Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 514 ohne jede Applikation, durch einfaches Berühren mit dem Finger kennt'). Als Schutzmittel für das kranke Auge wird eine Art Augenbinde erwähnt; dahingestellt bleibe es, ob diese mit unserem Augenglase Aehnlichkeit besessen"). Auch das künstlich eingesetzte goldene Auge erwähnt der Talmud"). (Schluß folgt.) U -M- FEUILLETON -«>- Der heilige Zerr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) „Besorgen Sie nichts, Herr Graf, sie kann nichts weiter plaudern," bemerkte Eva. „Sie ist mir als dame de garde bcigegebe». Da aber Matuschka, so heißt meine Duenna, eine Russin ist und noch kein Wort Polnisch versteht, so können wir ungestört über Alles sprechen; selbst über meinen Pflegevater. Sie ist nicht im Stande, ihm auch nur ein Wörtchen wiederzusagen." „Denken Sie sich, mein Fräulein," sprach Stanislaus, „seitdem ich Sie hier kennen gelernt habe, denke ich immer an jene Märchen, wie sie uns in Kinderjahren erzählt wurden, jene Erzählungen von verzauberten Prinzessinnen, die ein wüthender Drache in seiner Höhle bewacht und die dort einsam vertrauern müssen, wenn der Ritter nicht erscheint, der den Bann zu brechen und über den Drachen zu siegen versteht." „Aber ich suhle mich nicht unglücklich. Ich bin frei in Allem, was ich thue. Ich kann gehen und wiederkehren, wie es mir beliebt." „Eva," rief der Graf begeistert, „hierher gehören Sie nicht. Was thun Sie, die den edelsten Familien unseres Landes zur Zierde gereichen würden, im Hause eines Juden?" „Wenn es das ist, so kann ich Sie beruhigen, lieber Graf," erwiederte Eva. „Mein Vater hat mir heute verkündet, daß er und sein ganzes Haus demnächst öffentlich zum Christenthnm übertreten würde, da er dem christlichen Glauben schon längst zugethan sei. Ich selbst werde auf sein Anrathen die griechisch-katholische mit der römisch-katholischen Religion vertauschen. „Wie, was," rief Stanislaus, „Sie, Eva und ich, wir werden ein und denselben Glauben bekennen?" „Ja," erwiederte Eva mit unverkennbar freudiger Erregung. „O, wie schön, wie herrlich!" sprach Stanislaus. „Mir füllt der Uebertritt zu Eurer Kirche nicht schwer. Euer Christus ist wohl mild und gütig wie der unsere. „Wie glücklich macht mich dieses Wort," rief Stanislaus. „Sehen Sie, Eva, ich weiß es ja, daß eine neue Zeit heranbricht, die darnach strebt, über die religiösen Bekenntnisse hinweg ein Band zu finden, das die Menschen verbrüdert und umschlingt. In Preußen lebt Friedrich II., der zwar Polens Feind ist, der aber die Gleichheit aller Bekenntnisse verkündete. In Oesterreich regiert Josef II., der denselben Grundsätzen folgt, aber wir sind in Polen, wo der katholische Glaube der allein herrschende ist, wo Macht, Einfluß und gesellschaftliche Stellung unser Bekenntniß zur Voraussetzung haben. Wir bilden, so zu sagen, eine große Familie, in der jedes Glied denselben Glauben bekennt. Es würde mir wehe thun, Eva, Sic um Ihres Glaubens Willen zurttckgesetzt zu wissen, und tief schmerzen >) B. mcz. 85 b; vgl. Math. 9, 2‘); 20, Hl. *) vgl. Lcvy. Wb. Jer. Red. 41 o; vgl. noch Jer. Sanh. 13 e. würde es mich, Sie von Leuten umgeben zu sehen, die in Polen nimmer auf bürgerliche Rechte Ansprüche erheben können." „Wie Sie sehen, Herr Graf," bemerkte Eva, „wird das Alles anders. Ich