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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-23 · Heft 43 (23.10.1891) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 43 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
Seite 511 (sequence 7)
Language
German
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511 Aas Auge in Bibel und Talmud. Ein Essay von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin. (Fortsetzung.) 5. „Süß ist das Licht, und gut ist's den Augen, zu sehen die Sonne," spricht Kohelet (117, 9): „Hüte mich wie den Augapfel!" betet der Psalmist (17,8), „und meine Lehre wahre wie deinen Augapfel!" mahnt der Spruchdichter (7, 2). Um so größer und grausamer erscheint daher die bei den heidnischen Völkern des Alterthums, wie bei vielen christlichen des Mittelalters gebräuchliche Strafe des Augenblendens.? Die Philister stachen Simson die Augen aus und zwangen den gebrochenen Helden, vor ihnen Kurzweil zu treiben (Nicht. 16, 21, 25). Nur ein Wort des Gebetes überliefert die Schrift von Simson, es enthält die Bitte, Rache nehmen zu können um seiner Augen willen (ib. 28). Auch Zedekia, der letzte König Juda's, ward von Nebukadnezar geblendet und in Ketten geschlagen nach Babel gebracht (2. K. 25, 7; Jer. 39, 7; 52. 11). Nahas, der Ammonite, bedrängte die Bewohner von Jabes in Gilead, erklärte sich aber zum Frieden bereit, sobald Jeder von ihnen das rechte Auge sich ausstechen ließe (1. Sam. 11, 2). Dieses Ansinnen, durch solche Schmach den Frieden zu erkaufen, weckte in den bis dahin durch Eifersüchteleien zersplitterten Stämmen einen Sturin der Entrüstung und gab die erste Veranlassung zum gemeinsamen Vorgehen gegen den Feind unter Sauls Führung. Die Humanitätsidee des Mosaismus und des Rabbinismus hatte selbstverständlich für derartige Grausamkeiten keinen Raum. Der Ausspruch: „Auge um Auge!" (Ex. 21, 24; Lev. 24,20; Deutr. 19,21) ist in gewissem Sinne eher ein Mchtssprichwort, als ein Gesetzt), da sich aus der Vergleichung einzelner Pentateuchstellen mit Gewißheit ergiebt, daß der Mosaismus den pekuniären Ausgleich bei verübtem Schaden kennt und gestattet. Derselbe Geist ist es auch, der sich im rabbinischen Gesetze bekundet: ein Sklave, der bei einem Arzt dient und zu ihm spricht: Pinsle mir das Auge! mußte frei entlassen werden, sobald er in Folge der falschen Behandlung von Seiten seines Herrn blind geworden war?) Aber auch aus dem Satze: Auge um Auge!, obgleich er als Rest des in Israel wie bei den meisten Völkern des Alterthums heimischen Wiedervergeltungsrechts angesehen werden muß, ergiebt es sich, wie der Mosaismus in Allem die Veredelung der rohen ungebändigten Kraft im natürlichen Menschen anstrebt: Auge um Auge! lautet die Satzung: nicht aber zwei Augen! oder gar das ganze Leben für ein Auge! Charakteristisch für die Anschauung des biblischen Zeitalters ist es, daß der Ausdruck: Jemandem die Augen ausstechen!? bereits eine bildliche Bedeutung, nämlich die: Jemandem etwas vorspiegeln wollen, hat. „Willst du die Augen dieser Männer ausstechen?" sprach Korah zu Moses (Num. 16, 14), da er gegen ihn das Volk aufstacheln wollte. Nur die nachexilische Geschichte kennt den Fall, daß ein jüdischer König, der auf Israels Thron saß, einem Weisen seines Volkes, 9 Vgl. Her. 4, 2; 9, 53; Procop Persische Denkwürdig!., 1, 16. Die Strafe des Blendens war am griechischen Kaiserhof zu Konstantiiiopcl nichts Seltenes. Auch im deutschen Volksrechte fand sie Anwendung, vgl- Hilpcrich's Gesetze bei Gregor. Turon. hist. Franc. 6,46 — zu Anfang des 16. Jahrhunderts war sie noch im Nassanischen üblich. 