Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227920--48320-3270834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Nathan Bu rger in Laufenselden. Rabbinaksbezirks Wiesbaden, aus Anlaß seines füuzigjähngen Amtsjubiläums von Sr. Majestät bem Kaiser und S<ömc\ der Adler der Inhaber des Königlichen Hansordens von Hohenzollern mit der Zahl 50 allergnädigst verliehen. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 11. September. Vorgestern ist hier der ehemalige Leibarzt des Schah Nasr Eddin von Persien, Dr. Jakob Polak, im Alter von 71 Jahren gestorben. Polak war im Jahre 1851 von Wien aus und) Persien gegangen, um an der neu errichteten Militärschnle zu Teheran die Stelle eines Lehrers der Kriegschirurgie zu übernehmen. Dort eignete er sich so rasch die persische Sprache an. daß er nicht nur im Stande war, seine Vorträge scholl im zweiten Jahre in dieser Sprache zu halten, sondern anch in derselben zwei Lehrbücher der Anatomie und Physiologie und ein medizinisches Wörterbuch für seine Schüler schrieb. Alls seinen Vorschlag errichtete die persische Negierung auch eine chirurgische Klinik in Teheran, an der Dr. Polak öffentliche Ordination hielt. Zugleich unterllahm er ausgedehnte Reisen zur geographischen Erforschung Persieils und kam dabei in Gegenden, die vor ihm kein europäischer Reisender betreten hatte. Dr. Polak genoß in hohem Grade die Gllnst ilnd das Vertrauen des Schah Nasr-Eddin, der ihn gegell die Jntrignen der Hofwürdenträger schützte imb ihn im Jahre 1855 zu seinem Leibärzte ernannte. In dieser Stellung blieb Dr. Polak bis zum Jahre 1860 in Teheran, worauf er nach Wien zurückkehrte, llm hier die Ergebnisse seiner Studien zu verwerthen. Im Jahre 1865 begann er die Herausgabe eines großen Werkes über Persiell, worin er viel Neues über die Flora und die geologischen Verhältnisse, sowie über die alten Kulturdenkmäler des Landes veröffentlichte. Anch wirkte er längere Zeit an der Wiener Universität als Lehrer der serbischen Sprache. Für seiner! Grabstein hat er folgende Verse des persischen Dichters Hafis bestimmt: Der Gütige schließt kein Thor, Er öffnet denn ein anderes zuvor. * Wien, 13. Oktober. Der antisemitische Abgeordnete Schneider nahm im Abgeordnetenhause mit den Wahlzetteln bei einer Ausschuß- Wahl zu Gunsten des antisemitischen Abg. Prof. Muth eine Fälschung vor, welche von dem Präsidenten. Ritter v. Chlumetzky entdeckt wurde. 22 Stimmzettel wurden als gefälscht erkannt. Schneider leugnete Anfangs, gab aber schließlich die Fälschung theilweise zll. lieber diese Sensationsaffaire wird in der Donuerstagsitzung eine Interpellation erfolgen. M. Prag, 5. Oktober. Vorüber sind die herrlichen Kaisertage, die den Bewohnern Böhmens eine ununterbrochene Reihe selten glücklicher Stunden bescherten. Die Straßen sind wieder ihres prächtigen Schmuckes beraubt und haben die gewöhnliche Physiognomie angenommen, die Bevölkerung hat das Festgewand abgelegt und geht wieder ihrer gewohnten Beschäftigung nach. Doch wenn auch äußerlich die Zeichen jenes freudigen Ereignisses bereits verschwunden sind, so hallt doch in dem Herzen eines jeden Bewohners Böhmens noch immer der Jubel über das erlebte Glück nach, und die Erinnerung an die Huld und Gnade des Monarchen macht jedes Herz vor Freude erzittern. Speziell die Bekenner des jüdischen Glaubens haben alle Ursache, ihrem Gott und ihrem Kaiser zu danken, denn für sie scheint der kaiserliche Besuchin Böhmen einen Markstein in ihrer Geschichte zu bedeuten, und mit der Jahreswende scheint anch eine Wendung zmn Bessern in ihrem in letzter Zeit durch ruchlose Fälscher und Maulhelden getrübten Geschicke eingetreten zu sein. Wir haben in unserem letzten Berichte bereits der kaiserlichen Worte Erwähnung gethan, die den Patriotismus der Juden als etwas ihm schon längst Bekanntes bezeichneten. Wir haben anch schon den brausenden Jubel, geschildert, den diese Worte in der ganzen jüdischen Bewohnerschaft Oesterreichs entfesselten. Vielleicht mag es gerade die unerhörte Art und Weise, mit der die antisemitische Truppe durch so lange Zeit die ganze Judenschast mit ihrem Geifer bespeihte, zur Folge gehabt haben/ daß Se. Majestät die Juden bei dem Besuche in Böhmen in so auffallender Weise auszeichnete, und dann wären wir dieser Demagogenschaar noch zu Dank verpflichtet. Wo es nur anging, ließ uns der Kaiser in der huldvollsten Weise erkennen, daß er die Juden als einen mächtigen, intelligenten, fleißigen und stets kaisertreuen Faktor in der österr.