Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227920--48318-3270832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
55. Jahrgang. Nr. 42. u* m°b*x i89j* NeiLcrge zuv „JUfgemeinen DerLirng öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. K Berlin, 14. Oktober. Der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Central-Komitees für die russischen Juden hat auf den 20. und 21. d. M. eineTelegirten-Versainmlmig nach dem Repräsentanten- Saal der hiesigen jüdischen Gemeinde einbernfen, um über seine bisherige Thätigkeit,- die Wirksamkeit des Grenz-Komilees und das Kolonisations-Projekt Bericht zu erstatten, sowie über etwaige Anträge ans der Versammlung zu verhandeln. Wir begrüßen eine solche Vereinigung mit Freuden, weil durch dieselbe das einheitliche Vorgehen in dieser so überaus schwierigen Angelegenheit gefördert und durch den lebendigen Meinungsaustausch das Interesse verstärkt wird. Die Mittheilnng der reichen Erfahrungen anderer Komitees können iür die fernere Geschäftsführung des Ausschusses nur nutzbringend sein. # Berlin, 13. Oktober. Daß den Jndenbekehrern alle Mittel erlaubt erscheine,!, wenn sie nur ihrem Zweck näher zn kommen glauben, ist eine bekannte Thatsache. Die letzten Tage haben nun Gelegenheit gegeben, einen neuen Einblick in das Treiben der Berliner Missionare zu gewinnen und dabei abermals die Beobachtung zn machen, wie sehr die Herren in ihrem Bekehrungseifer von der Klugheit im Stich gelassen werden. Wir wählen diesen mildesten Ausdruck für jenes Treiben, welches mit ben heiligsten Gefühlen gerade derjenigen seinen Spott treibt, auf die man eine religiöse Einwirkung versucht. „Jom-Kippur- Feier für Israeliten und Christen: Sonntag Abend 6 bis 7 Uhr im Vereinssaal, Potsdamerstr. 27B. Redner Pred. Krüger und Pred. Becker." So lautet ein Inserat, welches man am jüngsten Sonnabend unter den verschiedenen Anzeigen der gottesdienstlichen Veranstaltungen für den Versöhnungstag lesen konnte. Der Einladung ist, wie wir hören, von vielen neugierigen Christen und einigen ebensolchen Juden denn auch Folge geleistet worden. Natürlich war weder von einem Jom Kippur noch von einer Feier die Rede; zwei Missionsprediger bekanntester Art gab es zu hören, welche die „lieben israelitischen Brüder" ob ihrer bisherigen „Standhaftigkeit" schier in den Himmel hoben, daun aber ermahnten, nunmehr von dieser „Hartnäckigkeit" abzulasseu. Was brauche man noch den Versöhnungstag, da ja der Menschheit die Versöhnung schon gebracht sei u. s. w. Vorher wurde die Misfionsschrift „Dibon Erneth" vertheilt, nachher ein Beitrag zur Deckung der Kosten gesammelt. Ein Redner streifte auch die russischen Judenverfolgungen — jedenfalls um an diesem deutlichen Beispiel zu zeigen, daß die Versöhnung bereits auf Erden eingekehrt sei. — Das Verfahren der Herren Krüger und Becker hat, wie wir wissen, nicht blos in jüdischen, sondern auch in christlichen Kreisen gerechte Entrüstung erregt, und wenn wir dieser Entrüstung keinen schärferen Ausdruck geben, so geschieht es nur, weil wir gestern unsere Jom-Kippur-Feier hatten. T. Berlin, 27. September. Man klagt mit Recht über das Schwinden der Kenntniß des Judenthums. Weite Kreise siud von einer bedauerlichen Unwissenheit in jüdischen Dingen befangen. Auch diejenigen Organe, deren Beruf die Zuführung dieser Kenntnisse ist, sind von einer wesentlichen Mitschuld an dieser Erscheinung nicht ganz freizusprechen. Was thut die Schule, um einer so bedenklichen Thatsache entgegenzuarbeiten? Nichts. Warum läßt sie sich eine ihrer vornehmsten Aufgaben entgehen? Ich will mich heut mit einer kleinen Anregung, auf die mich das jüngst erfolgte Hinscheiden des populärsten jüdischen Historikers gebracht hat, begnügen. Welche jüdische Schule hat wohl diese Gelegenheit benutzt, die Schüler mit dem großen Gelehrten bekannt zu machen und sie für die nun geschichtlich gewordene Gestalt zu erwärmen? Treffen wir doch die Einrichtung, die sich in allen Schulen — nicht ohne wesentlichen Erfolg — eingebürgert hat, nämlich die Gedenktage historischer Persönlichkeiten, die sich in der Litteratur oder der Geschichte ausgezeichnet haben, zum Anlaß zu nehmen, um deren Bedeutung und Wirken fürs Judenthum den Kindern lebendig vor die Augen zu führen. Möge die Religionsschule