Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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55. Jahrgang, fitr. 43. Äerite’23,0ktobcr 1891 Weitage zur „Akrgemeinen Zeitung des Zuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. £ Berlin, 21. Oktober. Der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Ceutral-Komilees für die russischen Inden Hai zur Lösung einiger Hauptfragen, die sich auf die Auswanderung der russischen Juden beziehen, eine Versammlung von Vertrauensmännern der hervorragendsten jüdischen Gemeinden Deutschlands wie des Auslands nacb Berlin eingeladeu. Diese Versammlung hat gestern hier im Nepräsentanten-Saale der jüdische!'. Gemeinde ihre Berathungen begonnen. Anwesend waren die Delegirteu aus Nordamerika, Frankreich, Dänemark, Holland, Oesterreich und Ungarn, ferner aus allen großen Städten Deutschlands. Bei der Konstituiruug wurden zum Präsidenten gewählt: Justizrath Meyer-Berlin, zu Ehren-Präsidenteu Dr. Goldman - Newyork, Loeb-Paris, Dr. Stern-Wien, Dr. Si monsen-Kopenhagen, zum stellvertretenden Präsidenten Kommerzienrath L. M. Goldberger-Berlin, zu Schriftführern Karl, Emil Franzos- Berlin, Rechtsanwalt B. Breslauer-Berlin, Dr. Goldziher- Budapest, Dr. Bam verger-Königsberg. Der Vorsitzende legt in seiner Eröffnungsrede die Grundzüge der bisherigen Hilfs-Aktion dar. Hierauf erstattet Herr L. M. Goldberger-Berlin Bericht über die bisherige Thätigkeit des hiesigen geschäftsführenden Ausschusses. Sodann berichtet Rechtsanwalt Breslauer über die Organisation der Beförderungskomitees all der ostpreußischen und oberschlesischen Grenze, sowie in den Hafenstädten und in denjenigen im Innern des Landes gelegenen Städten, welche für die Befördigung der Auswanderer thätig sind. Ferner theilt er die Grundsätze mit, nach welchen die Auswahl der von diesen Komitees zu Befördernden erfolgt. Hiernach werden nur solche russische Unterthanen jüdischen Glaubens, welche zur Auswanderung gedrängt und hilfsbedürftig sind, und in erster Reihe Handwerker lind Ackerbauer, ltnb zwar junge, arbeitsfähige Männer mit nicht zu großen Familien befördert, während alte Leute oder Personen, welche zufolge ihres Berufes sich voraussichtlich im Auslande nicht ernähren können, von jeglicher Hilfe seitens des Beförderungskomilees ausgeschlossen sind. Der Berichterstatter schildert auch den Weg, welchen die Beförderten von der Grenze bis zu den deutschen Hafenstädten zu machen haben, so zwar, daß hierbei jeglicher Aufenthalt im Lande selbst, so weit er nicht zur Verpflegung und ärztlichen Hilfeleistung erforderlich ist, unterbleibt. Endlich giebt der Berichterstatter diejenigen Endziele an, an welche die Auswanderer befördert werden. Europa bleibt als Endziel völlig ausgeschlossen; die Auswanderer werden größtentheils nach Nord- und Südamerika befördert. Während diese Nummer in den Druck geht, dauern die Verhandlungen noch fort, über deren interessante und wichtige Ergebnisse wir in nächster Woche einen ausführlichen Bericht geben werden. — Der geschäftsführende Ausschuß, der den Delegirteu eine wahrhaft liebenswürdige Aufnahme bereitete, hatte dieselben auch für den Abend des 20. Oktober zu einem Souper in den Räumen der „Gesellschaft der Freunde" eingeladen, das einen sehr animirten Verlauf nahm. Den Reigen der Tischreden eröffnete Herr Justizrath M e y e r mit einerzündenden Ansprache und Begrüßung. Dann folgten gerst- und gemüthvolle Toaste der Herren Dr. Alfr. S tern - Wien, Geheimrath Kr i st e l ler, Rabb. Dr. Rah mer-Magdeburg, Dr. Goldman-Newyork, Kommerzienrath L. S. Go ldberger, Rabb. Dr. Bamberger - Königsberg, Bt. Cautor-Amsterdam, Rabb. Dr. Frank-Köln, E. Lehmann- Dresden, D. Zifferer-Wien, Sanitätsrath Dr. Neumann, Professor Dr. Lazarus, Dr. H. Hildesheimer. Die Stimmung des Abends war eine sehr fröhliche und im Hinblick auf den Gang der Verhandlungen wahrhaft zuversichtliche. * Berlin, 19. Oktober. Der im September d. Js. verstorbene Rentier Siegfried Lessing hat einer Reihe hiesiger Wohlthätigkeitsanstalten bedeutende Legate ausgesetzt, so der Armendirektion zur Vertheitung an Bedürftige ohne Unterschied der Konfession 10,000 Mk., dem Asyl für Obdachlose 6000 Mk., dem Königin-Augnstahospital 10,000 Mk., der