Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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510 »MMWW«W«MMWVWW»WWWWWW des sabäischen oder südarabischen Volkes, dessen Handel einst den Norden mit dem Süden und dem fernen Osten zusammenkettete; die bemerkenswerthe Thätigkeit der Armäer oder Syrer, welche lange Zeit die griechischen Ideen an die Bevölkerung Asiens übermittelten und welche ihre Sprache auf die Abkömmlinge der Propheten und Psalmisten übertrugen; die romantische Geschichte des Islams, welcher vollkräftig dem Sande Arabiens entsprang, mit wunderbarer Schnelligkeit einen großen Theil Asiens durchlief und das Christenthum Europas bedrohte, während er dasselbe gleichzeitig belebte, und die zahmere Geschichte der sabäischen Kolonie in Aethiopien." Der Redner ging hierauf auf die Erfordernisse eines Museums über, um dem Zwecke und dem herrschenden Bedürfnisse zu entsprechen, und überließ schließlich den ausführlichen Bericht Profesior Lyon, welcher Europa zum Zwecke der Erwerbung bereist hatte. Die nächste Ansprache wurde von Herrn Schiff gehalten. Er schilderte den Charakter und die Kämpfe der Juden in lebhaften Farben. Nunmehr meldete sich Professor Dr. G. Lyon zum Wort, welcher Europa bereiste, um Einkäufe für's Museum zu besorgen. Seine Mittheilungen sind von solchem Jntereffe, daß wir uns veranlaßt sehen, dieselben größtentheils wörtlich zu bringen. „Sie sind," so begann Profeffor Lyon, „heute hier erschienen, um sich an der Realisirung einer Idee zu erfreuen, welche geradezu großartig genannt werden muß. Wenn diese Idee einmal vollständig verwirklicht sein wird, dann ist sie nichts weniger als die Bildung solcher Kollektionen von Objekten, welche das vollständigste Bild des Lebens und die Gedanken des semitischen Volkes wiedergeben. Diese Idee drängt sich dem Gemüth eines jeden Menschen auf, der sich die lange und ausgezeichnete Karriere des semitischen Volkes vor Augen hält. Die besondere Eigeilheit besteht in der Bezeichnung „semitisch". Es existiren allerdings bereits Museen mit semitischen Abtheilungen aber bisher wurde keines errichtet, welches nur Objekte sammelte, die direkt oder indirekt dem Judenthum dienen sollen und ein Licht auf die Geschichte der Juden werfen. Wie groß diese Idee ist, wenn sie erfüllt erscheint, ist nur dann begreiflich, wenn man einen Blick auf den Lauf unserer Civilisation wirft, und wenn inan bedenkt, wie anders gestaltet unser heutiges Leben wäre, wenn nicht der Gedanke des Judenthnms sich ehedeui verbreitet hätte. Der Werth unserer Kollektionen läßt sich nach der Ausdehnung berechnen, in welcher die Idee ausgeführt erscheint. Selbst wenn aber ein weiteres Resultat nicht erzielbar wäre, dann tönnen wir uns trotzdem sagen, daß wir einige der feinsten Stücke alter Kunst und Litteratur besitzeil, welche uns Material zu eingehenden Nachforschungen geben, welche der Universität und dem großen Publikluil eineil tieferen Sinn der Wahrheit unserer Geschichte wiedergeben, und die uns insbesondere in eine Welt von Gedanken versetzen, von deren Existenz wir bisher keine Ahnung hatten. Bevor wir uns das eigentliche Museum ansehen, möchte ich Ihnen gern einen allgemeinen Bericht über die Kollektion und ihren Inhalt geben. Die Objekte sind in drei Klassen einzutheilen, und zwar: a) Originale, 6) Photographien, c) Abgüsse und Gypsabdrücke. Um mit Originalien zu beginnen, fangen wir niit dem ältesten an. Es ist dies eine Kiste mit babylonischen Tontäfelchen, circa 350 Stück, welche keilförmige Zeichen aus den verschiedenen Zeitabschnitten des Alterthums enthalten. Das älteste Täfelchen stammt aus dem Jahre 2200 v. Ehr. und das