden nach Ablauf eines noch festzustellenden Stadiums zu rumänischen Staatsbürgern machen; daß wir auf dem Kongresse von Berlin formell versprochen haben, diese Pflicht ebenso wie gegenüber den Armeniern und Zigeunern, die wir bereits zu Staatsbürgern gemacht haben, erfüllen werden; daß es keineswegs ein Zeichen der Civilisation ist, gegen ein absolut noth-. wendiges Element feindselig zu sein, das zum Theil das bei uns fehlende Bürgerthum ersetzt und durch die Konkurrenz für uns Arme die Preise ins Gleichgewicht bringt, und mit dem wir seit Jahrzehnteil in Harmonie und täglichem Verkehre leben; daß dieses Element sich mit jedem fortschreitenden Tage mit uns assimilirt und gleichmäßig wie alle Bürger die Staatslasten trägt; das dieses Element kein anderes Vaterland kennt, als jenes Land, in dem es geboren ist und sich sein Brod verdient, und daß die den Juden feindseligen Agitationen im Namen des unwissenden Volkes ödes jenes Theiles betrieben werden, der an dem Puppenspiel auf der Weltbühne nicht theilnimmt, haben wir Unterzeichnete beschlossen, aus allell Kräften unb auf allen möglichen Wegen durch Bildung einer Gesellschaft, welche öffentliche Konferenzen abhalteu, Broschüren schreiben und wenn möglich auch eine Zeitung herausgeben wird, uns zu bemühen, eine mächtige und der Ertheilung der Staatsbürgerschaft an die rumänischen Juden sympathische Strömung hervorzurufen. Gleichzeitig appelliren wir an die Studenten, die Presse und jeden ehrenhaften Mann jeder sozialen Schicht, sich uns anzuschließen und mitzuhelfen, eine Sache zu realistren, welche den Ruhm einer ganzen Generation ausmachen kann." Rußland. * Petersburg, 11. Oktober. Es gilt als sicher, daß schon in allernächster Zeit der Reichsrath das von der Kommission unter Präsidium des Ministergehilfen v. Plehw e ausgearbeitete umfangreiche Projekt durchsetzen wird, das die Arbeiten der früheren „Juden- Kommifsionen" zum Abschluß bringt. Einige Maßnahmen derselben haben übrigens schon ihre Sanktion erhalten und werden bereits allgewandt. * Odessa, 14. Oktober. Ueber die feierliche Eröffnung der landwirthschaftlichen Farm beim Odessaer jüdischen Waisenhanse, von der wir bereits meldeten, brillgt die „Od. Ztg." nachstehende ausführlichere Details: Die Einweihnng der beim Chadshibei-Liman errichteten jüdischen landwirthschaftlichen Farm erfolgte am 26. September. Derselben wohnten bei: der Herr Stadthauptmann General-Lieutenant Selenoi, der Verwalter der Kais. Domainen Herr Ssomow, der Gehilfe des Stadlhauptes Herr Ligin, Mitglieder der Stadtverwaltung, einige Stadtverordnete, der Präsident der Südrussischen landwirthschaftlichen Gesellschaft, Vertreter der Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden. Vertreter des Aerztevereins rc. Die Weihe wurde mit eillem Gebet für Se. Majestät den Kaiser und das Kaiserliche Haus beschlossen. Nach der Weihe wurde für die geladenen Gäste ein Frühstück servirt, wobei der Herr Stadthauptmann beu ersten Toast auf Se. Majestät den Kaiser und das Kaiserliche Haus ausbrachte. Das Mitglied der Stadtverwaltung, Herr Chari, toastete hieraus auf das Wohl des Herrn Stadthauptmaims. Darauf erhob General-Lieutenant Selenoi sein Glas und sagte ungefähr Folgendes: Diese landwirthschaftliche Farm ist von der Odessaer jüdischen Gemeinde gegründet worden, um die jüdische Jugend zur Landwirthschaft heranzubilden; es ist dies ein sehrsympathisches Unternehmen, umsomehr, da im Laufe der Zeit die Juden sich ganz von der Landwirthschaft abgewandt haben und dadurch ein Mißverhältniß in den Beschäftigungen derselben eingetreten ist, wodurch die Shmpathien der übrigen Bevölkerung sich von ihnen abwandten, und infolge dessen die Juden in der letzten Zeit auszuwanderu aufingen. Es ist deshalb sehr erfreulich zu sehen, daß die Juden sich bestreben, ihre Jugend zur Landwirthschaft heranzubilden. Vertreter der jüdischen Gemeinde, thut dies auch ferner, und sucht euere Glaubensgenossen von der Auswanderung zurückzuhalten; beim die Auswanderer finden in dem fremden Lande wahrlich keine Besserung ihrer Lage. Erst vor einigen Tagen habe ich von den Vertretern der Juden in Palästina ein Bittschreiben erhalten, daß ich der jüdischen Emigration Einhalt thun möchte, da sonst das Elend der Auswanderer in Palästina zu groß wird. Die Auswanderer leiden in Palästina die schrecklichste Noth. Lasse sich das Jeder gesagt sein, und überlege sich Jeder erst genau, was er thut, wenn er die Auswanderung aus Rußland beschließt. In der Hoffnung, daß meine Worte nicht im Winde verhallen, erhebe ich mein Glas auf das Wohlergehen der gegründeten Farm und dasjenige der Anhänger des mosaischen Glaubens. — Auch der Herr Minister des Innern war von der Einweihung in Kenntniß gesetzt worden, worauf voll Sr. hohen Excellenz nachstehendes Telegramm einging: „Danke herzlich für die Nachricht, ° übersende meinen Glückwunsch zur Eröffnung der landwirthschaftlichen Farm." (Zur Erklärung der Herzlichkeit sei darauf hingewiesen, daß am 26. September die russische Anleihe noch llicht gezeichnet war. Red.) Afrika. * Marokko, im Oktober. Ueber die bereits vor längerer Zeit von hier telegraphisch gemeldeten Ausschreitungen gegen die Juden werderc nullmehr ausführliche Mittheilungeu bekannt; so schreibt ein Augenzeuge unter dem 28. Juli: Heute hat nur wenig gefehlt, und die Araber äscherten das Judenviertel ein, mordeten und plünderten. Folgendes gab die Veranlassung : Vor acht Tagen kamen einige arabische Geistliche (Tolbü) uad) dem Mellah, um israelitische Kinder zu stehlen; man überraschte sie und nahm ihnen ein vierjähriges Kind ab, das sie urnbringell wollterl, weil — wie es heißt — dieses Opfer es ihnen möglich macht, einen geheimen Schatz zu entdecken. Durch die Güte der Vorsehung wurde das Kind gerettet rurd der Schuldige vor den Pascha geführt und festgenommen. Dies war das erste Mal. Heute erschienen vier dieser hochangesehenen Muselnlällner und stahlen zwei Kinder, die sie unter ihren Kleidern verbargen. Sie wurden von Israeliten bemerkt, angehalten und die Kinder ihnen abgenommen; jetzt kennt Jeder die Gefahr und überwacht seine Kinder. Die TolbL zogen ihre Dolche und kämpften mit den Israeliten. Zwei dieser TolbL sind im Gefängniß