Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Seit 23 Jahren leihen Sie bem Centralkomitee der Alliance Ihre schätzbare Hilfe; es rührt uns aufs Tiefste, daß Sie heute noch einer der Kollegen sind,^welche am fleißigste!! unfern Sitzungen anwohnen und sich am lebhaftesten für die Fragen, mit denen zu beschäftigen uns öbliegt, interessiren. Genehmigen Sie unsere Wünsche zu Ihrem Glück und demjenigen Ihrer Kinder, wie auch den Ausdruck unserer tiefgefühltesten Zuneigung." Schweiz. * St. Gallen, 13. Oktober. Vergangenen Samstag und Sonntag feierte Herr Rabbiner Dr. Engelbert unter freudiger Betheiligung der hiesigen israelitischen Religionsgenoffenschaft sein 25jähriges Rabbinatsjubiläum. Zahlreiche Gratulationszuschriften und Ansprachen, sowie namentlich ein kostkares Ehrengeschenk, das die Vorsteherschaft ihm bei diesem Anlaß überreichte, legten ein sprechendes Zeugniß ab für die Achtung und Liebe, die sich der seit Gründung der Gemeinde in dieser letzteren, sowie in verschiedenen öffentlichen, gemeinnützigen Stellungen erfolgreich wirkende Jubilar erworben hat. Möge es ihm vergönnt sein, noch lange Jahre in gleicher Kraft und Rüstigkeit zu wirken. Rußland. * Petersburg, 6. Oktober. Von amtlicher Seite wird gemeldet, im Ministerkomitee solle demnächst ein Projekt der Ministerien des Innern und der Justiz betreffend die Judenfrage zur Durchsicht gelangen. Es handelt sich um eine strengere Handhabung des Gesetzes vom Mai 1882, das bekanntlich das Recht der Juden auf Jmmobilienbesitz u. s. w. erheblich beschränkt. — Zur Frage der jüdischen Auswanderung berichtet die „Now. Wr.", daß die „Alliance Israelite“, die in Galizien einige Filialen eröffnet hatte, um russischen Juden bei ihrer Auswanderung nach Amerika behilflich zu sein, nunmehr diese Hilfsbureaus schließen wollen, da die Negierung der Vereinigten Staaten den letzten Judentrausport zurückgewiesen habe. Die Tendenz dieser Erfindung liegt klar zu Tage. * Odessa, 10. Oktober. Am Donnerstag fand die feierliche Eröffnung der landwirthschaftlichen Farm beim hiesigen hebräischen Waisen- Hause statt. Bei dieser Gelegenheit gab der Stadthauptmann dem Wunsche Ausdruck, es möchten solche Farmen in Rußland weitere Verbreitung finden, und forderte die hebräische Intelligenz auf, auf ihre Glaubensgenossen einzuwirken, daß sie in Rußland bleiben, sich mit Landwirthschaft beschäftigen- und nicht aufs Ungewisse hin auswandern sollen. Unter anderen Beglückwünschungs-Depeschen aus diesem Anlaß traf auch eine vom Minister des Innern ein. — So berichtet das Wölfische Telegraphenbüreau, das die russischen Juden neuerdings konsequent „Hebräer" nennt. Griechenland. * Athen, 7. Oktober. Der Mord eines kleinen Mädchens, welcher zn den blutigen Ausschreitungen auf Corfn im Frühjahre führte, ist noch in Erinnerung. Bekanntlich wurde damals, als man das todte Kind fand, sofort ausgesprengt, daß es zu rituellen Zwecken ermordet worden sei. Als Hauptbeweis hierfür wurde die Beschaffenheit der Wunden und die völlige Blutlosigkeit der Leiche angeführt. Und wiewohl man genau wußte, daß die Ermordete Rnbina Sarda hieß und Kind eines jüdischen Schneiders war, der selbst die Anzeige von dem Verschwinden und später, nach Auffindung der Leiche, von dem Morde seines Kindes machte. bat es doch voller vier Monate bedurft, um die volle Wahrheit, so einfach sie auch war, festzustellen. Nach Berichten aus Corfn ist die Untersuchung soeben zu einem Abschlüsse gelaügt. Sie zeigt vor Allem, wie sehr in diesen Ländern selbst die Justiz von den Volksleidenschaften und Stimmungen beeinflußt werden kann. Der neue Staatsanwalt, der die Untersuchung zum Abschluß gebracht hat, mußte dieselbe ganz von vorn anfangen, da es sich zeigte, daß sein Vorgänger mehr oder weniger von der vorgefaßten Meinung ausgegangen war, daß es sich thatsächlich um einen rituellen Mord handle. Es zeigte sich, daß selbst die gerichtlichen Organe unter dem Eindrücke des Terrorismus handelten, welchen außerhalb stehende Fanatiker geübt haben sollen. Namentlich viele Zeugenaussagen haben unter dem Einflüsse der Einschüchterung gestanden. So sehr war die Untersuchung^ in antisemistischem Geiste, schreibt die hiesige „Ephimeris", geführt worden, daß auch der jetzige Untersuchungsrichter, Kandiadis, ursprünglichen rituellen Mord glaubte, und zwar so fest, daß