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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-23 · Heft 43 (23.10.1891) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 43 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
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516 unterricht war damals ohnedies in Rußland infolge der Unwissenheit der Popen »och mangelhafter als heute, und Eva hatte durch das tägliche Leben im Hanse des jüdischen Settirers sich an so mancherlei gewöhnt, daß auch die Religionslehre» ihres Pflegevaters für sie nichts Auffälliges enthielten. Mehr aus Neugier, als aus eigentlicher Theilncchmc fragte sic endlich den Baron: „Doch Pater, sagt mir, was lehrt Eure Religion?" „Unsere Religion", sprach Frank, „ist wie die Religion der Liebe, allein es ist jene Liebe, der Alles, was da lebt, Dasein und Entstehung verdankt. Wir nennen's die höchste Ursache, den heiligen Uralten, Atika Kadischa! Dieses ist die erste Person unserer Gottheit, die zweite Person ist der heilige König, Mokka Kadischah, welcher identisch ist mit dem Messias; die dritte Person unscrer Gottheit ist die weibliche Ergänzung zum Messias. Von Jesus Ehristns ging das Amt des heiligen Königs über auf Sabbathai Zewi, der 1025 unser Volk regierte, und von diesem erbte die göttliche Kraft ans Jacob ans dem Stamm Davids, der demnächst durch die Inkarnation mit einer auscrwähltcn Sephirah wieder die für die Welt verloren gegangene heilige Dreieinigkeit vervollständigen ivird." Wahrend der Baron dieses sprach, hörte man in der Ferne ernste, feierliche Weisen durch das Haus tönen, Weihrauch erfüllte die Lüfte, und Eva, die nicht wußte, was sie von dem Allen denken sollte, blieb stumm. Frank sprach weiter: „Wisse, Eva, heilige Sephirah, die Liebe ist der Anfang alles Seins, und der Anfang aller Religionen war Liebe. Liebe ist der Ddem alles Lebens und Seins. Die Griechen feierten Aphrodite, und wir Inden haben im hohen Liede Salomonis einen Preisgesang der Liebe, welchen mein gläubiges Volk höher stellt, als alle Bücher Mosis und als die heiligen Schriften aller Völker." Eva hörte die dunklen Reden, aber sie wußte ihren Sinn nicht zu deute». Wie der Baron von der Liebe sprach, dachte sie nur an jene reine, keusche Liebe, welche sie dem Grafen Stanislaus entgegenbrachte. Doch klangen ihr die Worte Franks fremd und sonderbar, wie die Worte einer Sprache, welche sie nicht verstand. Es üderlief sie ein kalter Schauer, auf welchen eine glühende Hitze folgte, und in ihren Gesichtszügcn prägte sich mit einem Male Ekel und Abscheu aus. Dem Baron ivaren diese Empfindungen, die sich in ihren schuldlosen Zügen wiederspiegelten, nicht entgangen. Er schwieg lange. Endlich begann er wieder zu reden. „Eva," sprach er, „als Dein Haupt und Vorgesetzter komme ich zu Dir; schtvöre mir hier auf das heilige Buch Sohar, daß Du, bevor ich Dich über das Geheimnis; Deiner Geburt aufgeklärt habe, Niemandem die Hand reichen rmd Dich ehelich mit verbinden willst. Lege die Hand ans das Buch und sprich mir nach!" Eva stand derart unter dem unheimlichen Einflüsse des Barons, daß sie keinen Widerspruch versuchte. Sie stand auf und legte die Hand auf das Buch, das der Baron auf ein Tischchen gelegt hatte. Der Baron hatte die kleine rothe Mütze vom Haupte genommen und sprach in feierlichem Tone: „Ich schwöre!" Bist bebender Stimme wiederholte Eva die Worte: „Ich schwöre!" Es entstand eine lange Pause, während welcher es so still im Gemach war, daß