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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-23 · Heft 43 (23.10.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 43 (23.10.1891)
Date
1891-10-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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55. Jahrgang. Nr. 43. Allgemeine Berlin» 23. Oktober 1891. eitung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedactcur. Gustav Karpeles. Begründet von Nablrtner Ludwig Plhilipp son-Äonn Verlags-Trpedition: {Berlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Freue dick an deinem Feste. — Laubhüttenbetrachtungen eines Reformjuden. Von Georg Minden. — Heilig, nickt profan! Bon B. Königsberger. — Wissenschaft und Litteratur: Ein semitisches Museum. Von Ludwig Kobn — Das Auge in Bibel und Talmud Von Dr. Adolf Rosenzweig. (Fortsetzung.) — KeiriAetonr Der heilige Herr. Roman von Ferdinand Dieffenback. (Fortsetzung.) — Der Tod Mosis. Von Wilhelm Emanuel Backhaus. Der Gemeindebote. .akorrekvondeuzen und Nachrichten: Berlin' Leipzig. Hannover, Münster, Ans Württemberg, Wien, Prag, Paris, London- Bukarest. Petersburg, Odessa. Marokko. — Bon Nah und Kern. — Sprechsaal. - Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Freue dich an deinem Feste! Auf die Tage ernster Sammlung lind Einkehr ist das Hüttenfest, „unsre Freudenzeit", gefolgt. Kein anderes Fest hat so sehr im Boden des heiligen Landes gewnrzelt und ist durch die Verschiebung der örtlichen und zeitlichen Verhältnisse so sehr seiner ursprünglichen Frische beraubt worden, als jnPT „das Fest". Dazu komnlt, daß durch die kurz vorhergegangenen heilig-ernsten Tage, bereit Feier umgekehrt seit dem Allfhöreu der nationalen Selbstständigkeit einen weit imposanteren Charakter angenommen hat, eine gewisse Uebersättigung des religiösen Bedürfnisses sich geltend macht, wodllrch das Hüttenfest in feiner äußeren Feier beeinträchtigt wird und beispiels weise gegen das Pessachfest sehr zurücktritt. Umsomehr haben wir darauf zu achten, daß der geistige Gehalt des Hüttenfestes uns nicht verloren gehe, daß seine Lehren sich nicht verflüchtigen, -pro rifflMPl „Freue dich an deinem Feste!" So heißt die Devise des Hüttenfestes. Aber kann man die Freude gebieten? Ist sie nicht vielmehr ein Erguß der durch äußere oder innere Einwirkung hervorgerufenen Seelenstimmung? Kann sich Jemand freuen, der sich nicht in glücklichen, behaglichen Lebensverhältnissen befindet, dessen Gemüth von Kummer belastet, dessen Stirn von Sorgen umwölkt ist? Kann sich ganz Israel zu gleicher Zeit freuen, da doch mancher eben erst ein herbes Leid erfahren; können wir an diesem Hüttenfeste uns freuen, da doch Tausende unsrer Brüder heimathlos umherirren, Tausende dieses Schicksals gewärtig sein müssen? Und dennoch hat die Religion ein Recht, uns die Freude zu gebieten, zu verlangen, daß wir kurze Zeit uns frei machen von beit Sorgen und Kümmernissen, die uns gerade das Herz beschweren, und uns mit der ganzen Gemeinde Israels an einem Gedanken erheben, gemeinsam zu schöpfen ans der nie versiegenden Quelle des Heils, von welcher der Psalmist sagt: „Wäre nicht Deine Lehre mein Trost, längst wäre ich vergangen in meinem Elend." Die Religion hat ein Recht, uns die Freude zu gebieten; denn sie ist uns gegeben zum Leben, zur Befestigung und Dauer unsres Bestandes.- Ein Leben aber ohne wahre, reine Freude ist kein Leben, kann nicht Früchte des Lebens reifen und gedeihen machen. Die Lebensfreude ist die Sonne, welche die guten Kräfte weckt und fördert und die finsteren Mächte beschwört und verscheucht. Welches ist mm die Freude, zu der die Religion am Hüttenfeste die Genieinde Israels, den Hohen, wie den Niedrigen, den Frohgenmthen wie den Traurigen, anffordert? Das ist zunächst die Freude, die in dem beseligenden Gedanken, in dem erhebenden Bewußtsein liegt: Die ans Gott vertrauen, in dem Schatten seiner Flügel sich bergen, werden nicht zu Schanden werden; die sind auch in der schlechtesten Hütte geborgen vor Sturln und Wetter. Die ganze Geschichte Israels ist eine fortlaufende Illustration dieses Gedankens. „Auf Dich vertrauen die Väter", sagt der Psalmist, „ans Dich bertrauen sie, und Du errettest sie!" und an einer anderen Stelle: „Oft haben sie mich befeindet von meiner Jugend an; doch überwältigt haben sie mich nicht; ans meinem Rücken pflügten sie, zogen lang ihre Furchen; aber Gott ist gerecht; er zerhieb der Frevler Bande." „Mag auch die Erlösung lange auf sich warten lassen," das ist ein Glaubensartikel des Jndenthnms, „ich harre ihrer dennoch, und an jedem neuen Tage sehe ich mit neuer Hoffnung ihr entgegen." Der Glaube an den endlichen Sieg des Wahren, Rechten und Guten das ist der Anker, der Israels Schifflein festhült, wenn Stürme es hinwegzutreiben und an Klippen es zu zerschellen drohen. Der Glaube an Gottes Führung und Weltregierung, die innige Zuversicht, daß er alle Dinge zum Besten lenkt, das ist ein Licht, ausgesüet für den Fronnngesinnten, eine Freude für die, welche geraden Herzens sind. In diesem Sinne beherzige den Ruf: „Freue dich an deinem Feste." Doch mehr noch als die fromme Gesinnnnng soll die fronnne That zur Quelle reiner und allgemeiner Freude werden. Das leuchtet unzweideutig hervor aus jenem Freudengebot, wenn wir es in seiner Selbstständigkeit betrachten: „Freue dich an deinem Feste, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, der Levite und der Fremdling, die Waise und die Wittwe, welche in deinen Thoren sind." Giebt es eine höhere, reinere Freude als die, Andere zu erfreuen und zu beglücken? Kann diese Freude nicht Jeder empfinden und erlangen, wenn auch das Herz schwer bedrückt, mit Sorge und Weh erfüllt ist? So arm ist Keiner, auch der ärmste Bettler nicht, daß er nicht erfreuen, nicht beglücken könnte, wenn auch nur durch ein Wort, durch ein Zeichen der Liebe, des Trostes, des Wohlwollens. Niemand soll leer erscheinen vor Gott; Jeder nach der Gabe und bcm

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