Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- - ‘..‘W*-W.i***^ WWW - 508 -- befohlenen Selbstheiligung aber sucht derjenige zu erreichen, der zum löblichen Zwecke sich gänzlich freimachi vom sinnlichen Leben, der seili Blut hingiebt, „um Gottes Namen vor der Oeffentlichkeit zu heiligen", der erhabene Märtyrer, wie ihn die Vergangenheit vieler Böller kennt und den wir darum Kadosch, ,/heilig" nennen. — Wie eine Parodie auf den hebräischen Begriff der Heiligkeit klingt es daher, wenn dieselbe Sprache denjenigen, der sich ganz und gar der Sittlichkeit entzieht und der Sinnlichkeit hingiebt, mit der vokalischen Umformung des Kadosch in Kadesch wiedergiebt. Als das allseitig vollkommene Urbild des Menschen, indessen Ebenbild er geschaffen und dem näher zu kommen er unablässig bestrebt ist, gilt das höchste Wesen, die Gottheit. Es liegt klar vor Aller Angen, daß Gott alle drei, im Borigen gekennzeichneten Arten der „Heiligkeit" in sich vereinigt. Bon aller räumlichen Begrenzung linb Berührung losgelöst, versetzt ihn die gewöhnliche Anschauung auch in den unerreichbaren Himmel, den die Schrift, dieser Auffassung folgend, die „heilige Wohnung" Gottes nennt. Natürlich ist dasselbe Wesen auch frei von jeder körperlichen Beschaffenheit und sinnlichem Verlangen, ganz Geist, unfaßbar'). Vielleicht darf man mm auch vermuthen, daß der Prophet mit hellsehendem Auge das göttliche Wesen nach diesen drei Seiten unsrer Auffassung veranschaulichen wollte und es darum „dreimal heilig" nannte. Das dein „Kadosch“ entgegengesetzte Wort ist in der reinhebräischen Sprache nicht „chol", sondern „sor", „Fremder". Mit diesein Ausdruck bezeichnet die heilige Schrift, die für unsre Betrachtung allein maßgebend erscheint, den Laien, welcher der geweihten, „heiligen" Stätte fern bleiben soll. Mit diesem „Kainszeichen" muß sich der behaftet fühlen, der entweder durch Gottes Bestimmung, also von Geburt an, oder durch seine eigne Schuld, seine Nachlässigkeit unfähig ist, den heiligen Boden zu betreten; er muß ihn fliehen und sich vom Heiligthum so lange fernhalten, bis er entweder die selbstverschuldete Unfähigkeit abgestreift oder bis „am Ende der Zeiten", zur Zeit der allgemeinen Menschenverbrüderung, Gott Alle heilig spricht und in den Weltentempel einführt. Es entspricht fomit das lateinische profanus „vor dem Tempel stehend" vollkommen dem hebräischen sor, und der „Laie" (ist jenes „Landvolk" (am ha-arez), das Horaz in seinen Oden (III, 1) ein „prolanum vulgus“ nennt und von sich fernhält. ' Alls einer weit niedrigeren Stufe der Menschenwürde steht diejenige, oben durch „Kadosch“ bezeichnete Perfols welche selbst zur Unsittlichkeit übergegangen. Sie vergaß ihre Lebensaufgabe und verzögerte durch ihre Selbsteutweihung die Erreichung des geistigen Ideals der Menschheit. Die heilige Schrift drückt diesen Prozeß eigner Entfremdung auch durch ein anderes Wort aus, sie nennt eine solche Person „sönah", eine Abgewichene, Abtrünnige. Was heißt nun „chol"? — Es bezeichnet mit seinem Inhalt nirgends — nicht einmal in der den Zeitverhältnissen gemäß erweiterten neuhebräischen Sprache — eine „unheilige" Person, sondern stets die stoffliche Sache, höchstens den entsprechenden abstrakten Allgemeinbegriff. Das bezügliche Wort wird daher nicht dem persönlichen Kadosch, sondern dem abstrakten oder sachlichen Kodesch gegenübergestellt. Fragt man sich nun, was dieses chol bedeutet, so giebt man es am besten mit „sinnlich, materiell" wieder und es bezeichnet nur theilweise den Gegensatz dessen, was wir „heilig" genannt haben. Die sprachliche Stammverwandtschaft weist uns bei dieser Unterstlchung auf das Wort „challah“ hin, das nichts anderes ') Das pflegen