Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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509 schiebt sich nämlich beim Druck an einer Feder ein Theil des Fußbodens und es zeigt sich ein größerer freier Raum. Hier wurden zu Zeiten der Judenverfolgungen bedrohte Personen verborgen gehalten und hauptsächlich das Lermögen der Prager israelitischen Gemeinde versteckt. — Ich will jedoch nicht weiter von diesen Einzelheiten sprechen, sondern auf den Hauptzweck meiner Mittheilungen Übergehen. Außer den Prager Synagogen giebt es noch eine Anzahl alter Gotteshäuser, — von denen ich nur beispielsweise Mainz, Nürnberg und Worms erwähne — in welchem sich Alterthiimer und Reliquien befinden, die von ganz bedeutendem Interesse sind. All diese Gegenstände dürften nichts gegen die Hunderte, ja tausende Jahre alten Reliquien bedeuten, welche sich im Besitz von Privatpersonen und öffentlichen Museen befinden. Diese Gegenstände sind Gemeingut, und es ist geradezu unbegreiflich, daß bisher noch nicht daran gedacht wurde, ein historisches Museum <ju gründen, aus welchem die Geschichte der Entwickelung und Fortpflanzung des Judenthrnns ersichtlich wäre. Nun ist uns Amerika auch damit zuvorgekommen! Wie wir hören, ist an der Universität in Harvard Camb. Marff. kl. 8. A. ein solches Museum eröffnet worden; und obzwar wir unfern Glaubensbrüdern jenseits des Ozeans alle Anerkennung für diese Idee zollen müssen, können wir uns andererseits nicht des Gefühls entschlagen, daß es eigentlich beschämend für uns ist, wenn wir unsere alten Reliquien und Alterthiimer um einen Spottpreis nach Amerika gehen lassen, während ein gleiches Museum im kontinentalen Europa zum Blindesten ebenso lebensfähig wäre wie im fernen Amerika. Das jüdische Museunl ist bereits eröffnet worden, und um unsren geehrten Lesern ein klares Bild zu verschaffen, geben wir den folgenden Bericht nach dem „America» Hebrew“ wieder. Im Dezember 1889 erlegte der bekannte Philanthrop Herr Jakob H. Schiff aus New-Iork beim Präsidenten der Hochschule in Harvard, Cambridge Maff., einen Betrag von 10,000 Dollar als Geschenk zum Zweck des Ankaufs einer „Sammlung semitischer Manuskripte, Reliquien etc." Dieser Ankauf soll dazu dienen, die Lehre der semitischen Sprachen und die Geschichte des Judenthums an der Universität in Harvarden, welche den Rang der ältesten Universität in Amerika beansprucht, fruchtbringender zu machen, als dies bisher der Fall war, einen größeren Apparat für den Stoff des Unterrichtes zu finden und dem großen Publikum den Antheil des Judenthums an der allgemeinen Civilisation zu illustrircn. Um die Wünsche des hochherzigen Spenders auSzuführen, begab sich der Professor der Harvard-Universität, Dr. G. Lyon, im Soimuer 1890 nach Europa und kaufte zu Spottpreisen Reliquien aus alten Synagogen, welche von unschätzbarem Werthe sind, ein. Seit letztem Herbst war der genannte Professor mit dem Arrangement der Sammlung zum Zwecke des Studiums und der beabsichtigten Ausstellung beschäftigt. Das Museum wurde in Cambridge am 13. Mai d. I. eröffnet, und eine große distinguirte Gesellschaft war bei der Eröffnung anwesend. Nachdem mehrere Professoren und Gäste Reden gehalten hatten, von denen wir einige Auszüge wiedergeben, besuchten alle Anwesenden die Ansstellung. Staunen und Bewunderung erfüllte alle Besucher, und die Ausdrücke der Dankbarkeit, welche dem edlen Spender Herrn Jakob H. Schiff dargebracht wurden, glichen einer förmlichen Ovation; so großartig war das Bild, das sich dem Auge darbot. Präsident Elliot sagte unter Anderem: Der Fortschritt an der semitischen Abtheilung der Harvard Hochschule ist seit den verflossenen zehn Jahren ein immenser