Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1891)
- Date
- 1891-10-23
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 506 -- Segen Gottes, der ihnl 511 Theil geworden, soll Freude spendell und Freude empfinden cm feinem Feste. Freue dich au deinem Feste! sticht sollst du unter den Trümmern eines zerstörten Glückes dich begraben; nicht darfst du deinem Schmerze, der Bitterkeit deiner Erinnerungen dich so sehr hingeben, das; du deine Umgebung darüber vergäßest. Du sollst dich freuen mit ben Deinigen und mit Freunden; du sollst theilnehmen au ihrem Gliicke urtb es zu erhöhen suchen, sollst ihren Kummer in Freude wandeln, ihre Sorgen erleichtern, ihre Schmerzen lindern. Tann wird — unmerilich erst und still — aber iminer mehr und mehr auch dir wieder Frellde erblühen, und deines Herzens Wunde wird vernarben und heilen. So lehre uns das Hüttenfest unb gieße seinen Segen aus, seinen Frieden und seine Freude über Alle, die es feiern. A. P. U Faubhnttenlietrachlungeir eines Nefornguden. Von Georg Minden. Nach den Worten der Bibel soll das Laubhttttenfest zur Erinnerung an die lang entschwundene Zeit dienen, in welcher das Hans Israel unter der Führung von Moses und Josua vierzig Jahre lang durch die Wüste zog und unter Zelten wohnte. Man kann sich kaum einen schärferen Gegensatz denken als denjenigen zwischen den trotzigen und wilden Kriegern der Wüste und den furchtsamen und gebeugten Gestalten, welche das Mittelalter hindurch und bis in die neueste Zeit hinein in den Ghettos Europas, Asiens und Afrika alljährlich das Laubhiittenfest feierten. Jene in die uniformen, weißen, mit Schaufüden geschmückten Beduinenmäntel gehüllt, nach mititürischer Rangordnung in Abtheilungen von 10, 50, 100 und so fort gegliedert, alle Wochentage ihre Rationen empfangend, in strenger Lagerordnung um die Stiftshiitte geschaart und sich zur Eroberung des gelobten Landes vorbereitend, — diese von Land zu Land, von Ortschaft zu Ortschaft gejagt, seit vielen Generationen vom Gebrauch der Waffen entwöhnt, immer für das Leben der Ihrigen zitternd, ihren Lebensunterhalt nur durch wühsame Handelsgeschäfte verdienend und dabei immer den Erpressungen großer und kleiner Tyrannen ausgesetzt. Aber jene waren unsere Borfahren gerade so wie diese; und wie man beim Studium der heiligen Schriften schon in jenen Urzeiten die Andeutung mancher Volks-Eigenthümlichkeiten findet, welche noch heut den Leitern jüdischer Gemeinschaften die Ausübung ihres Amtes erschweren, so kann man auch trotz aller Verschiedenheit im Leben der luft- und lichtlosen Judengassen manchen Zug entdecken, der seit jenen uralten Lagerzeiteu lebendig geblieben ist. Tie strenge Befolgung der zahlreichen Ritualvorschriften, die das ganze Leben wie mit einem Netz umspannteu, disziplinirten den Geist wie der strammste Mititärdienst. Die verwickelten Speisegesetze, die sich in der Praxis wie ebensoviel Speiseverbote darstellten, verhinderten allzngroße Ueppigkeit auch da, wo einmal die materielle Möglichkeit zum Wohlleben vorhanden war. Insbesondre waren es die beiden vornehmsten religiösen Institutionen, die den in der Zerstreuung lebenden Juden am wärmsten ans Herz gewachsen sind und denen sie überall am längsten treu bleiben: die Beschneidung lind der Jomkippur, welche geradezu klastische Muster sind, um die Menschen zur Selbstbeherrschung unb Enthaltsamkeit zu erziehen. Einmal im Jahre soll auch der Reichste fasten und fühlen, wie es dem Armen zu Muthe ist, der das Brod nicht im Hanse hat. Und der zarten Wöchnerin nimmt man gerade zu der Zeit, wo sie am meisten zu schonen ist, den acht Tage alten Knaben, damit sie sich frühzeitig an den Gedanken gewöhne, sich