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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-16 · Heft 42 (16.10.1891) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 42 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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503 mit dem Gefühl tiefste» Ekels von sich wmf. Wie abscheuliche Mißtöne erschienen ihm diese Verse gegenüber den Seraphklängen, die in seinem Busen sich zu regen begannen. Der junge Graf speiste auf seinem Zimmer zu Mittag und entzog sich auch des Nachmittags dem Anblick von Vater und Mutter. Bald nach Tische ließ er sich sein Pferd satteln und ritt die große Heerstraße entlang, welche die Weichsel aufwärts führt. Allein auch durch den Spazierritt fand er die gesuchte Ruhe nicht. Er kehrte nach Hause zurück, legte eine elegante Salontoilette an, ließ seinen Wagen Vorfahren und befahl, nach der Altstadt zu fahren. Dort augekommen, bezeichncte er dem Kutscher das Halls des Barons Frank. Der Graf ließ den Wagen nach Hause znrückkehren, verbot dem Diener je och, gegen irgend Jemanden sich darüber zu äußern, wohin er ihn gefahren habe. Dann klingelte er. Ein Diener in orientalischer Pracht öffnete. Im Vorzimmer harrten ein Kainmerdiener und eine Kammerzofe, gleichfalls nach orientalischer Weise gekleidet. Der Graf ließ sich bei Fräulein Eva von Frank anmelden. Die Dienerin führte ihn in den Empfangssalon. Er blieb eine Weile allein und hatte Gelegenheit, das weite Gelaß zu betrachten, wozu er gestern wenig Muße gefunden hatte. Die gesammte Einrichtung lvar in einem reichen maurischen Stil durchgeführt, und er lvar entzückt sowohl über de» Reichthum, wie über den seinen, gewühlten Geschmack, welchen die dekorative Ausstattung des Saales bekundete. Doch trug der gesammte Schmuck und Alles, was er bis jetzt im Hause gesehen, ein gewisses sinnliches j Gepräge, welches ihm zu der lieblichen, jungfräulichen Erscheinung j Evas — seiner Eva, wollte er sagen, aber er verbefferte den Ge-! dankensprung rasch — wenig zu paffen schien. So wie er nach dem i ersten flüchtigen Urlhkil glauben zu müssen Ursache hatte, war Eva, j die ja nur des Barons Pflegetochter lvar, hier gewaltsam au einen j Aufenthalt gebannt, der ihrer nicht würdig war. Es war ein! herrlicher Diamant von reinstem Wasser, den ein plumper Ju-! melier durch eine ungeschickte Fassung entstellt hatte. Aber, sagte er sich, läßt sich ein derartiger Mangel nicht verbessern? Sollte es ihm vielleicht Vorbehalten sein, diesen Fehler auszugleichen? Würde sie, die jetzt ihre Tage in dem Hause des Juden vertrauert, nicht im Stande sein, ebenso gut einen aristokratischen Salon zu zieren? Während der junge Graf so seinen Gedanken nachhing, vernahm er das Rauschen eines seidenen Gewandes, und eine liebliche, silberhelle Stimme rief ihm einen „Guten Abend" zl>. Es war Eva. Das kaum sechzehnjährige Mädchen war eine wunderbare Erscheinung. Die Begeisterung des jungen Grafen war in der That gerechtfertigt. Sie trug nur eine einfache, weißseidene Robe, und ihr leicht gepudertes, in üppigen Ringen auf die jugendlich schmalen Schultern herabfallendes Lockenhaar war mit einer weißen Rose geschmückt. Um so mehr entzückte den jungen Grafen ihre natürliche Schönheit. Während sie gestern von der Luft leicht geröthet erschien, zeigte heute ihr Teint seine natürlichen Farben. Er war von einer gewissen durchsichtigen Blässe, welche die Hoheit ihrer Erscheinung nur noch vermehrte. Ihre Haut war dabei so reich an leichten, durchsichtigen Farbentönen, daß man von ihr hätte glauben können, was die Chronisten von der schönen' Philippine Welserin erzählen, der man angeblich jedes Glas Rothwein, das sie trank, durch den alabasterweißen Hals hinabrinnen sah. Als sie den Grasen begrüßte und das von langen seidenen Wimpern beschattete Auge zu ihni aufschlug, ruhte auf ihm ein Blick voll unendlicher Sanftmuth und Güte. Der junge Graf