Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227921--48333-3270848- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
515 Wüstling, der frühzeitig seine Kräfte verbraucht hatte, suchte nach dem Lebenselixir, das ihn verengen und in den Stand setzen sollte, sein früheres leichtfertiges Leben von Neuem zu beginnen. Neben ekelhafter Lüderlichkeit begegnen wir in den großen Städten und an den Höfen einer unnatürlichen Frömmelei. Die Apokalypse wurde gerade zu Ausgang des vorigen Jahrhunderts am eifrigsten studirt; man erwartete das neue Jerusaleni, und Seligmacher aller Art bemühten sich, die in tiefsten Jammer versunkene Menschheit auf die Erlösung vorzubereiten. Wie man unter gläubigen Christen des europäischen Abendlandes auf eine übernatürliche Erlösung hoffte, so herrschte damals auch unter den Juden Ost- und Südost-Europas der Glaube an eine Wiederkehr des Messias, der sein Volk wieder sammeln, es von dem auf ihm lastenden Drucke befteien und der ihm die verlorene Macht und Herrlichkeit wiedergeben sollte. Derartigen Meinungen, die als mächtige' Zeitströmungen eine ganze Generation in Bewegung setzen, vermag Niemand zu widerstehen. Sie sind in allen Ständen verbreitet und alle Lebensalter finden wir denselben zugänglich. Am meisten aber ist dieses da der Fall, wo ein tief innerliches Gemüth nach ihm verborgenen Geheimnissen forscht und durch eine von dem Bedürfniß nach Erkenntniß überreizte Phantasie, strenge methodische Erziehung und positives Wissen zu ersetzen sucht. Dieses pflegt gewöhnlich beim weiblichen Geschlecht zuzutreffen. Zu allen Zeiten wurde das Weib von mystischen Zeitströmungen am meisten ergriffen, und zwar pflegt jener Hang zum Mystizismus an kein Alter gebunden zu sein. Er findet sich nicht nur in den reiferen Jahren, sondern auch die ersten jungfräulichen Jahre, wo bei dem Mädchen noch jene holde Unklarheit Uber ihren Beruf in der Welt herrscht, sind Schwärmereien zugänglich, und die Geschichte weist an einer Reihe lieblicher Jungfrauengestalten die seltsamsten Beispiele religiöser Schwärmerei auf. Doch kehren wir nunmehr zu unserem Gegenstände zurück und > nehmen wir mit Eva von Frank den Faden unserer Erzählung wieder auf. Es ist beachtenswerth und für die Beurtheilung des Charakters und des gesammten Handelns von entscheidendem Einfluß, daß sie gerade diejenigen Jahre, in welchen das weibliche Gemüth die für Alle entscheidende Richtung einschlägt, in der eigenthümlichen Umgebung verlebt hatte, in welcher wir ihr begegnen. Aus der gesunden Landluft der Ukraine wurde sie unmittelbar in den prunkvollen, mystisch durchräucherten Palast ihres Pflegevaters versetzt. Es fehlte ihr nicht an Geistesgaben, aber an einer strengen geschulten Geistesbildung, an deren Stelle eine kümmerliche, mehr schädliche als nützliche Halbbildung trat. Eva hatte treffliche Gemüthsanlagen. Sie hatte Gefühl für die Leiden ihrer Mitmenschen, sic war aufopfernd und edeldenkend, aber sie war auch, ohne es zu wissen, von einem glühenden Ehrgeize beseelt. Gerade der Umstand, daß über ihrer Geburt ein ungelöstes Räthsel waltete, sowie die ungemeine, so zu sagen übermenschliche Ehrerbietung, mit welcher man ihr im Hause ihres Pflegevaters begegnete und welche beinahe die geheimnißvollen Ehrfurchtsbezeugungen noch übertraf, die man dem Baron erwies, begannen damals schon ihre glühende Phantasie zu erregen, und eigenthümliche unfaßbare, der festen Fvrin und Gestalt ermangelnde Vorstellungen bildeten sich in ihr aus. Dabei war ihrem Gemüthe neben dem durch die Umgebung ihres Pflegevaters mächtig genährten Hang zur Schwärmerei eine ihr noch unbewußte Dosis glühender Sinnlichkeit beigemischt. Im großen Ganzen war letztere Eigenschaft kein großes Unglück. Die Liebe ist in solchen