Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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504 Misceüen. * Alexander Weill veröffentlicht die nachfolgenden persönlichen Reminiscenzen an Giacomo Meyerbeer: „Meine Freundschaft mit Meherdeer, welche dreißig Jahre währte und von Tag zu Tag inniger wurde, (wie ich dies in „Briefen über berühmte Männer" vor drei Jahren in deutscher Sprache veröffentlichte) datirt von der ersten Aufführung seines „Robert der Teufel" zu Frankfurt gegen das Ende des Jahres 1835 oder 1836. Zu jener Zeit war ich der alleinige Herausgeber eines kleinen Blattes „Tris" und in meiner Notiz über seine Oper wies ich nach, daß drei der Nummern aus der Synagogeumusik entnommen wären. Ich kann sie nicht alle nennen, aber ich kann mich sehr gut erinnern, ihm bewiesen zu haben, daß der Chor der jungen Mädchen an die Kölligin im zweiten Akte derselbe Gesang war, wie Menucha w’simcha aus dem Semiroth, welches die Juden am Freitag Abend nach dem Essen singen, bevor sie ihr Gebet beginnen. Meyerbeer besuchte mich in der Judengasse in meinem Zimmer, welches ich sieben Jahre bewohnte und in welchem einst Ludwig Börne das Licht der Welt erblickt hatte. Er sagte mir, es könne möglich sein, daß diese Erinnerungen ihm aus seiner Kindheit im Gedächtniß gelegen hätten, aber in keinem Falle wären sie nur Phrasen. Ich erwiederte, daß ich weit davon entfernt das zu tadeln, im Gegentheil stolz darauf sei, und daß es mein einziger Wunsch sei, zu seinem Ruhm beizutragen. Von dieser Zeit an datirt unsere Freulidschaft. — Vierzehn Tage vor feinem Tode sagte ich eines Morgens nach einem Balle, den ich ihm zu Ehren gegeben, zu ihm: „Warum haben Sie nicht, wie Ihr Freund Halevh, Synagogenmusik komponirt?" Seine Antwort ist bemerkenswerth: „Sie berühren da eine empfindliche Seite. Sie wissen auch, daß ich zwei Söhne verlor. Gut, ich will Ihnen ein Geständniß machen; wenn die Vergangenheit zurückgerufen werden könnte, würde das nicht noch einmal geschehen. Es sollte Kindern nie erlaubt sein, eine von den Eltern verschiedene Religion zu haben. Ich fühle das tief im Hinblick auf meine Enkel, von meiner ältesten verheirateten Tochter garnicht zu sprechen, der ich absolute Freiheit in der Wahl ihres Gattes ließ, und die hierbei fehlgriff. Das schmerzt mich am tiefsten. Was Ihren Vorwurf, daß ich nichts für die Synagoge gethan habe, betrifft, so ist keineswegs meine Unwissenheit des Hebräischen darall schuld. Ich erinnere mich wohl der hebräischen Gebete voll meiller Kindheit her. Der Grund ist eher in meiner Gleichgiltigkeit gegen das Judenthum zu erblicken, welches ich in unfruchtbarem innereil Kampfe finde. Ich bin ein Deist. In diesem Sinne bin ich ein Jude, und ich werde ein Jude bleiben, aber weder gottesdienstliche Handlungen, noch Streitigkeitell oder Reformen im Judenthum werdell an meine Vernunft und an meiil Herz appelliren. Seitdem Sie mir Moses und seine Thora vom rabbinischen Standpunkt aus erklärte)! und seit ich Heines Artikel über Moses las, fing ich an, wieder daran zu denken. Vergessen Sie nicht, daß ein Theil meines „Prophet" für einen „Moses" bestimmt war, den ich. als ich noch sehr jung war, in meinem Geiste fertig hatte, uild nur nach dem „Moses" meines Freundes Rossini, dem ich oft von meiner Idee sprach und weil ich nicht dasselbe Thema behandeln wollte, bat ich Seribe mir ein Libretto für einen „Prophet" zll schreiben und er schuf für mich den „Johann von Leyden". Der berühmte Triumphgesang des Propheten am Ellde des zweiten Aktes war in meiner Jugend für Moses bestimmt. Ich verspreche Ihnen, daß ich daran denken werde, etwas für die Synagoge zu schreiben." Vierzehn Tage später war Meyerbeer todt." f * Von den Wieiler Antisemiten in Prag erzählt Porzo im „Pesther Lloyd" die folgende ergötzliche Geschichte: In einem Lokale — im Urban'schen Biergarten — ließen sich in meiner Nachbarschaft ihrer Vier llieder, lauter Urtypen der Wiener „gemüth licken" Einfalt. Unter ihnen gab es eine junge Frau: rosig, blond, stumpfnasig, von rundlichen Formen, lustig. Ringsumher prasselte, zischte und knatterte das Czechische. Nur am Nachbartische wurde die Unterhaltung in deutscher Sprache geführt. Es war eine krummnasige Familie. Vielleicht hießen auch diese Schlesinger, doch sahen sie nicht im Mindesten antisemitisch aus. Im Gegentheil. Sie sprachen ein korrektes Deutsch. Man hörte aus jedem ihrer Worte die Rechtschreibung heraus. Sie aßen Rettig (natürlich!) und Butter, aber keine Fleischspeisen. Der Mann verrieth, wer sie waren. Als die am Wiener Tische