wir auch iin täglichen Gebet auszusprechen, weilt: nur neben dem alta kadosch, bit bist heilig, ansrufen: w’sdiimclta kadosch, dein Name. eia. deine Schätzung, das völlige Begreifen deines Wesens ist uns ein Problem. als „Kuchen, Teig", kurzweg „Materie" bezeichnet, und es ist ein völlig entsprechendes Bild, unter dem die Weisen im jerusalemischen Talmud (Sabbath II Ende) den ersten Menschen darstellen. Sie bezeichnen ihn als eine reine challah, als eine noch völlig unbefleckte Bildungsform der Erdmaterie, welche allch den Geist in sich anfnahm. Darf man dem Räthsel dieses Midraschs eine Lösung zu geben versuchen, so war dem Menschen durch das Gebot seines Schöpfers der sinnliche Genuß als zu seiner Erhaltung wohl gestattet: „Bon allen Bäumen des Gartens darfst du essen" das ist sinnlicher Genuß! Er war erforderlich, weil die Materie nur durch die Materie weitergebildet werden kann. So lange nun der Mensch sich in den Grenzen solchen Genusses hielt, die ihm sein Schöpfer gesteckt, die Er als zweckmäßig und als das höchste zulässige Maß erkannt hatte — war sein Körper rein; durch die Hinzunahme verbotener Friichte, die ihm fein Weib gereicht, verunreinigte er diesen, und nun erst einmal die Sünde ihre Herrschaft über das Menschengeschlecht errungen, beburfie es langer, langer Kämpfe, sich des Uebermaßes sinnlicher Genüsse zu erwehren. Auf diesen Gedanken sollte den Menschen die Vorschrift hinleiten, von jedem Teige einen Theil abzusondern und sich zu entziehen; das sollte dem Menschen die versittlichende Entsagung, die Enthaltsamkeit wieder angewöhnen. Uitb weil das Weib ihren: Manne die verbotene Frucht gereicht, hat es auch heut noch im jüdischen Heim das Gebot der Ehallah-Absonderung in seiner erziehlichen Bedeutung zu üben. Und in diesen Begriff anzulernender Enthaltsamkeit und Heiligung sind insgesammt jene drei häuslichen Pflichten einzuschalten, deren Beachtung die Mischnah an genannter Stelle der jüdischen Hausfrau auferlegt. Es wäre für mich eil: doppelt hoher Gewiiu:, wäre es mir gelungen, die läuternden Gedankell des Herrn Professors Steinthal auch mir ein wenig zu ergänzen. U Gin semitisches Museum. Von Ludwig Kohn. Wer je die ehrwürdige Altneusylmgoge in Prag aufgesucht hat, den beschlich wohl beim Eintritt in dieses sagenunnvobene, dem Sturme der Jahrhunderte Trotz bietende Gotteshaus ein Gefühl ernfter Bewegung, zu welchem sich gleichzeitig die Empfindung der Bewunderllng bei den Erzählungen und märchenhaft klingendel: Schilderungen des begleitenden Schammes gesellen. Jeder Stein hat feine Geschichte, seine Sage; unb die Reliquien, welche sich überall vorfinden, geben einen Beweis von den reichen historischen Schätzen, welche hier in diesem uralten Gebäude allfgespeichert sind, ohne daß der größte Theil unserer Stammesgenossel: allch mir eine Ahnung hiervon hat. Nicht weit baOon befindet sich eine der ältestei: Straßen Prags, die Zigeunergasse. Der Fremde, beffen Weg zufällig durch diese entlegene Straße geht, wird wohl vergeblich eine Synagoge daselbst suchen. Wer jedoch einen Blick durch das geöffnete Thor des Hauses Nr. 181 wirft, der erblickt im Hofe über einer Thür einen großen welcher das einzige Zeichen ist, daß hier die altehrwürdige Zigeunersynagoge steht. Auch diese geheiligte Stätte des Judenthums erinnert an alte, längst vergallgene Zeiten, und zahlreiche 9Miqitim int Besitze der Synagoge sind vot: unschätzbarem Werthe, weil sie einet: Bestandtheil der Geschichte uttseres Stammes bildet:. Bei dieser Gelegenheit will ich nicht unerwähnt lassen, daß sich in: zweitet: Stock des Hitltergebäudes, welches sich an die Synagoge anschließt, eilte interessattte Reliquie befindet. In einem Zimmer ver-