diese Gepflogenheit ihrer Schwesteranstalt für das profane Wissen als nachahmenswerthes Beispiel sich aneiguen und die Helden unserer Religion und Größen unserer Litteratur ebenso zur gegebenen Zeit feiern, wie die deutsche Schule schon längst den Namen der Dichter und Sänger, der Kämpfer und Streiter des Vaterlandes diesen Zoll des Dankes an, ihren Ehrentagen widmet. * Berlin, 9. Oktober. Am gestrigen Tage wurde dem 85 Jahre alten Rentier Herrn M. S. Jacob, Potsdamerstraße 114, seitens des Repräsentanteu-Kollegiums der jüdischen Gemeinde eine Adresse überreicht anläßlich seines 25jährigen Jubiläums als Mitglied obengenannten Kollegiums. Eine Deputation, bestehend aus deu Herren Justizrath Makower, Louis Liebermann und Herm Landsberger, war zur Ueberreichuug der Adresse ernannt worden. * Berlin, 11. Oktober. In einer Sitzung des fortschrittlichen Vereins vor dem Hallescheu Thor beleuchtete Lic. Gräbner in etwa Inständigem Vortrage in fesselnder und objektiv sachlicher Weise den Antisemitismus und wies auf das Ungerechte und Gemeingefährliche hin, welches der Antisemitismus in sich schließe und im Gefolge habe. Am Schluß rechnete derselbe auch mit der antisemitischen Presse und mit gewissen Führern und Schürern der antisemitischen Bewegung, besonders mit dem Abg. Liebermann von Sonnenberg und dem Oberlehrer Dr. Förster ab, da diese Herren den Vortragenden aus Anlaß der Reichstagswahl im Kreise Kassel-Melsungen in schmachvollster Weise mit Schmutz beworfen haben. Der Vortrag wurde mit dem lebhaftesten Beifall ausgenommen. Es waren auch zahlreiche Antisemiten erschienen, und diese versuchten, wie im Frühjahr eine Versammlung des freisinnigen Arbeitervereins, so auch diese zu stören und zu sprengen. Der Vorsitzende betonte, daß auch den Gegnern volle Redefreiheit, natürlich in den Schranken des parlamentarischen Anstandes, gewährt würde, daß aber mit eiserner Strenge die Ordnung aufrecht erhalten werde würde. Nachdem einige Störenfriede aus der Versammlung entfernt worden waren, fügten sich die Uebrigen grollend der anständigen Sitte. * Berlin, 10,Oktober. ZurAffaire Bleichröder schreibt man der „Saale-Ztg.": „Die „Kreuzztg." erfährt, es wäre begründete Aussicht vorhanden, daß „auf Veranlassung des Reichskanzlers" gegen Herrn S. von Bleichröder demnächst das Verfahren wegen Meineids wieder ausgenommen wird, soweit diese Mittheilung, welche sicherlich im besten Glauben erfolgt ist, Herrn von Caprivi anbelangend, trifft sie unstrer Kenntniß zufolge nicht zu. Dagegen können wir die Thatsache verbürgen, daß der Inhalt der Ahlwardt scheu Enthüllung: „Der Eid eines Juden" vor mehreren Wochen bei einem Mahle zur Kenntniß des Kaisers gekommen ist, und zwar durch eine erschöpfende Darlegung, die eine hochgestellte, in hoher amtlicher Funktion befindliche Persönlichkeit dem Monarchen mündlich unterbreitete. Irgend ein amtlicher, von den dabei in Frage kommenden Ministerialorganen herrührender sonstiger Bericht ist dem Kaiser außerdem nicht zur Kenntniß gebracht worden. Das persönliche Verhältniß des Reichskanzlers git Bleichröder hat sich im Gegensätze zn früher seit dem „Chicago Diner" (der amerikanischen Delegirten) bei Herrn v. Boetticher sehr freundschaftlich gestaltet. Damals war die Ahlwardt'sche Schrift schon seit Monaten erschienen, und Herr v. Caprivi hatte darüber unzweifelhaft Kenntniß. Daraus ergiebt sich die Auffassung, die er darüber hegt, von selbst. Uebrigens liegen aber noch andere rein politische Umstände vor, welche ein Einschreiten gegen Bleichröder gerade jetzt unwahrscheinlich machen. Das Gerücht, der Reichskanzler von Caprivi werde ein Vorgehen gegen den Bankier von Bleichröder veranlassen", dürfte auf die Thatsache zurückzuführen sein, daß derselbe Anfang dieses Monats die betreffenden Akten einfordern ließ, wahrscheinlich mit der Absicht, um sich mit Rücksicht auf die vorliegenden antisemitischen Petitionen über den Sachverhalt zu unterrichten. Es steht übrigens fest, daß diese Angelegenheit auch im Reichstage auf dem Wege der Interpellation zur Sprache gebracht werden wird, und zwar von einem antisemitischen Abgeordneten unter Mitwirkung von konservativen und Centrnmsabgeordneten. Mittlerweile sind bei der Oberstaatsanwaltschast neue motivirte Beschwerden unter Hinweis auf die