Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 501 (sequence 9)
- Language
- German
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501 zweistöckiger Bau mit zierlichem Holzfachwerk und gothischem Erker. Später wurde er in eine „Elendenherberge" verwandelt und ist jetzt das Wohnhaus eines Privatiers. Unfern der Judengasie ist der „Judenkirchhof", ein großer quadratischer Platz, der gegenwärtig zur Abhaltung der Schranne, d. i. des Getreidemarktes, dient. Der ziemlich vernachlässigt aussehende, sandige Ort (in keiner Beziehung länger ein „guter Ort") bietet nichts Bemerkenswerthes, doch sieht man an einer Seitenwand des großen, die Südseite begrenzenden Schrannengebäudes ein Stück Grabstein hervorlugen, worauf noch zu lesen ist: ... ’-ops ns ... npm Auch im Innern sind noch, wie mir der dortige jüdische Lehrer, Herr Hoffmann, mittheilte, vier Epitaphien aus den Jahren 1275, 1321, 1326 und 1346 sichtbar. Herr H. ist seit 1875 in Rothenburg; von diesem Jahre datirt sich die Bildung einer neuen Gemeinde, die jetzt ungefähr 18 Familien zählt. Haben sie cs auch noch nicht zur Anlage eines eigenen Friedhofes gebracht, sind ihre gemeinschaftlichen Jnst tutionen auch noch in ihren ersten bescheidenen Anfängen, so brauchen sie andrerseits doch auch nicht mehr in der „Gasse" zu wohnen, die Sonne der Freiheit strahlt auch. ihnen. Und als des Abends die Gäste, Arier und Semiten, in trautem Verein von der gastfreundlichen Bevölkerung mit Musik und Lampions zum Bahn- ' Hofe geleitet wurden und das Dampfroß unter dem Hurrahrufen der Menge sich keuchend in Bewegung setzte, da gedachte ich der prophetischen Schlußworte des Klageliedes von Rothenburgs großem Rabbi: Im Hochzeitsschmuck trittst du hervor, Die Trommel schallt, es singt der Chor: Zu Ende ist die Leidenszeit, Dem Herrn sei Dank in Ewigkeit. U FEUILLETON Ner heilige Kerr. Historischer Roman von Ferdinand Diessenbach. (Fortsetzung.) Zweites Kapitel, snnetum okkieium. Im erzbischöflichen Palast zu Warschau war ein besonderer, weit ausgedehnter Seitenflügel der heiligen Inquisition eingeräumt. Polen war ein streng katholischer Staat, dem, wie man mit Stolz hervorhob, im Norden dieselbe Rolle zufiel, welche Spanien im Süden Europas übernommen hatte, die Erhaltung und Kräftigung des katholischen Glaubens. In Folge besten war der Pole in erster Linie Katholik; in dem katholischen Glauben waren alle Parteien einig. Der Katholizismus war in Polen sogar stärker als die Liebe zum Vaterlande. Mit Strenge wachte man über die Erhaltung der Glaubenseinheit. Ohne Rücksicht auf die Reklamationen Katharinas II. und Friedrichs II. schloß man die Kirchen der Griechisch-Katholischen und der Protestanten; ausführliche Berichte über die Lage und die Bedürfniste der katholischen Kirche sandte der Generaloffizial Bischof Turski von Monat zu Monat nach Rom. Die Offiziale der heiligen Inquisition überwachten nicht nur das Verhalten der katholischen Geistlichkeit, sowie dasjenige der Gläubigen, sondern sie berichteten ebenso über die Griechisch-Katholischen, die Protestanten und über wichtige Vorgänge innerhalb der jüdischen Gemeinden. Letzteres erklärt sich aus der Stellung der Juden in Polen, die sich dort in besonders großer Zahl angesiedelt hatten und als Handel- und Gewerbetreibende, Handwerker und Arbeiter ein wichtiges Element im Staate bildeten. Mehr als anderwärts hatten