denselben für eine große Idee opfern zu sehen. Ein Geschlecht, das solche Gesetze befolgte, war bereit, jeden Augenblick für das Bekenntniß der Religion zu leben und zu sterben. Und oft genug ist dies geschehen. Auch hier in Berlin haben die Scheiterhaufen geraucht: auf dem Neuen Markt, dort, wo man dem großen Reformator der christlichen Kirche ein Denkmal setzen wird. Zweimal sind dort Juden unschuldig hingerichtet worden — einmal in der katholischen und einmal in der evangelischen Zeit. Psalmen singend nnd das Bekenntniß des Einzig-Ewigen auf den Lippen, gingen sie muthig in den Tod. Doch was der Irrwahn des einen Zeitalters an ihnen gesündigt hatte, das machte beidemal das nachfolgende Zeitalter wieder gut, indem es den aus andern Ländern Vertriebenen Eintritt in die Mark Brandenburg gestattete. — So ist unser Staat gewachsen, nicht ohne Kämpfe und nicht ohne Jrrthumer, aber schließlich doch immer seiner innersten Bestimmung eingedenk, ein Bollwerk der Religions- und Gewistensfreiheit zu bilden. Wie aber verhält sich die heutige Generation zu der geschichtlich gegebenen Entwickelung? Denn wie das neue Deutsche Reich ein Produkt der Politik der brandenburgischen Kurfürsten, so sind wir Reformjuden — ich denke bei dieser Bezeichnung in erster Linie, wenn auch nicht ausschließlich, an diejenige Gemeinde, die mit größerem Recht und mit mehr Konsequenz sich mit diesem Namen nennt als irgend eine andere, — die Nachkommen der Krieger Josuas sowohl, als der kaiserlichen Kammerknechte im heiligen römischen Reiche deutscher Nation. Die jüdische Reformgemeinde zu Berlin kann fast auf ein halbes Jahrhundert ihrer Wirksamkeit zurückschauen. Ihre Mitglieder zahlen mit Stolz und mit Freude doppelte Steuern. Unsere Väter, die dieselbe gründeten und für sie arbeiteten, haben uns in der Herstellung eines deutschen Gottesdienstes eine große Wohlthat erwiesen. Ich lobe sie nicht etwa deshalb, weil sie uns von jenem großen Ballast religiöser Ceremonien befreiten, die uns in der Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten behinderten; das Verschwinden dieser Gebräuche wurde nicht von der Reform gemacht, sondern es kam von selbst. Es war die Eisenbahn und der Telegraph, welche dieselben hinwegfegten, gerade so wie sie die Eigenthümlichkeiten anderer Vvlksstämme und Landsmannschaften zum Verschwinden gebracht haben, so daß wir die Reste alten Volksthums in Museen und Bibliotheken sammeln müssen, damit sie nicht ganz verloren gehen. Denn das Jahrhundert steht unter dem Zeichen des Verkehrs, der Alles nivellirt. Nicht die Reform des Gottesdienstes hat jene Fülle von Ceremonien zum Verfall gebracht — sondern im Gegentheil, diese Reform ist daher entstanden, daß jene Ceremonien in den Herzen modern gebildeter Juden keinen Widerhall mehr fanden. Die Gründung der Berliner Reformgemeinde war, im innersten Kern betrachtet, eine konservative That: sie hat einem großen und an geistiger Regsamkeit bemerkenswerthen Theil des Volkes die Religion erhalten. Freilich deckt sich in aller Herren Länder mit der Flagge des Reformjudenthums eine große Menge wenig rühmlicher Elemente. Nicht nur die von Natur Jndifferenien, sondern viel ungesundes und charakterloses Streberthum wird mißbräuchlicher Weise mit diesem Ausdruck belegt. Unser Trost ist, daß dasselbe über kurz oder lang seinen Weg aus dem Judenthum heraus findet, da ihm nichts ferner liegt, als für die Religion zu dulden. Und ohne solches Dulden ist überhaupt keine Religiosität denkbar. Man wird uns vielleicht einwerfen, daß die entwickelten Ansichten nicht konsequent seien, indem wir oben das Festhalten an den alten Sitten preisen und unten ihrem Fortfall das Wort reden. Aber