war betäubt, die Sprache stockte ihm, er konnte nicht Worte für seine Rede finden, hier konnte er nur stumm aubeten und verehren. Er wußte nicht, was er thun sollte; sollte er Eva küssen, sollte er vor ihr hinsinken und vor dieser Göttin der Schönheit seine Andacht verrichten? Eva half ihm aus der Verlegenheit. „Bitte, Herr Graf, setzen Sie sich," sprach sie. „Sie inachen mir eine große Freude durch Ihren Besuch, und wären Sie nicht gekommen, hätte ich es versucht, Sie zu finden," sprach sie in völliger Unbefangenheit. Eva setzte sich auf einen Divan. Der Graf, der ihr gegenüber auf einem Sitzpolstcr Platz genommen hatte, fand die Worte wieder, und die Unterhaltung kam in Fluß. Nachdem sich das Gespräch eine Weile in konventionellen, an das gestrige Ereigniß anknüpfenden Reden bewegt, welche den Vortheil hatten, daß Stanislaus durch sie sein geistiges Gleichgewicht wiederfand, bemerkte der junge Pole eine alte Dienerin, die im Hintergründe des Saales Platz genommen hatte. Eva entging es nicht, daß das Auge des Offiziers auf der Erscheinung eine Weile haften blieb. (Fortsetzung folgt.) U Fitterarrsche MitthrUungen. ----- Von dem Papyrus Ebers, der wichtigen medizinischen Handschrift, welche Georg Ebers im Minier 1872/73 auf einer Reise in Aegypten voll einem Bürger in Luxsor erwarb, sind bisher nur einige Bruchstücke überseht worden, wie das Kapitel über die Augenkrankheiten. Das ganze Werk zu übertragen, davon stand Ebers ab, weil er meinte, daß dazu die Arbeit des Aegyptologen allein nicht hilfreiche; es bedürfe dazu noch hinlänglichen ärztlicheil Wissens. Diese Anschauung gab Ebers 1875 kund, als er gemeinsam mit Ludwig Stern den Papyrvs Ebers durch eine mustergiltige Ausgabe weiteren Kreisen zugänglich machte. Ebers und Stern beschränkten sich damals daraus, den Text genau festzustellen, den Inhalt im Auszuge gu charakterisiren und einen hieroglyphisch-lateinischen Glossar dem Werke beizugeben. Erst jetzt, 15 Jahre später, ist eine Uebersehnng der gesammteu Handschrift fertig gestellt worden. Verfasser derselbeil ist ein Berliner Arzt, vr. med. Heinrich Ioachim, unser geschätzter Mitarbeiter. Bei der Beschäftigung mit der Medizin der alten Aegypter war für Dr. Joachim ganz naturgemäß die Nöthigung herangetreten, die ägyptischen Originalhandschriften zur Medizin (in Frage kommen außer dem Papyrus Ebers, dem wichtigsten, noch der Papyrus Brugsch in Berlin und ein von S. Birch studirter Papyrus des britischell Museums) im Urtexte zu studiren. Zu diesem Zwecke erlernte er eigens das Aegyptische. Sodann wagte er sich, von Prof. Lieblein in Christiania uiib stuck, pliil. Spiegelberg unterstützt, daran, den Papyrus Ebers im Ganzen ins Deutsche zu übertragen. Diese Uebersetzung kostete Dr. Joachim mehrjährige Arbeit, die aber sicherlich gut angewandt ist. Denn erst durch sein Werk „Papyrus Ebers, das älteste Buch über Heilkunde. Alls dem Aegyptischeu zum ersten Male vollständig übersetzt" (Berlin, Georg Reimers wird den Historikern der Medizin zum ersten Male der reiche Inhalt des ältefteu Buches ihrer Wissenschaft kund. Es wird Aerzten, die für die Geschichte ihres Faches Interesse haben, viel Anregung gebenaber nicht blos für diese, sondern auch für Sprachforscher, für Kulturhistoriker, zumal so lche, die sich mit dem Vvlksaberglauben beschäftigen, enthält es in Fülle Material, das sonst nur dem Aegyptologen zugänglich war. Durch Joachims Uebertragung des Papyrus Ebers ist die Kenntniß der ägyptischen Medizin bedeutsam gefördert worden. Allmählich wird mit Hilfe desselben das Bild von der Kenntniß der altägyptischen Aerzte in den einzelnen medizinischen Fächern sich fonftruiren lassen. Auch für die ältere Geschichte der Inden in Aegypten d ürste das Werk interessantes Material bieten. Einzelnes, wie über Juden-Aerzte in Aegypten, Hai Dr. I. ia schon früher in d. Bl. veröffentlicht.

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