Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 für die Wiederaufnahme der Unterfinftmtfl erforderlichen neuen Momente eingegangen." k. Hamburg, 10. Oktober. Seit Anfang Juni durchzieht eine große Anzahl russischer Juden Hamburg, während ein geringerer Theil über Bremen reist, tun von dort tu die neue Hei mach sich zu begeben. Ihre Zahl mag, soweit Hamburg in Betracht kommt, ca. 24,000 betraget!, von denen der kleinere Theil eine Unterstützung tticht in Anspruch ttimmt. Dieser plötzliche Zugang innerhalb dreier Monate, der ein rapides Anwachsen der Answandererzahl für Hambttrg ergiebt, kam immerhin so schnell, daß alle Hände thätig fein mußten, um den Massenandrang zu bewältigen. Die von Memel, Königsberg, Myslowitz n. s. w. Ankommenden werden am Bahnhof erwartet und von dort in die Quartiere geführt. Während ein eigens gebildetes Bekleidungs-Komitee dafür sorgt, daß der Kaftan ganz verschwinde und moderne Kleider ihn ersehen, werdeit Bäder und Speisungen in großem Maßstabe den Durchziehenden verabreicht. Ebenso schnell wie sie kommen, verschwinden sie auch wieder; schnell werden sie an die Schiffe geführt, so daß, abgesehen von einzelnen Straßen der Stadt, der Aufenthalt russischerInden kaum atlshält. Deshalb ist es ganz verfehlt und beweist Unkenntniß der Verhältnisse, wenn matt auf Plakaten von der „Gefahr" der Einwanderung russischer Juden in Deutschland spricht; eine solche ist nicht vorhanden. Das Ziel der Ansgeiviesenen ist am allerwenigsten, wie wir gegenüber den ängstlichen Ausführungen der „Times" ansführen möchten, England. Es dürften in diesem Jahre nicht mehr Inden zugezogen fehl als sonst. Denn den leitenden Personen dürften die wirthschaftlichen Verhältnisse für dort Konkurrenzunfähige hinreichend bekannt sein, als daß sie nicht ernstlich warnen und abratheu sollten. Nächst dem kaum in Betracht kommenden England sind es besonders Kanada und die Bereinigten Staaten von Nordamerika, welche von den Ausgewiesenen ausgesucht werdet!. Bezüglich der letzteren, in welchen die meisten Zuzügler erwiesenermaßen Verwandte besitzen, sittd indessen die Gesetze hindernd. Neuerdings berichtet jeder Tag von der dortigen Zurückweisung armer Ankömmlinge verschiedener Konfessionen, so daß dieses Land fortan wohl wird gemieden werden müssen, trotzdem den russischen Juden zahlreiche hilfreiche Hände sich entgegenstrecken. Gewissermaßen ein eigenes Komitee bildet dasjenige des Barons Hirsch, des vielgenanntet! Philanthropen, der durch seine Landanküufe in Argentinien viel von sich reden macht. Es sind ernstliche Vorbereitungen getroffen, um den Leuten unter straffer Aussicht ein neues Heim itls Leben zu rufen. Die von Hamburg nach Buenos- Aires abgegangenen Dampfer Lissabon, Tijnca, Petropolis und Jtaparica waren mit russischen Inden voll gepropft. Auf Grund von Nachrichten russisch-jüdischer Blätter haben sich wahre Legenden um die Person dieses Mannes gebildet, der im Gegensatz zu anderen jüdischen Krösussen überaus erhebliche Opfer zu bringen bereit ist Man findet unter den Auswanderern vielfach feine Photographie. Bei einer der letzten Abfertigungen nach Argentinien hatte sich unter ihnen schnell das Gerücht verbreitet, Hirsch weile selbst am Bord der Schiffe. Die Männer bildeten sogleich Spalier und verneigten sich mehrfach tief nnd ehrfurchtsvoll vor ihrem vermeintlichen Wohtthäter. Thalsache ist, daß auf Grnttd der Persvnalnn der nach Argetttiniett Wandernden ttttd einer Sichtung und Prüfung derselben durch das Hautburger Komitee Baron Hirsch selbst die Etttscheidtlng über Aufnahme resp. Ablehnung hifft. * Hambttrg, 13. Oktober. Mit dem „Desterro" sind l56 Kolonisten nach beii Baron Hirsch'schen Kolonien in Argetttiniett abgegangen. Att Bord des Schiffes befand sich auch Herr Oskar Wolfs, welcher von Baron Hirsch daztt desigttirt ist, die kommunalen Angelegenheiten der Kolottie zu ordnen. Herr Wolfs war bisher Mitglied der kaiserlich deutschen Schntztruppe in Ostafrika unter Major Wißmann. © Gleiwttz, 10. Oktober. Die im vorigen Jahre in bein Soolbade Königsdorff-Jastrzemb begründete israelitische Kinderheilstätte hat sich im zweiten Jahre ihres Bestandes durch ihre umsichtige und thatkräftige Verwaltung, deren Sitz hier in Gleiwih sich befindet, 31t eitter Musteranstalt emporgeschwungen. Die ärztliche Leitung der Anstalt liegt in den bewährten Händen des Badearztes Herrtt Dr. Karfunkel. Die erziehliche Aufsicht und Pflege der Kinder ist einer dazu geeigneten jüdischen Dame, die mit leidenden Kindern 11111zngehen versteht, anvertraut. Küche und Oekonomie werden von einer zuverlässigen Persönlichkeit geführt. Außerdem verfügt die Anstalt über ausreichendes Hilfspersonal. Die Anstalt, welche während der Sommermonate geöffnet ist, kann gleichzeitig 18—20 Kinder beherbergen. In