jüngste llicht viel später als 500 v. Ehr. Die meisten sind von, 6. Jahrhundert v. Ehr. und zwar während der Regierungen Nebuchadnezars, Eyrus, Darius und der Könige von Babylon. Nachdem zu jener Zeit die Dokumente geschrieben und „gebacken" worden waren, wurden sie vollständig mit einer dünnen Schicht von Ton umgeben. Diese wurde wiederum mit einem Duplikat versehen, mit Siegeln gestempelt und darauf abermals „gebacken". Sollte daher die äußere Umhüllung Schaden erleiden, so war die Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß das innere Original intakt bleiben würde. Die beste von diesen Berschlußtafeln ist unversehrt. Zu derselben Zeit, als sie im verflossenen Sommer a'ngekauft wurde, verkaufte man ein Duplikat, welches von dieser insofern verschieden war, als die Umhüllung theilweise gebrochen war. Eine andere Tafel, in beinahe unversehrtem Zustande und von ungewöhnlichem Jntereffe wurde in Babylonien in der Mitte des sechsten Jahrhunderts v. Chr. geschrieben. Sie enthält eine gerichtliche Entscheidung über einen Mann, der des Diebstahls beschuldigt war. Ein Weiteres ist ein Fragment, enthaltend eine Bestimmung Nebuchadnezars, in welcher dieser Monarch einen Bericht über seine Bauthätigkeit giebt. Ein Theil einer andern Kiste ist mit babylonischen und affyrischen Siegeln gefüllt, welche sich sowohl in cylindrischer, als in konischer Form vorfinden. Diese Objekte wurden als Beschwörungsmittel gegen böse Geister angewendet und ferner um geschriebene Dokumente zu stempeln; in letzterem Falle, indem man sie auf den weichen Thon rollte. Auf allen sind Bildnisse von Göttern, Menschen Thieren Vögeln, Bäumen rc. eingravirt. Manche von ihnen zeigen keilförmige Inschriften, welche den Na inen des Eigenthümers angeben oder den Gott, unter dessen Schutz er stand. Das interessanteste von Allen ist ein Siegel, geschenkt von Miß Alice Longfellow aus Cambrigde und weiteren Verwandten des berühmten Dichters. Es wurde von C. Rich im Anfang dieses Jahrhunderts aus Babylonien mitgebracht. Die Eingravirung zeigt eine knieende menschliche Figur, auf welcher die Gottheit ruht, und zwar in der Form der geflügelten Weltkugel (ursprünglich der Sonnengott). Rings umher fließt das Waffer des himmlischen Ozeans. Außerhalb derselben befindet sich ein Anbeter, welcher einen Strick hält, der wiederum mit der Gottheit verbunden ist. Das Ganze soll die sinnliche Verbreitung der Gotteslehre vorstellen. In diesem und in einigen anderen Fällen können auf der Seite des Siegels Tonfragmente und Gravireindrücke gesehen werden. Ein einzig dastehendes Objekt ist eine Lasursteinscheibe, ungefähr 5 Centimeter im Durchmesser. Diese gehörte einstmals einem Tempel. Die Inschrift belehrt uns, daß sie einem Gotte wegen Rettung des Lebens dargebracht wurde. (Wahrscheinlich die Rettung aus einer großen Gefahr.) Von Kairo besitzen wir eine schöne Kollektion, bestehend aus fünfundzwanzig Grabsteinen aus dem achten oder neunten Jahrhundert mit mohammedanischen Inschriften, und zwar mit arabischen Buchstaben, welche unter dem Namen „kufisch" bekannt sind. Es findet sich auch eine beträchtliche Anzahl kufischer oder weniger alter arabischer Münzen vor. Diese letzteren mit einigen Statuetten, welche Gottheiten und Theile von Mosaik darstellen, wurden vor drei Jahren von Profeffor Toy aus Aegypten milgebracht. Unter die Originalien sind auch die syrischen, arabischen und hebräischen Manuskripte zu zählen. Das Werthvollste ist das sogenannte „Gezza", welches tausend Seiten enthält und im Jahre 1666 geschrieben wurde. Es berichtet über die syrischen Heiligen und ist ein Geschenk von Mrs. Emily A. Burleigh. (Schluß folgt.) 9