-ung. Monarchie hochschätze. Als der Monarch in der Landesausstellung zu Prag die Erzeugnisse der Koliuer Spiritns-Rafsinerie besichtigte und ihm hierbei der gesellschaftliche Viceprüsident Herr Seligman Elbogen über die Exportverhältnisse genaue Auskunft zu er-! theilen die Ehre hatte, antwortete Se. Majestät, daß ihn diese Auskünfte außerordentlich freuen; beim Weggehen äußerte sich der Kaiser zum Statthalter Grafen Thun: „Es ist großartig, was die Inden überhaupt und in Böhmen insbesoudere auf volkswirthschaftlichem Gebiete leisten!" Dieses glänzende Zengniß kaiserlicher Huld und Gnade wird noch werthvoller dadurch, daß Se. Majestät der Anerkennung der Loyalität ihm gewissermaßen höchsteigenhändig das Siegel aufdrückte, indem er sich an allen Stationen die er bei seinem Trinmphzug passirte, die Rabbiner und Vertreter der israet. Kultusgemeinden vorstellen ließ und sie durch huldvolle Ansprachen auszeichnete. Nun ist die ganze antisemitische Rotte mit einem Schlage zum Schiveigen gebracht. Was ungezählte Reden und geschriebene Artikel, was die eklatantesten und handgreiflichsten Beweise gegen die unerhörten Beschuldigungen jener Sippe nicht im Stande waren, das vermochten einige Worte aus dem Munde des Kaisers! Nun dürfen wir endlich hoffen, daß für die Juden in Oesterreich eine neue Epoche anbricht, eine Epoche des Friedens und der Ruhe, der unsere Glaubensgenossen so lange entbehrten und, abgesehen von allen den ungezählten Wohlthaten und Beweisen von Huld, mit denen Franz Josef I. seine jüdischen Unterthanen bereits beglückt, sichert ihm dieser Umstand allein die unbegrenzte Liebe und Hingebung, die unerschütterlichste Treue und den unauslöschlichen Dank des gesammten jüdischen Volkes. * Prag, 6. Oktober. Bei dem Besuche Sr. Majestät des Kaisers in Smichow hatte sich zum Empfange die Vorstellung der israet. Kultusgemeinde mit dem Vorsteher Löw und Rabbiner Dr. Back eingefunden. Beide Herren wurden Sr. Majestät vom Bezirkshauptmann vorgestellt. Die Stadt Weinberg war anch durch ihren Vorstand und Rabbiner beim Empfange vertreten. Herr Boudy. Mitglied des Ausstellungs-Comites, war zu der Dienstags Abends stattgehabten Hoftafel geladen. Am 1. d. M. traf Se. Majestät am Bahnhof in Jungbnnzlan an, wurde von den Honoratioren der Stadt daselbst erwartet. Herr Rabbiner Dr. Grünwald sprach bedeckten Hauptes den vorgeschriebenen Segen. Se. Majestät richtete hierauf an den Rabbiner in gnädigster Weise freundliche Worte. SS Prag, 11. Oktober. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" hat darüber berichtet, daß bei dem feierlichen Empfang, der sofort nach der Ankunft des österreichischen Kaisers in Prag stattfand, anch mit der Abordnung des Offizierkorps unterFührung des oberstenKommandirenden im Königreich Böhmen, Grafen Grünne. Herr Rab bin er Dr. Kr sch in seiner Eigenschaft als Feldrabbiner der Landwehr vor Sr. Majestät im Schlosse erschien. Daß dem Herrn Dr. Kisch, der am Bahnhofe bereits mit den übrigen hiesigen Rabbinern, den Herren DDr. Ehrenfeld, Gelbhaus und Tauber, und der Gemeinderepräsentanz unter Führung der Präsidenten DDr. Rosenbacher und Beudiener erschienen war, diese Auszeichnung zu Theil wurde, ist ein eminenter Beweis der vollkommenen Gleichstellung aller Glaubensbekenntnisse in der österreichischen Armee, wie man ihn vielleicht anderswo besser zn würdigen weiß als bei uns. Der betreffende Korpsbefehl an Herrn Kisch hat daher eine gewisse historische Bedeutung und mag an dieser Stelle reproduzirt werden: K. und k. 8. Korps-Kommando. Dienst-Zettel. Prag, am 23. September 1891. Zu der bei Sr. k. und k. apostolischen Majestät dem Kaiser am 26. d. M. in Prag stattfindenden Aufwartung haben auch Euer Ehrwürden zu erscheinen und sich vor 9 Uhr Vormittag in der k. k. Hofburg (im Spanischen Saale) einzusinden. Adjnstirung en parade. Ans Befehl: Czibulka, Oberst. Sr. Ehrwürden Herrn a. a. k. k. Laudwehrrabbiner Herrn Dr. Alex. Kisch des böhmischen Landwehrbataillons 33. Frankreich. * Paris, 8. Oktober. Die vom Centralkomitee der Alliance israelite universelle an Herrn Professor Terenbourg gerichtete Adresse hatte folgenden Wortlaut: „Herr Vice-Präsident, theurer Kollege! Ihr 80. Geburtstag ist ein Festtag für Ihre Freunde wie auch für die Gelehrten aller Länder und aller Bekenntnisse. Durch Ihre bedeutenden Werke über die jüdische Litkerakur Haben Sie das Judenthum geehrt, und Ihre Ernennung zum Mitglied des Instituts hat Ihrem allverbreiteten Ruf öffentlich die Weihe verliehen. Rur diejenigen, welche das Glück genießen, Sie näher zu kennen und mit Ihnen zu arbeiten, wissen, mit welchem Eifer und welcher Hingabe Sie die Wohlthätigkeit ausüben, wie viele nützliche Werke Sie entweder veranlaßt oder zu gründen und leiten geholfen, wie vielen jungen Leuten Sie eine Stütze und Ermuthignng waren, wie viele Familien Sie vom Elend errettet.