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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-16 · Heft 42 (16.10.1891) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 42 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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502 auftragt, den Baron Frank aufzusuchen und, ehe ich ihn vor unser heiliges Tribunal zu strengem Verhör laden lasse, ihn über sein religiöses Glaubensbekenntnis; zu befragen. Berichte» Sie niir nun, tvie Sie sich Ihres Auftrages entledigten und was Sic bei dem Baron gesehen und crleoteu." „Ich bin meiner Mission nachgekommen," erwiederte der Priester. „Ich ging nach dem Palais des Barons, und der erste Eindruck bereits sagte mir, das ist nicht die Behausung eines Gottseligen, wie sie auch andere Konfessionen aufzuweisen haben, hier bin ich im Reiche der Ueppigkeit und der Sünde. Der ganze Palast ist mit Wohlgerüchen durchtränkt, die sofort die Sinne der Eintretenden umnebeln; üppige, weiche Lager siüd ringsum an den Wänden angebracht; große Spiegel decken die Pfeiler, nackte Franenbilder sind unter Blumengruppen versteckt, und der ganze Raum scheint eher ein Aufenthalt der Wollust als der Frömmigkeit zu sein. Eine zahlreiche weibliche Dienerschaft umgiebt den Baron; während ich auf sein Erscheinen wartete, gingen ihrer mehrere durch den Saal, in einer Tracht, Großoffizial, die mich nöthigte, das Auge zur Erde zu senken!" „Allerdings laßt diese Schilderung auf keinen Asketen schließen," bemerkte der Großoffizial. „Endlich kam er selbst," fuhr der Pater fort, „er war ganz in roth gekleidet, roth wie der große Drache der Offenbarung, wie das schreckliche Thier. Und cs ward ihm gegeben ein Mllnd, zu reden große Dinge und Lästerung; und er that seinen Mund auf zur Lästerung gegen Gott, zu lästern seinen Namen, seine Hütte und die im Himmel wohnen." „Wie, er erfrechte sich, Lästerungen auszustoßen?" fragte Tnrski. „Ja, er lästerte," erwiederte Dombrowski. „Er sprach: „Willkommen im Zelte Jakobs, gegrüßt seist Du im Namen der heiligen Dreieinigkeit." Als er so in gleißncrischem Tone redete, fragte ich ihn, wie er sich unterstehen könnte, den Namen der heiligen Dreieinigkeit zu mißbrauchen, an welche er doch nicht glaube! Er erwiederte: „Wir sind nicht wie andere Juden, wir glauben nicht an die Irrlehren des Talmud,, wir glauben an das heilige Buch Sohar, das die Dreieinigkeit lehrt." Ich erwiederte, ich sei nicht gekommen, mit ihm über den Talmud zu disputiren, aber ebensowenig gebe ich auf seinen Sohar etwas. Nirgends iin Judenthuin werde die heilige Dreieinigkeit gelehrt, und wenn er dieselbe lehre, mache er sich eines Betruges schuldig. Auf meine strengen Reden erwiederte er mit großer Salbung: „Ich glaube an die Dreieinigkeit, ich versichere es Ihnen, Herr Pater, ich glaube! Die Prophezeiungen aller Propheten verkünden bereits den Messias. Mit der Ankunft des Messias hat das ganze Judenthum seine Bedeutung verloren. Das Kreuz ist das Zeichen der heiligen Dreieinigkeit und das Siegel des Messias, so lehrt die heilige Schrift und der Sohar, und so lehrte unser Meister Sabbatai Zewi." Ich erklärte ihm, wenn er das glaube, warum er im Judenthum bleibe, wenn er selbst zugestehe, daß dasselbe seine Bedeutung verloren habe. „Den; Herzen nach bin ich Christ," erwiederte er. „Eine große Zahl meiner Anhänger hat bereits die Taufe angenommen, und ich bin bereit, mit meinen sümmtlichen Gläubigen durch das Zeichen der Taufe auch meine äußere Gemeinschaft mit der Kirche Christi zu bekunden. Ich beauftrage Sie, mich zur Taufe bei dem hochwürdigsten Herrn Erzbischof anmeloen zu lassen. Meine sämmtlichen Anhänger werden meinem Beispiel folgen, und ich werde heute noch ein Manifest an meine Gläubigen erlassen." Es schien mir Pflicht der Höflichkeit zu sein, mich bei dem Baron