Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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507 dieser Vorwurf ist ungerechtfertigt. Wir sehen deutlich die Institutionen bezeichnet, die lins als die wichtigsten erscheinen und deren Beibehaltung, wir lebhaft wünschen, um ein Geschlecht aufwachsen zu sehen, das, echt wie Gold und hart wie Stahl, den drohenden Stürmen des Lebens gewachsen sei. Heilig, nicht profan! Von B. Königsberger. Bei den herrlichen, überaus beherzigenswerthen Worten, welche der in seinem ewig frischen Idealismus bekannte Professor Steinthal unter Ueberschrist „Profan" in Nr. 38 zu den verehrten Lesern spricht, kamen dem von gleichen Wünschen bewegten Schreiber dieser Zeilen jene ergreifenden Worte der heiligen Schrift in den Smn: „Wer gäbe, daß ihr Herz also ihnen sei, Mich zu fürchten und Meine Gebote zu wahren alle Zeit, damit es ihnen wohl ergehe und ihren Kindern auf ewig!" Immer ist es nur der leidige Jndifferentismus, den man beklagt, und den. man vielleicht so lange wird beklagen müssen, als die Großen im Reiche des Geistes es unterlassen, sich unter die Kleinen zu mischen und sie mit sich empor zu ziehen. Allerdings wohl sucht mit Kennerblick der Künstler nur die Modelle sich aus, um nach ihrem Vorbilde ähnliche, durch sie charakterisirte Bilder zu schassen; wohl behagt es dem Psychologen, aus der diagnostischen Untersuchung der seelischen Verfassung der Menschen Bilder geistiger Anschaung zu schaffen, denen er dadurch ewiges Leben zu verleihen sucht, daß er sie zu todten Buchstaben auf dem Papier umzustempeln versucht. Doch nicht zu vergessen ist, daß auf einem anderen Gebiete der Wissenschaft, auf dem der Heilkunde, zu Aller Nutz und Frommen diese löbliche Verbindung von Theorie und Praxis bereits seit der Zeit geübt, wo Jünger des Aeskulap zu studiren und zu wirken begannen; denn sie lernen am lebenden und Todten, um den Lebenden zu erhalten, sie reinigen — um in altjüdischem Bilde zu reden — mit der Asche der todten, verbrannten Kuh die unreinen, d. h. erkrankten Lebenden von ihrer Todesgefahr. Doch denjenigen leidenden Mitmenschen, welche mit dem eigentlich nur der Materie eigenthümlichen Beharrungsvermögen behaftet sind, weiß Niemand zu Hilfe zu kommen, und so erstirbt das Gefühl der Menschen, die Grundlage der Liebe, immer mehr. Doch ich will den geehrten Leser heut auf ein anderes Gebiet hinführen, auf das der Sprachforschung. Zwar giebt sich der bereits erwähnte Artikel des Herrn Professor Steinthal durch das der Ueberschrist beigefügte Ausrufungszeichen als ein solcher zu erkennen, welcher in mahnender Auseinandersetzung der profanisirten Zeit zu Hilfe kommen soll, dennoch aber veranlassen mich die anfänglichen, sprachlichen Bemerkungen zu einer Erwiederung, die, falls sie anerkannt wir zugleich als Berichtigung oder Ergänzung hingenommen werden mag. Ich glaube, daß der deutsche Begriff „heilig" den entsprechenden hebräischen nicht völlig in sich begreift; wenigstens scheint das hebräische „Kadösch" etwas Anderes zu enthalten, als das deutsche Wort gewöhnlich angiebt. Denn Weihe und Würde liegt eigentlich nicht in Jenem, und die allerdings oft vermißte Lauterkeit der Gesinnung bei dem dogmatisch und ceremoniell geschulten Menschen bildet noch nicht das Prestige des „Kadösch". Letzteres enthält vielmehr nichts mehr und nichts weniger als den Begriff der Enthaltsamkeit. Unter diesen lassen sich alle die Bilder rubriziren, unter welchen das Wort in der heiligen Schrift erscheint. Und weil der menschliche Körper im Wesentlichen aus materiellem Stoff besteht, so heißt Enthaltsamkeit für den Menschen: sich zurückziehen von dem sinnlichen Stoffe, wodurch das Geistige in die dominirende Stellung gelangt, die ihm gebührt?) Wenn