2) Vgl. mein „Das Jahrhundert" u. s. w. S. 106.? Tos. B. kam. 9; B. kama 261.; Ber. 5a. 9 mit einer Nadel oder einem spitzen Instrument in die Augen fahren, oculum effodere. Baba b. Butta, die Augen ausstechen ließ') — freilich floß in Herodes' Adern kein jüdisches, sondern idumäisches Blut. Hingegen scheint die Selbstblendung, um durch sie die Quelle aller Sinnlichkeit zu vernichten, in den asketisch-effenischen Kreisen, aus denen die Urgemeinde des Christenthums sich zusammensetzte, nicht selten gewesen zu seiu. Die Strenge, mit der jene Kreise den sittlichen Gedanken der Ehe auffaßten und betonten, führte zur Ansicht: Wer ein Weib ansteht, hat bereits die Ehe in seinem Herzen gebrochen? (Math. 5, 28), führte zu dem aus solcher Anschauung mit Konsequenz sichergebenden Satze: Aergert dich dein rechtes Auge, so reiße es aus und wirf es von dir (ib. V. 29)! Allein auch diese Strenge findet im rabbinischen Schriftthum ihre Quelle; auch hier wiro zu wiederholten Malen solch asketischer Ton angeschlagen?, auch hier wird die Frage aufgeworfen und behandelt, ob derjenige strafbar sei, der der Aufforderung: Blende mein Auge, denn es ärgert mich! Folge leistet?) Das Gebrechen des Nächsten zu dessen Schaden oder Spott zu benutzen, verbietet schon das Naturgesetz. Der Blinde? ist ein Unglücklicher, darum ist es sittliche Pflicht, ihm Auge"), d. h. Führer zu sein (Hiob 29, 15). Dem Blindeu einen Anstoß in den Weg legen, ist ein Frevel, den Gott selbst ahndet (Lev. 19, 14). In der Reihe jener Aussprüche des Segens und des Fluchs, die auf dem Ebal und Garizim verkündet wurden, ward der Fluch über Jenen ausgesprochen, der einen Blinden irreführt, und das ganze Volk bekräftigte feierlichst den Ausspruch mit dem Ausruf: Amen! Amen! (Deutr. 27. 18). In dem Auge spiegelt sich der Gesundheitszustand des Menschen. Klare Augen sind ein Zeichen vollkonimener Gesundheit, hingegen lassen trübe Augen den Schluß auf einen ungesunden Zustand des Individuums ziehen?. Menschen mit großen Augen haben häufig einen eigenartigen Blick?. Starke Augenlider senken sich abwärts'?. Die Augenbrauen liegen zuweilen hart am Auge'?, zuweilen sind sie so lang, daß sie? B. batr. 4 a. 2) ib. „ihrer zu begehre»" scheint ein späterer Zusatz zu sei», da diese Worte bereits in dem zehnten Sinaiworte enthalten sind? Vgl. Ber. 24a; 61a; Ab. s. 26a.? B. kama 91b.? 91!), Ex. 4, 11; Lev. 19, 14, davon rnU? oder JVVU?/ Blindheit, Deutr. 28, 28; Lev. 22, 22, auch ü'?UD, aram. Schafelbildung von “tu, Licht, Gen. 19, 11; 2. K. 6, 18; talin. k'ÖD, auch küIB» der Blinde püD/ blenden), vgl. Sifra Emor 2, 3, wo auch der auf einem Auge Blinde 91z) genannt wird; X31BUK (veiwandt mit 29J9 Vermengung, Abend), Pes. 111b. Euphemistisch wird für Blinde und Blindheit gebraucht: JUTTinJ vor “YHJ, Licht, B. mez 78a n. ö, verbunden mit XUB'KUtP/ vgl. Jer. Pes. 19a; ib. 21b, VLV 'BB- Einer, der in's Sonnenlicht sieht, Bech. 44a, Tos. Bech. II, in der Bedeutung von „schielen"; KIUISE/ Einer, dessen Augen geöffnet sind, Jer. Kid. 61a, auch QUU? “OXID/ Jer. Sabb. 30; EU'!? fpEB- Bedecktsein der Auge». Meg. 28a; Jer. B. mez. 11a, eigentlich: vom Blitz geblendet seiu; vgl. B. mez. 78b, wo dafür das erwähnte steht; WEIT» Schafel, von “VH, Git. 69 a, auch der Raine eines Dämon, der Blindheit bewirkt; Sabb. 109a wird eine Augenkrankheit fQ genannt, die im Aruch s. v. mit dem Dämon puiPl fO identifizirt wird, vgl. Tos. Bkama 9.? Vgl. Num. 10, 31: vgl. auch Oedipns ans Kolonos, 9. Auftritt, wo der blinde Oedipns zu Kronos, dem Räuber der Antigone, spricht: „Schmachvollster, der dem armen, augenlosen Mann Nun niit Gewalt sein letztes Auge noch entriß."? Tam. 24 a; Hhl. r. 4, 2; vgl. auch Jalk. Hhl. 988.? Ras. 56 c.? Bech. 44 a 10) Bech. 44a JOBBE?/ vgl. Rasehi ib. s. v.

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