wegen meiner eindringlichen Fragen und meines polemischen Auftretens zu entschuldigen. Er that jedoch gar nicht verletzt und kam mir sehr verbindlich entgegen. Dessenungeachtet wollte es mir bei dem angehenden Täufling nicht wohl werden, denn hinter seinem ganzen Benehmen erkannte ich die Falschheit und Arglist. Der Baron ist der Antichrist, von dem cs heißt: „Und ward ihm gegeben zu streiten mit den Heiligen und sie zu überwinden, und ihm ward gegeben Macht über alle Geschlechter und Völker, und Sprachen und Heiden." „Der Baron ist ein Verführer," sprach der Großoffizial: Wenn er die Absicht zeigt, zum Christenthum übcrzutreten, so verbirgt sich dahinter nur eine neue Arglist; mehr als je gilt hier der Spruch, den die Römer in ernster Stunde gebrauchten: „Wachet, Ihr Konsuln, daß das öffentliche Wohl nicht Gefahr laufe." Pater Dombrowski, ich beauftrage Sie, den Baron und seinen Anhang schärfstens beobachten zu lasten; auch im Falle er seinen Plan eines Uebertritts zum Christenthum verwirklichen sollte. Dieser Mensch ist uns als Christ noch gefährlicher wie als Jude. Die Anarchie, welche seit Jahren in unserer Republik herrscht, ist derartigen Irrlehren günstig. Eines aber soll inmitten des allgemeinen Untergangs Polens unversehrt bleiben, die katholische Kirche." „Amen," sprach Pater Dombrowski. „So geht und thlü, wie ich cs Euch gesagt habe," schloß der Großoffizial. Der Pater verbeugte sich ehrfurchtsvoll und ging. Ter Großosfizial uahm alsdann seine Arbeit wieder auf. Er schrieb mehrere Briefe und siegelte sie, und als er zu Ende gekommen war, sprach er: „Wir müssen Vorkehrungen treffe», auf daß uns Satan nicht überliste! — Denn solche falsche Apostel und trügliche Arbeiter verstellen sich zu Christi Aposteln. Und das ist auch kein Wunder, denn er selbst, der Satan, verstellt sich zu einem Engel des Lichts!" Stanislaus Lubomirski war aur Tage nach jener Zusammenkunft wie umgewechselt. Der sonst lebenslustige junge Mann, der an Wettrennen und Jagd seine größte Freude fand, ging unruhig in seinem Zimmer hin und her uird überlegte, wie er Eva Wiedersehen könne. Er liebte. Es war jene reine Liebe, wie sie nur die erste Jugend empfindet, die sich in ihm regte; jene Liebe, die weder eine sinnliche Begierde zur Triebfeder hat, noch sich durch niaterielle Rücksichten beeinflusten läßt, die, wenn sie frei und rein sich in lichten Aetherhöhen bewegt, außerhalb der irdischen Welt waltend, auch in irdischen Einrichtungen, den Unterschied des Standes und des Vermögens kein Hinderniß erblickt. Was sich in ihm regte war ein Sonnenstrahl jener überällwaltenden himmlischen Liebe, welche die Propheten und Sänger begeisterte, Raphael den Pinsel führte und Beethoven seine Weisen eingab. Es war die unendliche Gnade Gottes, die mannigfaltig und buntgestaltig sich äußernd, in dein Künstler unsterbliche Werke schafft, in dem unentweihten Jugendherzen aber als reine, keusche Liebe sich offenbart. So liebte Stanislaus. Er gestand sich diese Liebe noch nichtein; ja, er wußte noch nicht einmal darum. Ueber die Empfindungen, die sich in ihm regten, vermochte er sich noch keine Rechenschaft zu geben. Es war jene Unruhe, jenes Gefühl des Unstäten, das Dichter und Liebende unmittelbar nachdem der göttliche Funke sich unvermerkt der Seele bemächtigt, in ein und derselben Weise erfaßt. Alles dein Alltagsleben Angehörige verliert dann mit einem Male jedes Interesse; keine Arbeit will voran, kein Gespräch unterhält. Stanislaus Lubomirski erschien es, wie wenn er in der Welt völlig zwecklos geworden sei. Er hatte ein Bedürfuiß nach Zerstreuung; er wollte sich erheitern. Er griff nach Lektüre. Auf seinem Schreibtisch lag eine der Dichtungen Vyltaire's. Er nahm das Buch zur Hand. Er hatte kaum eine Weile darin geblättert, als er cs

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