mit ihren Gesprächsstoffen zu Ende waren, horchten sie in ihrer Erschöpfung nach der deutschen Insel hinüber, allwo eine Insassin derselben, ein verhätscheltes Mädelchen, sich fortwährend im Schooße der Mutter herumwälzte, bis es von der Nase derselben richtig den Klemmer herunterriß, der irr weitem Bogen auf den Tisch der Antisemiten hinüberflog. Ha, da wird gleich Blut fließen! In der That! Einer der dicken Wiener erhebt sich, ergreift das Binocle und seinen Sessel (den wird er gewiß dem Papa am Nachbartisch an den Kopf schleudern') und überreicht den Zwicker mit breitem Lächeln der Mama, schiebt sich den Sessel unter und beginnt einen Diskurs mit der überraschten Familie, indem er meinte, ein Deutscher fühle sich doch recht fremd in dieser Stadt, „man hat ka Ansprach nit". Und er winkte die Seinigen heran; „wenn's erlauben," wollen sie Alle beisammen sitzen, weil es so „gemiathlicher" ist. „Mir Weaner machen kane Flausen nit". Und im nächsten Augenblick waren Zehn aus den Vieren geworden; die hübsche blonde Wienerin lockte das ungeberdige Krausköpfchen an sich, holte aus ihrer, mit einem Monogramm gezierten Gürtelrasche seine Wiener Bonbons hervor und drückte Küsse auf die Waagen des Wildlings, Küsse, die noch süßer waren als die Bonbons; während der „Herr Ankel" (lies Onkel) die gestickten Deckel seiner schweinsledernen Zigarrenlasche öffnet und den Herren mit seinen „abgelegenen" Cigarren aufwartete. Wie erst, wenn ein gemeinsamer, großer Schmerz sie zusammengeführt hätte! Ich zweifle indeß, daß diese guten Wiener auch zu Hause so gehandelt haben würden. Diese Szene, die auch andere lächelnde Beobachter hatte, beweist jedoch, daß es auch ein platonisches Antisemitenthum giebt und daß bei einer Anwandlung des menschlichen Gefühls das lügnerische Schlagwort zerstiebt, wie Spreu. $ * Zur Statisti k jüdischer Ehen. Auf dem internationalen statistischen Congreß, der jüngst in Wien abgehalten wurde, hat Direktor Körösi aus Budapest über seine neuen Beobachtungen betreffs der Fruchtbarkeit der Ehen einen intereffauten Vortrag gehalten. Die allgemeinen Züge des Schicksalslaufes hundert dreißigjähriger Ehen säße Direktor Körösi dahin zusammen, daß diese hundert Ehepaare 539 Kindern das Leben gegeben, aber hiervon 241 begraben haben! Wenn also eine sosche Familie nnr Ein Kind zu beweinen hat, muß sich dieselbe als vom Schicksal begünstigt betrachten. Körösi wird ähnliche Beobachtungen für zwanzig Hanptbernfsarten uub für die drei Hauptkonfessionen geben! Bezüglich der letzteren konnte er mittheilen, daß die Anzahl der Geburten bei den Juden nicht größer als bei den Kathoüken ist, daß also die Behauptung von einer großeil Fruchtbarkeit des jüdischen Stammes durch diese Daten nicht bestätigt werde, wohl aber sei bei den Inden die Kraft der Kind er-Erhaltung eine größere; es starben nämlich in den erwähnten dreißigjährigen Ehen in katholischen Familien 47 Prozent, tu evangelischen 42 Prozent, in jüdischen aber blos 38 Prozent der Kinder. Sehr interessant waren auch die Mittheilungen über den Einfluß des elterlichen Alters auf die Vitalität der Kinder, indem sich hierbei herausstellte, daß Mädchen nicht unter 19 — bei den früher tetfenben Juden nicht unter 18 — junge Leute nicht vor dem 21. Jahre heirathen sollten, in welcher Beziehung übrigens noch weitere Beobachtungen angestellt werden müßten. $ * Der Wachtmeister von Custozza. Wiewohl gläubiger Katholik, ist Kaiser Franz Joseph I. auch Andersgläubigen ein gerechter, wohlwollender und sie nur nach Verdienst schätzender Herrscher gewesen. So hat er and) stets in den Juden nur seine Unterthanen erblickt, welche nach ihrer Haltung, nicht nach ihrem Glauben zu beurtheilen sind. Schon in jüngeren Jahren hat sich der Monarch über Vornrtheile erhaben erwiesen, wovon nachstehende Episode Zeugniß abgiebt. Bei einer im Jahre 1853 zu Olmütz abgehaltenett Musterung bemerkte der Kaiser einen Wachtmeister, dessen Brust eine bei Custozza erstrittene Tapferkeitsmedaille aufwies. „Warum ist der Mann noch nicht Offizier?" fragte der Kaiser. Der Oberst gebrauchte einige Ausreden und fügte dann halblaut hinzu: es ginge nicht gut an, denn der Mann — sei Jude. Mit lauter Stimme sagte der Kaiser zu dem Wachtmeister gewendet: „Treten Sie vor, Herr Lieutenant!" Der Glückliche ist verwirrt und zögert. „Trete)) Sie vor — Herr Oberstlieutenant!" befiehlt der Kaiser ermuthigend weiter, und diesmal fand der Mann seine Fassung wieder. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlitt. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.