Folge der sehr zahlreich eingehenden Aufnahmegesuche sind alle Betten auf Wochen hinaus stets belegt. Die Aufnahme der Kinder geschieht serienweise. An demselben Tage zieht der eine Trupp ein und wird nach Abtauf seiner Kurzeil zu gleicher Zeit entlassen. Das Haus nnd die sämmtliche Einrichtung wird dann in ein bis zwei Ruhetagen von Grund aus gereinigt und in Stand gesetzt, worauf die neue Serie in die gesunden Räume ihren Einzug hält. Die meisten Kinder werden ganz unentgeltlich anfgenommen, die bemittelteren oder die von Wohlthätigkeitsvereinen der Anstalt überwiesenen Pfleglinge zahlen einen mäßigen, je nach den Verhältnissen bemessenen Zuschuß zu den Verpflegungskosten. Von dem hohen Vertrauen, welches das gemeinnützige Unternehmen in weiten Kreisen genießt, zeugt besonders der Umstand, daß Kinder oft aus bedeutender Entfernung, beispielsweise ans Berlin, von hervorragenden Humanitären Vereinigungen nach der Anstalt geschickt werden. Das segensreiche Institut wird durch Beiträge erhalten, welche Synagogengemeinden, Wohlthätigkeltsvereine, die Logen B'ne Brith, sowie edelgesinnte Einzelpersonen dem Liebeswerk in hochherziger Weise zur Verfügung stellen. Möge zum Nutzen und Segen der armen leidenden Kinder dieser Kreis edler Wohtthäter sich immer mehr vergrößern! O Harrttover, 2. Oktober. Der achte Rechenschaftsbericht über die Unterstützungskasse für jüdische Lehrer, deren Wittwen und Waisen in der Provinz Hannover, der soeben erschienen ist, beweist ans's Neue die segensreiche Wirksamkeit, die die Kaffe entfaltet, wenn auch durch die hohen an sie gestellten Ansprüche die Pensionen, welche bisher ~/s des versicherten Diensteinkommens betrugen, auf Vs zurückgegangen sind. Es sind im Jahre 1890 an 6 emeritirte Lehrer und 4 Lehrerwittwen ca. 3700 Mk. gezahlt,' hierzu kommen Drnck- und Bnreaukosten und sonstige Ausgaben in Höhe von 197 Mk.; so daß mit den belegten Kapitalien von 491 Mk. die Summe der Ausgaben sich ans ca. 4378 Mk. beziffert. Ihr steht eine Einnahme von 5459 Mk. 10 Pf. gegenüber, die sich aus Eintrittsgeldern. Zinsen, Beiträgen von Mitgliedern und Gemeinden sowie Privaten und Spenden in den Synagogen zusammensetzt. Der unangreifbare Fonds betrug am 1. Januar 1891 46,116 Mk., der seine Entstehung den Bemühungen einzelner Männer hiesiger Gemeinde verdankt, von denen zwei, der Landrabbiner Dr. S. Meyer und Rentier S. Coppel, nicht mehr unter den Lebenden weilen. Neben diesen hat sich Herr Rechtsanwalt Beufey, der dem Vorstände seit der Begründung der Kasse angehört, wesentliche! Verdienste um die ersprießliche Entwickelung der Kaffe erworben. An die Stelle des set. Herrn Coppel ist der durch seinen Wohlthätigkeitsfitttt allgemein bekannte Herr Geh. Kommerzienrath Louis E. Meyer in der Generalversammlung gewählt worden. Wir hoffen, daß die Aufforderung des Vorstandes, durch freiwillige llnterstützung die Kasse auch ferner in den Stand zu setzen, für die auf sie angewiesenen Lehrer und Wittwen ausgiebig sorgen zu können, überall freudigen Anklang finden wird. * Kassel, 11. Oktober. Eine bemerkenswerthe Regierungs- Verfügung findet sich in der letzten Nummer des Kasseler Schulverordnungsblattes. Dieselbe ist an sämmtliche Kreisschul-Jnspektoren und SLadtschul-Jnspizienten gerichtet und hat folgenden Wortlaut: „Es ist in der letzten Zeit mehrfach vorgekommen, daß israelitische Erwachsene und Kinder öffentlich in ihrer Eigenschaft als Inden geschmäht und verhöhnt worden sind. Nach den stattgehabten Ermittelungen haben es einzelne Lehrer nicht blos an der gebührenden Bestrafung der Schnlkinder fehlen lassen, sondern sogar hier und da durch ihre eigene unvorsichtige Haltung einer in solchen Auftritten sich knndgebenden unchristlichen Lieblosigkeit Vorschub geleistet, was wir als Schulanfsichtsbehörde vom pädagogischen Standpunkte ans entschieden mißbilligen müssen. Ew. Hochwürden wollen deshalb Veranlassung nehmen, in der nächsten amtlichen Lehrerkonferenz die Aufmerksamkeit der Ihnen unterstellten Lehrer ans diesen Punkt hinzulenken und denselben zur Pflicht zu machen, daß sie solchem für die Schulzucht schädlichen Treiben überall mit Entschiedenheit entgegentreten und zugleich, bei maßvoller Zurückhaltung im öffentlichen Leben, mit dem eigenen Beispiele christlicher Duldsamkeit gegen Andersglaubende der ihnen anvertranten Schuljugend vorangehen." Aus Nassau, 11. Oktober. Wie sehr unsere jüdischen Religionsschulen sich der Anerkentumg der höchsten Behörden erfreuen, bekundet eine Auszeichnung, die einem unserer verdienteren Religionslehrer in diesen Tagen geworden ist. Infolge eines darauf bezüglichen Antrages des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Silberstein in Wiesbaden wurde nämlich dem israelitischen Religionslehrer und Vorsänger, Herrn