die Opferstücke an einem „heiligen" Orte gegessen werden sollen, so ist der Raum gemeint, der dem Alltäglichen entzogen und für seinen Zweck durch die „heiligen" Geräthe geweiht ist, welche der Berührung des „Unheiligen" unzugänglich sind. Und das Vorbild solch räumlicher Abgrenzung bildet das „Allerheiligste" im Tempel, dessen Betreten dem „gewöhnlichen" Priester vollständig untersagt und dem Hohenpriester nur einmal im Jahre gestattet war, unter der Voraussetzung, daß er sich körperlich und geistig vom Sinnlichen, vom Irdischen entfernt hielt. Das Thier, das Sinnbild der Sinnlichkeit, das seine Nahrung gedankenlos, d. h. seinem Instinkte folgend, auf der freien, herrenlosen Flur sucht, kann geweiht, kann „geheiligt" werden. War es früher der Arbeit, der Nutznießung des Menschen gewidmet, so wird es durch seine Heiligsprechung dem alltäglichen Gebrauche entzogen und findet als Opfer, wenn es fehlerlos ist, oder als Tempellastthier seine höhere Verwendung. Was Anderes ist es schließlich etwa, wenn Gott sein Volk Israel von allen anderen Völkern erwählt und ihm eine Absonderung von den ringsum wohnenden götzendienerischen Nationen anbefohlen hat? Warnt nicht das Gotteswort seine ersten Bekenner davor, hinzugehen zu ihnen und zu lernen von ihren Werken? „Denn, ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein!" Ja, „heilig" sollst du leben, abgesondert von Jene», deinem Gotte! Und auch der priesterliche Sproß, der sich der gottesdienstlichen Weihung unterzieht, muß „geheiligt" werden, wenn er sich von seiner bisherigen Beschäftigung lossagt lind fernerhin die heiligen Opferhandlungen im Tempel verrichten soll. Wenn wir aber vollends die höchste Weihe des Hohenpriesters und seine Berufsthätigkeit, besonders am Versöhnungstage betrachten, wenn wir erwägen, daß er, überwältigt von der Feierlichkeit und Würde des allerheiligsten Tempelraumes und sich ihr hingebend, auch seine Gedanken loslöst von der mehr oder weniger sinnlichen Betrachtung der Dinge, so erkennen wir an seinem Verhalten ein durch die räumliche Absonderung hervorgerufenes und belebtes Zurückziehen des Menschen auf das Geistige. — Noch eine dritte Stufe, und zwar die der unmittelbaren Heiligung, kennt und erstrebt das Gesetz und sie gelangt hinsichtlich ihres Zustandekommens in den Speise- und Ehegesetzen zum Ausdruck. Denn die heilige Schrift bekrästigt den Zweck derselben dadurch, daß sie am Schluffe der bezüglich ■:> Vorschriften Israel zuruft: „Und ihr sollt „Kadoschim" sein!" Wa - Anderes bedeuten dieselben, als die werthvolle Bekämpfung sinnlicher Genüsse, als die Beherrschung thierffcher Triebe, die Enthaltung vom materiellen Genüsse. Dadurch gelangt der Mensch zum geisfigen Bewußtsein, dadurch wird er auf seinen eigentlichen Lebenszweck aufmerksam. — Und diese Art der Enthaltsamkeit wird in aufsteigend verschärfter Forin den beiden Graden der Priesterfaniilien zur Pflicht gemacht, die Unreines nicht genießen, Ehen nur mit jungfräulichen Bräuten oder durchaus unbescholtenen Frauen eingehen dürfen. Und aus pädagogischen Rücksichten schon will darum der Sabbath gewissenhaft „geheiligt" sein, da er nur körperliche Arbeit verbietet und zur geistigen Betrachtung treibt, und will schließlich der Versöhnungstag begangen werden, der ein umfassender Ruhetag, ein Feiern von körperlicher Arbeit und sinnlichem Genüsse erheischt. — Die höchste Stufe dieser freiwilligen, wenn auch ursprünglich an- *) Als Israel nach dem Berichte der Bibel vor mehr als drei Jahrtausenden am Fuße des Sinai stand, um das Gottesgesetz zu empfangen, sollte der Berg vor dem Betreten der noch geistig unfreien Israeliten bewahrt werden, und dies geschah auf Befehl Gottes, der Mose zurief: „Grenze den Berg ab und heilige ihn (dadurch)!" i