gewesen; allein was beim Unterricht die Hauptsache ist, nämlich das Studium der Geschichte des Judenthums, konnte bisher nicht in dem erwünschten Maße gepflegt werden, weil cs gänzlich an darstellenden Objekten gefehlt hat. Bor sechzehn Monaten hielt das lmi ernannte Komitee, dessen Zweck die Ueberwachung dieser Abtheilung ist, seine erste Sitzung ab. Es bestand aus den Herren Dr. Andrew, B. Peabody, Jakob H. Schiff aus New-Pork und Stephen Salisbury aus Woreester. Es wurde das geringe vorhandene Material untersucht, welches den Stoff des Unterrichtes bildete, und man kam zu der Ueberzcugung, daß es eine dringende Nothwendigkeit sei, dasselbe bedeutend zu vergrößern. Sofort spendete Dr. Peabody zweihundert Dollars für Preise, welche an verdienstvolle Studenten der semitischen Sprachen während des laufenden akademischen Jahres zu verleihen wären, und dieser Betrag wurde auch gleich für das nächstfolgende Jahr erlegt; tveiter spendete Herr Schiff, wie bereits oben erwähnt, in hochherziger Weise den Betrag von 10,000 Dollars, und zwar zum Behufe der Erwerbung solcher Objekte, welche zur Jllustrirung der jüdischen Geschichte und Litteratur dienen. Es sollen dies hauptsächlich affyrische, hebräische und arabische Objekte, ferner Bücher und Manuskripte sein. Hierauf spendete Herr Salisbury einen Betrag, um es Professor Lyon möglich zu machen, nach Europa zu reisen und mit dem von Herrn Schiff so edel gespendeten Betrage die nöthigen Objekte zusammenzukaufen. „Sie sehen",so fuhr der Redner fort, „nur einen Theil des großartigen Resultates vor sich. Die ganze Spende des Herrn Schiff ist jedoch noch nicht ausgegeben worden. Ein Theil der augekauften und geschenkten Gegenstände ist noch nicht angekommen, und sehr Vieles ist noch anzuschaffen; aber der Anfang ist gewiß sehr zufriedenstellend. Hier in diesem Raum können wir großartige Erfahrungen sammeln. Aus allen Kümpfen und Mühseligkeiten ist das Judenthum siegreich hervorgegangeu. Durch seine Religion, Litteratur, Knust, Musik und finanzielle Stellung hat es der ganzen Welt gedient, und dient insbesondere jenen Nationen, die es am meisten unterdrückt haben. In diesem Raum sehen wir, wie mächtig einstmals die jüdische Civilisation in Babylonien gewesen ist. Die Universität ist entzückt bei dem Gedanken, daß durch das Judenthum die Kultivirung, Verfeinerung, Eindrucksfähigkeit überall hin verpflanzt wird, wo immer eine Nation Gelegenheit hat, Juden zu ihren Mitbürgern zu zählen." Hierauf sprach Professor Toy. „Der Titel „Semitisches Museum" hat seine Berechtigung durch die Bereinigung des Materials. Die seinitischen Sprachen, obgleich aus verschiedenen Dialekten bestehend, sind nahe mit einander verwandt, da die verschiedenen semitischen Kulturen in wichtigen Punkten identisch sind. Das Feld ist jedoch ein bedeutendes, sowohl hinsichtlich des Umfanges, als der Zeit. Es umfaßt acht Nationen, es umschließt beinahe das ganze westliche Asien und einen Theil Afrikas lind ferner die »littelländischen Inseln und Küsten; es geht vier Jahrtausende von unserer Zeitrechnung zurück. Es schließt die wichtigsten Perioden der Weltgeschichte in sich; die lange fortgesetzte kommcreielle und eivilisireude Periode der Phönizier, der Erfinder des Alphabets, welche einen nachhaltigen Eindruck auf die griechische Religion ausübten und scyließlich den Vereinigungspunkt zwischen dem Osten und dem Westen bildeten; die Bildung der großen Weltreiche von Assyrien und Babylonien, deren Kunst eine wichtige Aehnlichkeit mit jener Griechenlands zeigt; das Emporschießen der erstell monotheistischen Religion; die Bildung des alten Testamentes mit der folgenden merkwürdigen Historie der Jsraeliteil, die Geschichte