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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-23 · Heft 43 (23.10.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 43 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 intb ein dritter verwundet. Daher stürzten sich die Araber ans das Thor des Mellah und wollten uns angreifen unb plündern, als der Cmd des Thvres dasselbe schließen und von Soldaten bewachen ließ. Die Israeliten, welche sich zur Zeit im arabischen Viertel befanden, wurden theils beraubt, theils verwundet; sogar die israelitischen Frauen wurden verwundet und ausgeplündert. Vorläufig finb wir eingeschlosseu in unsere Häuser uud bleiben so lange darill, bis wir wissell, welche Weudllllg die Dinge nehmen. Soeben kamen einige Israeliten aus Sasfi an. Am Thor wurden sie mißhandelt, unb man nahm ihnen alles Geld ab, das sie bei sich führten. Die arabischen Kameeltreiber, die sie hergeleitet hatten, vertheidigten sie tapfer, bis sie sie nach dem Fondak „Ben Elmerabit" gebracht hatten. Glücklicherweise begab sich der Sohn des Pascha an das Thor des Mellah; ich ging ihm entgegen, er entsandie vier Soldaten, um jene Israeliten nach dem Mellah zu geleiten. Wir bitten Gott, daß er sich unserer erbarme. Einige Tage später brachte mail in Erfahrung, daß dieser Zwischellfall keine Folgen gehabt und daß die Israeliten voll Marokko wiederum ihren Geschäfteil llachgeheil füniten. Alle Berichte stimmen darin überein, daß dies der energischen Haltung des Sohnes des Paschas zu darrkeu ist, dem in Abwesenheit Sr. Majestät die Negierung der Stadt obliegt. Am 8. Juli 1891 bemächtigte sich ein Araber zu Dar Elbida eines elfjährigen Judenknaben von geringer geistiger Begabung, führte ihn zu dem Richter, wo er ihn beredete, zum Moslenr überzugehen. Das Kind ließ Alles mit sich geschehen, wurde nach Rabat geführt, wo der Richter es als Moslem aufnahm. Zwei Israeliten der Stadt hörtell davon, bemühten sich, es allfznfinden, und entdeckten es in einem Laden, inmitten der Araber sitzend, den Kopf geschoren und in arabischer Kleidung; sie sprachen mit ihm, imb am 12. Juli kehrte das Killd zu beit Juden zurück Hierauf ließ der Richter voll Rabat zwei der ältestell und allgesehensten Juden der Stadt, die an dem Vorgang nicht den geringstell Antheil Hatten, sestnehmen, sperrte sie mit Mördern zusammen und gebot, daß sie weder Speise noch Trank bekommeil sollten. Die Juden begaben sich zum Gouverneur, itub dieser forderte Erklärungen vom Richter; der Richter erwiederte, das; er vierzig Inden festnehmen und im Gefängniß vor Hunger und Durst verkommen lassen würde, bis mall ihm ben Knaben ansgeliefert. Als die Jliden sahen, daß ihnen kein anderer Ausweg blieb, lieferten sie das Kind ans, und die beiden gefangenen Juden wllrden frei gegeben. Das Kind befindet sich noch immer in den Händen der Araber; seill Vater, Jakob Alsaee mit Namen, ist natnralisirter Franzose; er hat eille Klage eingereicht beim französischen Konsul, imb dieser hat die weiteren Schritte gethan. Der nämliche Richter hat vor einiger Zeit einen verleumderischen Brief an den Sllltan geschrieben, bezugnehmend auf den IKabbiuer von Rabat, Joseph Verdugo, der in Folge dessen sich in Lebensgefahr befand. Auch einen brasilianischen Juden hat er grausam mißhandelt und ihn ins Gefängniß bringen lassen, mit dem Befehl, ihm weder Speise noch Trank zu verabreichen. Jll der nämlichen Stadt Rabat handelte am 17. Juli ein Araber bei einem jungen jüdischen Kaufmann um einen geringsügigen Gegenstand und entfernte sich, da sie über den Preis nicht eillig werden konnten; bald darauf kehrte er zurück und behauptete, in dem.Lndeil vier Doros (5 Frankellstücke) liegen gelassen zu haben; der junge Mann erklärte, daß er nichts gefunden. Der Richter, anstatt dem jungen Mann den Eid anfzuerlegen, wie es das Gesetz verlangt, ließ ihn ins Gefängniß werfell, und die arabischen Mitgefangenen, den schamlosesteil Lastern huldigend, mißhandelten ihn derart, daß er halb todt ans dem Gefällgniß zurückkehrte. U Kon Nah und Fern. ~ Die Kan fl ent e I n lins Neichenheim, Emil Latz, Simon Lippmann, Wilhelm Kopetzky, Theodor Lassally, Gotthilf Satoinon, Wolf Hermann und Josef Fürst in Berlill sind 31t' Handelsrichtern, Kommerzienrath Hugo Lissauer, sowie die Kanf-l teilte Isaak Baswitz, Her man n Landsberger, Bendix Bern-^ Hardt und Hugo Bendix zu stellvertretenden Halldelsrichtern etnannt worden. — Der Oberpräsident der Provinz Braudenbilrg hat! dem von der Königlichen Negierung zu Frankfurt a. O. revidirten Statut der neu begrülldeten Syllagogengemeinde zu Schwiebus, welche' bisher zur Synagogengemeinde Züllichan gehörte, die Bestätigung theilt. Die neue.Gemeinde