habe zwar nie an dem religiösen Bekenntniß meines Pflegevaters, das ich nicht einmal kenne, Anstoß genommen, aber es konnte mir doch nicht entgehen, daß er durch dasselbe mit einer großen Zahl seiner Mitmenschen in Widerspruch geräth. Ich begrüße daher mit Freuden seinen aus völlig freien Stücken gefaßten Entschluß." „Es ist dieses die erste Freude, die uns gemeinsam ist. So darf ich denn auch hoffen, Sie in diejenige Umgebung zu bringen, welche sich für Sie gebührt. Eva, ich hoffe, der Ritter zu sein, der dazu bestimmt ist, diese verzauberte Prinzessin zu erlösen, und getrost spreche ich nun das Zauberwort aus, mit welchem ich den Bann zu brechen hoffe: Eva — ich liebe Dich!" Eva sah dem schönen Jüngling in die Augen, und ein vielsagender, inniger, freudig liebevoller Blick begegnete dem seinen. Stanislaus zog sie zu sich heran, und ein glühender Kuß brannte auf ihren Lippen. Eva und Stanislaus waren ohne Zeugen. Die Dienerin war schon eine Weile weggegangen. Stanislaus war wie berauscht. Nachdem er ihr sein Bekenntniß zugeflüstert, war es ihnl. wie wenn etwas Ungeheures sich zugetragen hätte. Er war nicht im Stande, sich Rechenschaft über das, was er gethan, zu geben, aber er ahnte, daß in dem Eingeständniß seiner Liebe sein ganzes zukünftiges Schicksal verborgen sei. Es litt ihn nicht mehr oit dem Orte, wo ihm das Wort der Liebe von den Lippen geeilt war. Es war ihm, wie wenn er eine Misseihat begangen hätte. Rasch verabschiedete er sich. Eva rief ihm ein herzliches „auf Wiedersehen" nach, und Stanislaus stürmte ins Freie. Draußen empfand er ein Gefühl unbeschreiblichen Glücks. Es war ihm, als müsse er mit einem Male der ganzen Welt verkünden! „Eva, sie liebt mich?" Drittes Kapitel. Der „heilige Herr". Die Vorgänge, welche wir dem Leser zu schildern beabsichtigen, sind so eigenthümlicher Natur und so unendlich weit von dem, was sich heute unter uns zuträgt, verschieden, daß das, was wir erzählen wollen, vielfach als die Ausgeburt einer überreizten Phantasie erscheinen würde, wollten wir nicht zuvor auf einige charakteristische Merkmale aufmerksam machen, durch welche sich der Schluß unseres neunzehnten Jahrhunderts von dem Ausgange des achzehnten unterscheidet. Seit es eine Weltgeschichte giebt, wird wohl keine Epoche nachzut^j^n sein, in welcher, wie zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Anschauungen einer versinkenden alten und diejenige einer mit mächtigem Flügelschlage heranbrechenden neuen Zeit in ähnlicher, bald krasser, bald bizarrer, ja selbst die Komik herausfordender Weise einander gegenüberstanden. Diesen Gegensätzen begegnen wir allein in der Politik, in der Religion, sondern selbst in der sonst über die gewöhnlichen Tagesanschauungen hoch erhabenen Wissenschaft. Neben dem absoluten und wüstesten Unglauben begegnen wir nicht allerwürts in unmittelbarer Nähe dem Ueberglauben. Der Mystizismus findet Boden in allen Kreisen und unter allen Gestalten, und die modernen politischen lind religiösen Ideen selbst mußten alle Jlluminaten und Freiinaurerorden in mystische Formen kleiden, um gegen die versinkende alte Zeit den Kampf zu iinternehmen. Der Mystizismlis hatte die Köpfe geradezu betäubt. Der Spieler und Abenteurer, der sein Vermögen vergeudet, erwartete seine Rettung von dem Geheimniß der Goldtinktur; der