Füllen das beste Heilmittel, und fand Eva rechtzeitig einer« Mamr in einer ihrer wiirdigen bürgerlichen Stellung, so konnte sie, wie so manche Andere, noch eine treffliche Gattin werden, die von einer Schaar gesunder Kinder umgeben, das Glück und den Stolz ihres Gatten bildete. Von allem dem ahnte und errieth sie jedoch nichts. Ihr eigenes Innere war ihr noch ebenso wenig bekannt, wie die fernste der Welten. Sie lebte in einer Welt dunkler, schwankender Gestalten, in einem Meer unklarer, verworrener und rmverstandener Gefühle. Ihre innere Welt war ein bunter, in allen Nüancen lichter, üppiger Farben schimmernder, von tiefen, sinnlichen Akkorden durchklungener Nebel, aus welchem mit einem Male die Gestalt des Grafen Stanislaus Lubomirski als lebensvolle Figur hervortrat, an welche sich alle bisher unverstandenen Gefühle Evas mit einem Male anschmiegten. So lange es nicht gelang, andere Empfindungen in ihr zu wecken, blieb er der alleinige Herr des Herzens. Das Gemüth eines jungen Mädchens ist anfänglich ein weißes Blatt, auf welchem aber nach und nach die verschiedensten Farben auftauchen und einander ablösen. Eva beschäftigte sich in Gedanken noch mit Stanislaus, der karrm das Haus verlassen hatte, als der Baron Jakob von Frank ins Zimmer trat. Er erschien in dem äußerlichen Prunke, den er nie ablegte, wie er denn für alle Bewohner seines Palastes, seine Pflegetochter nicht ausgenommen, immer bis zu einem gewiffen Grade ein Fremder blieb. Er wußte sehr wohl, daß die nächste Umgebung eines Mannes, auch des Bedeutendsten, Schwächen am demselben heraussinde. Nur ein einziger langjähriger Kammerdiener von erprobter Treue, den der Baron, wie man sagte, von seiner Pilgerfahrt ins heilige Land, die er in seiner Jugend unternommen, mitgebracht hatte, durfte des vertrauten Umgangs mit dem „heiligen Herrn", wie Jakob von Frank von seinen Anhängern genannt wurde, genießen. Für alle Uebrigen war der Baron mit einem merkwürdigen Ritual umgeben, deffen Beschränkungen, wenn er erschien, nur Eva nicht unterworfen war. Er dagegen behandelte Eva mit einer ganz j ähnlichen Ehrerbietung, wie sie ihm zu Theil wurde, und es trug dieses bei Eva, die inmitten einer Gemeinde von Auserwählten lebte, nicht wenig dazu bei, sich selbst für die Auserwählte der Auserwählten zu halten. „Willkommen, heilige Jungfrau, willkommen Emuna (der Glaube), der Du in die Hülle einer schönen Jungfrau eingegangen bist, die da ist meine Tochter!" Eva verbeugte sich ehrfurchtsvoll, und der Baron legte ihr seine Hände auf das schöne Haupt und sprach den alten israelitischen Segensspruch: „Der Herr segne Dich und behüte Dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig und barmherzig!" Der Baron setzte sich auf einen Divan und Eva nahm neben ihm Platz. „Der Graf Stanislaus Lubomirski war wieder hier?" fragte er. „Ja," erwiederte Eva. „Es freut mich, wenn Du ihn siehst, rind ich will Dir darin nicht hinderlich sein, aber hüte Dich, Eva, ihm Versprechungen zu machen, durch welche Du aller Vorzüge Deiner Geburt verlustig gehen würdest. Eva, Du kannst rrur einem Manne die Hand reichen, der zur Gemeinde der Auserwühlten gehört. Noch ist der Zeitpunkt nicht gekommen, Ivo ich Dich über Deine Gebrirt aufklären und in die Geheiinnisse unserer Religion einrveihen darf, aber rvisse, der Tag ist nicht fern, wo sich die Welterlösung vollziehen soll." Die Augen des Barons leuchteten, als er dieses sprach, seine sonst rnarmorkalten Gesichtszüge wurderr lebhaft, seine Wangen rötheten sich und sein ganzes Wesen schien sich zu verändern. Eva hörte den Baron halb betäubt und halb staunend an. Es siel ihr gar nicht auf, daß das, was er sprach, mit den Lehren der Religion, der sie angehörte, wicht im Einklänge starrd. Der Religions-