umfaßt den sogenannten alten Schwiebuserl Kreistheil des Znttlchau-Schwiebuser Kreises mit Einschluß der Qrt-! schaften Jordan und Ulbersdorf. Sitz der Gemeinde ist die Stadt Schwiebus. — Die Kosten der neuen Synagoge in der Lindenstraße habell insgesammt rund 820,000 Mark betragen. Auf die innere Einrichtung sind davon etlva 115,000 Mark entfallen. — Zu eiller verschärften Jndenhetze will. nach der „Krenzzeitniig". der antifemitiiebe „Deutsche Volksverein" das Weibnachtsfest mißbrauchen. Der Verein will iil diesen Tagen ein Anzeigenblatt antisemitischer Geschäfte auf ben Straßen vertheilen lassen und Bezirksversammlungen nich jüdischer Kauflente Berlins einberufen, um diesen die Kenntlichmachnng ihrer Geschäfte vorznschlagen. Auch die Frauen solleil ihren Männern Vorspanndienste leisten. — Der Umstand, daß einem russischen Juden jüngst die Naturalisativll ertheilt worden ist, entpreßt dem „Volk" den Klageruf: „Wir haben also nach Ansicht unserer Behörden noch nicht genug Inden in Berlin." — Gegen den antisemitischen Schriftsteller Karl Paasch, der in einem Brief an den Reichskanzler den Gesnndtschaftsattacho Freiherrn von Eckardstein als „Judensproß" und Abkömmling des in den Towerdiebstahl verwickelten Jakob Siein bezeichnet hatte,'soll von dem Betroffenen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt worden sein. — An die Mittheilung, daß eine nach Hannover berufene Konferenz der verschiedenen antisemitischen Richtungen abbestellt ist, weil bei der scharfen Polemik zwischen den einzelnen führenden Persönlichkeiten weitere Einignngsverhandlungen als aussichtslos angesehen werden, knüpft die „Norddeutsche Allg. Ztg." die Bemerkung, daß der „antisemitischen Bewegung eine tiefere politische Bedeutung nicht beizumessen ist". — In Frankfurt am Main ist die projektirte Jeschiwa des Rabbiner Dr. Breuer ins Leben getreten. — In Alzey ist Herr Dr. Levi, ein Zögling des Breslauer Seminars, zum Rabbiner gewählt worden. — Herr Professor Wilhelm Bacher am Rabbinerseminar zu Budapest, Schüler des seligen Prof. Dr. Graetz, hat es unternommen, die kritische Bibelausgabe, von welcher der Verstorbene nur einige Bogen korrigiren konnte, zu ebnen. Der erste Theil, den Text der letzten Propheten enthaltend, wird binnen Kurzem erscheinen. - In Rotterdam wurde am 1. Oktober eine Synagoge eingeweiht Sie wurde erbaut, um das auf den Bomnpjes (Quai) stehende alte Gebäude zu ersetzen. Diese Synagoge steht seit nahezu 200 Jahren, doch mit dem Wachsthnm Rotterdams zog sich die jüdische Bevölkerung nach anderen Theilen der Stadt. — Die Juden Belgiens haben ihrem ehemaligen Oberrabbiner M. Dreyfuß eine Ehrengabe, bestehend aus einem Silberservice von seltener Pracht, und eine reich ansgestattete Adresse gewidmet M. Lambert de Rothschild begab sich eigens nach Paris, um das Ehrengeschenk dem Oberrablnner zu übergeben. — Die Königin Viktoria von England hat den Major Juliän John Leverson als Kommissar zur Abgrenzung des englischen und portugiesischen Interessengebietes ernannt. — Herr Alfred L. Cohen in London hat Namens eines Theils der israelitischen Gemeinde in London dem dortigen Oberrabbiner eine Anweisung über 2545 Pfund (50,900 Mk.) überreicht, um ihm die Möglichkeit der Erwerbung und würdigen Ausstattung eines Hauses in der Londoner City zu sichern. Dr. Adler besitzt zwar schon ein Hans, jedoch in einem anderen Stadttheil, während er kontraktlich verpflichtet ist, einen Theil des Jahres in der inneren Stadt zu wohnen. - In der Nacht vor dem Versohnungstage ist in dem fast ausschließlich von Glaubensgenossen bewohnten Städtchen Hertza, Distrikt Donohoni, obere Moldau, ein Feuer ausgebrochen, das 1375 Seelen obdachlos machte und an den Bettelstab brachte. Da Alles noch im Gotteshause war, als das Feuer ansbrach, konnte buchstäblich nichts gerettet werden, um so weniger, als die Häuser auch schlecht gebaut waren. Auch Menschenleben ging zu Grunde. Die' Noth ist unbeschreiblich groß und schleunige Hilfe dringend nothwendig. — Von den nach Palästina ausgewanderten Juden kommen fast mit jedem Dampfer große Partien wieder nach Rußland zurück. So trafen mit dem Dampfer „Nossija" dieser Tage ca. 100 Inden in Odessa ein, welche das erhoffte Glück in Palästina nicht gefunden hatten. — In Nen-Se eland hat das Haus der Repräsentanten einstimmig den Antrag Sir Georg Greys angenommen, nach welchem eine Petition an den Zaren um Aufhebmlg der Rechtsungleichheit abgesandt werden sollte. Die von dem Antragsteller Unterzeichnete Petition wurde direkt an den Zaren abgeschickt. Druck unb Verlag, von Rudolf Mos je in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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