er sich nach Alexandria wandte, um dorther Akten über in Aegypten vorgekommene Verbrechen ähnlicher Matur zu erlangen. Indessen Hai die Vernunft doch gesiegt. Wie man aus Corfn meldet, sind die Thäter bereits ermittelt. Es sind deren sieben, sämmtlich Christen, deren einer, Johann Karidis, bereits einmal unter gleichem Verdachte in Haft war und später freigelassen wurde. Es wurde ferner durch christliche Zeugen sestgestellt, daß die getödtete Rnbina Sarda im Jahre 1883 zu Corfn selbst von jüdischen Ellern geboren wurde und bis zu ihrem Tode ununterbrochen dort lebte. Im Uebrigen werden die weiteren Ergebnisse der Untersuchung und die Namen der muthmaßlichen Thäter noch verschwiegen. Von Nah und Fern. ----- Die „Leopold Zunzloge" in Berlin veranstaltete jüngst eine Trauerfeier für Prof. Grantz, bei der Dr. G. Carpeles die Gedächtnißrede hielt. — In Breslau starb am 2. d. M. hochbetagt der Hebraist Professor Dr. Magnus, der an der Universität jahrzehntelang die semitischen Sprachen und die rabbinische Litteratur lehrte. Magnus stammte ans der bekannten Berliner Künstlerfamilie M. und studirte zuerst evangelische Theologie, bis er sich dann ausschließlich dem Studium der orientalischen Sprachen mit glänzendem Erfolge zuwandte. Fast alle Hörer des jüdisch-theologischen Seminars haben seine Kollegien über die mit dem Hebräischen verwandten Sprachen besucht. — Auf Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft wurde in verschiedenen Leipziger Buchhandlungen Paaschs „Offener Brief an den Reichskanzler" beschlagnahmt. — In Oldenburg hat die Oberpost' d i r e k t i o n ihren Beamten untersagt, Freiexemplare des „Volk" anzunehmen Wir können ein solches Vorgehen der Behörde, selbst wenn es sich, wie in diesem Falle, gegen die Antisemiten richtet, nicht gutheißen, ja wir fürchten sogar, daß es der Sache unserer Gegner eher Nutzen als Schaden bringen wird, denn bekanntlich werden verbotene Schriften nur um so fleißiger kolporlirt und gelesen. — Ende September feierte die israelitische Gemeinde In g el h eim das Fest des 50jährigen Bestehens ihrer Synagoge. — Der Ungarische israelitische Krankenunterstntzungs- und Leichenbestatiungsverein in Budapest feierte am 26.v. Mts. die Einweihung einer durch Spenden aufgebrachten neuen Thoralade. Die Festrede hielt Herr Dr. Venezianer, den gesanglichen Theil besorgte Herr Oberkantor Jakob Bachmann. —- In Poritz, nahe von Bobruisk in Rußland, wo sich eine große jüdische Gemeinde befindet, brach ein schreckliches Feuer ans. Von den Hunderten von Häusern in der Stadt stehen kaum zwanzig. 2000 Personen wurden obdachlos. — Aus Petersburg wird gemeldet, daß dem „Woschod" nach sechsmonatlicher Unterbrechung das Erscheinen wieder gestattet worden ist. — Der ausgezeichnete Maler David Bleß, der im Haag sein Atelier aufgeschlagen hat, feierte am 29. September seinen 70. Geburtstag. Um diesen Tag würdig zn begehen, trat ein Komitee zusammen, welches den Beschluß faßte, Herrn Bleß mit seiner eigenen Büste aus Marmor, von einen! der berühmtesten holländischen Bildhauer angefertigt, zu beschenken. Es ist ein besonders erwähnenswerther Umstand, daß unter den Mitgliedern des Komitees sich auch die Königin-Regen ti n von Holland, die Großherzogin von Sachsen-Weimar, Schwester des verstorbenen Königs, und die Prinzessin Marie von Holland befanden. — Das israelitische Konsistorium zu Bordeaux hat von der französischen Negierung die Ermächtigung erhalten , die Schenkung des bekannten Philanthropen Mr. Daniel Osiris, welche in einer Synagoge und Adnexen in Arcachon besteht, anzunehmen. Der Spender hat die Bedingung gestellt, daß alle Ueberschüsse, welche sich bei Verwaltung der Synagoge ergeben, an Arme der Gemeinde Arcachon ohne Unterschied vertheilt werden sollen. — Mr. Aron Abensnr, eines der ältesten und geachtetsten Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Tanger, starb am 15. September im hohen Alter. Er war seit vielen Jahren Dolmetsch bei der britischen Gesandtschaft in der genannten Stadt. — Nach einer Depesche des „Newyork Herald" aus Valparaiso verkaufte die argentinische Negierung an Baron Hirsch 1000 Ouadratmeilen Land in der Provinz Chaco zu 1000 Pesos für die Meile. Das Terrain wird zur Gründung einer jüdischen Kolonie verwandt werden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.