man das Ticken der kleinen Standuhr vernahm, welche ans einem Pfeilertischchen ausgestellt war. Eva spürte den heißen Athem des Barons; sie stand unter dem Banne seines glühenden Blicks; es war ihr zu Muthe wie jenen Böglein, von welchen erzählt >vird, daß sie der Blick der Klapperschlange derart willenlos mache, daß sie, ohne die Flucht zu versuchen, von dem Rachen des Uilgethüms sich verzehren lassen. Allein die Klapperschlange that dem Böglein nichts. Ter Baron gewann seine frühere, glatte Biiene und seine marmorne Kälte wieder. „Leb' wohl, heilige Emuna," sprach er, „für heute habe ich Dir genug gesagt. Der Herr segne Dich und behüte Dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig und barmherzig!" schloß der Baron salbungsvoll. Er schloß Eva in seine Arme und ein glühender Kuß brannte auf ihren Wangeir. Eva durchschauerte cs am ganzen Körper. Der Baron ging und breitete noch einmal zum Segen seine Arme über sie aus. Eva verbeugte sich ehrfurchtsvoll. Sie war kaum allein, als eine fieberhafte Unruhe in ihr tobte. Zum ersten Male hatte sie heute das Glück der Liebe empfundcu und unmittelbar darauf folgten diese Reden ihres Pflegevaters, deren Sinn sie zwar nicht verstand, aus welchen sie aber ahnen konnte, daß sie von schrecklichen Gefahren bedroht war. Was für eine Bewandtniß hatte es mit den; Räthsel ihrer Geburt, welch fürchterliches Schicksal war cs, daß sie an diesen Baron kettete, der mit einem Male in unheimlicher Größe vor ihrer Seele stand. Am liebsten wäre sie sofort davongelaufen, aber der Palast des Barons >var verschlossen und bewacht. Angsterfüllt ging sie zu Bett, wo sie die wirren Bilder ihrer Phantasie in den Träumen verfolgten. (Fortsetzung folgt.) U Ber Tod Mosis. Voll Wilhelm Emanuel Backhaus. Im Land der Moabiter war's. Mit trübem Silin Sah Mose auf zum duliklen Abendhimnlel hin. Und Stürme tauften, Blitze sprühten, Heer gen Heer Der wetterschwangren Wolken kämpften wild lind schwer. Und Mose rief und warf sich betend in den Sand: „O Herr, walln führst Dein Volk Du ins gelobte Land?" Da öffnete der Himmel sich, hell ward's alsbald, Jehovahs Donnerstimme hoch von Oben schallt: „Mose, den Berg Nebo sollst gehen Du hinan, Dort wirst Du schaun, was Du erkämpfst, Dein Kanaan." Und Mose ging. Ob alt er hundertzwanzig Jahr, War seine Kraft uod) groß, feilt Auge sonnenklar. Und als er auf des Berges höchsten! Gipfel stand, Da zeigte ihm Jehovah das gelobte Land; Uiid sprach: „Wonach gerungen Du so lang und schwer, Das schöne Land, nun schau's bis an das weite Meer! Ich Hab' erfüllt, was meinem Volk ich einst versprach, Auch Deille Sendung ist erfüllt an diesem Tag." Hoch aufgerichtet stand der Held, mit Flammenblick Schallt er das Land nnb pries sein königlich Geschick. Sein großes Herz durchglühte höchste Erdenlust, Was liie gefühlt er. fühlt er nun in seiner Brust. „Ziel meiner Sehnsucht," rief er aus, „das ich hier fand, Sei tausend Mal gegrüßt, du, der Verheißung Land! Meiil höchster Wunsch, null ward er voll gewähret mir, O Gott, Du meiner Väter Gott, wie baut’ ich dir?" Da sprach der Herr: „Du hast erreicht, was Du erstrebt, Nun. Mose, stirb! Das reillste Glück — Du hast's erlebt. Wer seines Lebens Werk gethan, dem ist nur noth: Das Größere zll thun, zu gehen in den Tod." Und Mose starb. Der Herr begrub ihn. Wie's gescheh'n, Weiß Niemand. Niemaild auch hat je sein Grab geseh'n. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin

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