Pichonstiftnug 12,000 Mk., dein „Hilfsvereiu für jüdische Studirende" 15,000 Mk. und für „die königliche Blindenanstalt" hierselbst 5000 Mk. In Bezug auf die letztere Stiftung sind nun zwei Anstalten mit Ansprüchen hervorgetreten, nämlich die königliche Blindenanstalt, früher in Berlin, jetzt in Steglitz domizitirt, und die hiesige städtische Blindenanstalt, welche schon zu Lebzeiten des Erblassers von demselben mehrfach mit Unterstützungen bedacht worden war. T. Berlin, 20. Oktober. Die Anordnung des großbritanu ischeu Oberrabbiners au alle Gemeinden seines Bezirks, die hohen Feiertage zu einem Appell für die russischen Brüder zu benutzen, verdient Beachtung. Dies Thema ist leider ein stehendes geworden, weil auch die Roth und das Elend, die Flucht und das Umherirren so großer Volksmassen dauernd auf der Tagesordnung steht. Die hohen Feiertage, an denen das Gemüth frei von dein Werktagssinn jeder edlen, menschenfreundlichen Regung zugänglich ist, scheint in der That sehr günstig zu solch einem Appell zu sein, und es muß bedauert werden, daß nicht überall, wo Juden wohnen, die Gelegenheit an solchen Tagen wahrgenommen wurde, die Herzen und Hände für die russischen Brüder zu öffnen. Vielleicht kann das Versäumte am künftigen Schemini Azereth, dem Tage der Seelenfeier, die ja gleichfalls Israels Schaaren vollzählig zum Gotteshause wallen läßt, uachgeholt lverden. © Berlin, den 20. Oktober. Zwischen Rosch Haschauah und Jom Kippur kam hier wieder ein kleiner Trupp zuüctkehreuder Auswanderer durch. Ich hatte Gelegenheit, mich mit den Männern zu unterhalten. Ihre Reise von New-Uork nach Brasilien und von da wieder bis zu ihrer abermaligen Schiffsbesteigung, um der Heimath znzusegeln, konnten sie nicht mit genug schwarzen Farben schildern. Den Mühseligkeiten des unstäten, ziellosen Wanderlebens wollten sie doch die Leiden in Rußland vorziehen, und ihre Brüder nur za vor dem Verlassen der heimathlichen Erde warnen, wenn sie nicht ein festes Ziel vor Augen hätten. Als ich ihnen die wohlmeinenden Absichten des Baron Hirsch auseinandersetzte und beit Vertrag desselben mit der russischen Regierung mittheilte, da schüttelten sie ungläubig die Köpfe. Der Vertrag meinten sie, würde Vertrag und die russische Politik dieselbe bleiben. Daß Rußland die militärpflichtigen jungen Leute so ohne Weiteres werde ziehen lassen, halten sie für ganz ausgeschlossen. Es ist immerhin interessant zu sehen, mit welchem Mißtrauen die zunächst Betheiligten die Abmachungen zwischen Baron Hirsch und der russischen Negierung aufnehmen. * Berlin, 20. Oktober. Die „Schneeball-Kollekte", welche seiner Zeir von den! Herrn "Georg Isaak in Charlottenburg für die auswandernden russischen Juden veranstaltet wurde, hat den letzteren die Summe von 10,000 Mark Zugeführt. X Berlin, 19. Oktober. Das gemeinsame Komitee für die Förderung der geistigen Interessen der Berliner Logen des B'ne-B'rith- Ordens veranstaltet in diesem Winter einen Cyktus von fünf Vorträgen, für die hervorragende Kräfte gewonnen worden sind. Das Programm dieser fünf Vorlesungen ist folgendes: Am 21. Oktober: Dr. Gustav Karpeles: „Jüdische Troubadours und Minnesänger". Am 18. November: Professor Dr. Ludwig Geiger: „Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert". Am 9. Dezember: Professor Dr. H. Steinthal: „Unser tägliches Gebet". Am 20. Januar: Geheimrath Dr. S. Kristeller: „Das höchste Sitteugesetz". Am 17. Februar: Karl Emil Franzos: Thema Vorbehalten. Der Eintritt ist für die Mitglieder des Ordens und deren nächste Angehörige frei. Außerdem sind etwa 100 Eintrittskartell ü 1 Mark für jede Vorlesung für Gäste reservirt. Dieselben sind au der Abendkasse zu erheben. * Berlin, 19. Oktober. In der Beitel Heine Ephraim'scheu Lehranstalt, Linienstr. 199 I.. lesen vom 27. Oktober angefangen (gratis): Herr Dr. Egers: Midrasch Kohelet 1 Stunde wöchentlich Gedichte von Gabirol 1 Std. w. — Jbn Esra's Grammatik Zachot 1 Std. w. - Herr Dr. Steinsch neider: Allgemeine Einleitung in die jüdische Litteralur des Mittelalters 1 Std. w. — Maimonides' Führer 2 Std. w. Meldungen nimmt Herr Dr. Egers an. GD Berlin, 20. Oktober. Gestern und heute hat hier die General- Versammlung des Vereins ehe mal. Zöglinge der jüdischen