sich in Polen die Juden mit der Bevölkerung vermengt. Seit mehreren Jahren war unter den polnischeir Juden eine große Bewegung. In der Person des Baron Frank war ein neuer Glaubcnslehrer aufgelaucht, der nach und nach in den verschiedenen Städten Polens seine Lehre verbreitete und zur Zeit, wo unsere Geschichte spielt, in Warschau sich aushielt. Frank und seine Anhänger eiferten in erster Linie gegen das alte Glaubcnsbuch der Juden, den Talmud. Er veranstaltete öffentliche Disputationen mit rechtgläubigen Rabbinen, in welche» er und seine Anhänger für ihre Lehre und gegen den Talmud auftraten. Sie glaubten an das Buch Sohar, welches drei Personen der Gottheit lehre und welches somit dein Christenthum nahe stünde, und an den Messias Sabbatai Zewi, der für ihre Sünden gestorben sei. Diese Lehre, sowie die Thatsache, daß sich von diesen fränkischen Juden einige znr Taufe ineldeten, veranlaßte die Bischöfe, welche die Kirche zu verherrlichen glaubten, wiederholtzu Gunsten der Frankisten Partei zu ergreifen; in verschiedenen Städten wurde der Talmud öffentlich verbrannt und die rechtgläubigen Rabbinen wurden eingekerkcrt oder zu schweren Geldstrafen vcrurtheilt. Alle diese Vorgänge nahmen in hohem Maße die Aufmerksamkeit der Inquisition in Anspruch, und namentlich der Generaloffizial Tursli glaubte denselben seine ganze Aufmerksamkeit widmen zu müssen. Bischof Turski theilte, was daS Vorgehen gegen die fränkischen Juden anlangte, durchaus nicht die Ansichten der anderen Bischöfe. Nach seiner Meinung war es einerlei, ob ein Jude Frankist oder Talmudist war, beide standen der katholischen Kirche gleich fern, in dem Baron Frank aber erblickte er einen gefährlichen Sektirer, gegen welchen die Inquisition mit aller Strenge vorzugehen hatte. In einem hochgewölbten Arbeitsgemach saß Bischof Turski am Morgen nach jenem Feste beim Großkronmarschall vor seinem Schreibtisch. Er trug ein einfaches, schwarzes Priestergewand. Vor ihm lagen mehrere geöffnete Aktenbündel ausgeschichtet, dazwischen Bücher und einzelne Schreiben, die er geöffnet hatte. Die Wintersonne beleuchtete das behaglich eingerichtete Studirzimmer, an dessen Wänden mehrere hohe Bücherregale aufgestellt waren. Auf einein Aufsatz neben seinem Arbeitstische stand ein großer sorgfältig gearbeiteter Globus; an der Wand über demselben hing ein mittelgroßes Kruzifix: ein elfenbeinerner, kunstvoll modellirter Christus auf einein Kreuze von schwarzem Ebenholz. Der Großosfizial klingelte. Ein Diener in geistlicher Tracht, ein Kleriker niederer Ordnung, trat ein und blieb in ehrfurchtsvoller Haltung stehen. „Rufen Sie mir de» Offizial Pater Dombrowski!" Der Kleriker verbeugte sich und ging. Bald darauf erschien der Pater. Es war ein Mann in den Vierziger mit intelligenten Gesichtszügen, von schlankem Wuchs und eleganten Bewegungen. Durch eine Handbewegung lud er den Pater ein, auf einem neben ihm stehenden Sessel Platz zu nehmen. „Ich habe Sie rufen lassen, Herr Confrater," sprach der Großoffizial, „um von Ihnen zu hören, was Sie über die Persönlichkeit und die Lehre des Barons Frank festgestellt haben. Sie wissen, ich bin mit der Art, wie dessen Thun bisher durch unseren Klerus beurtheilt wurde, durchaus nicht einverstanden. Die Bischöfe haben sich nach meinem Ermessen durch einen Betrüger täusche» lassen und haben sich nicht nur zu Feindseligkeiten gegen die rechtgläubigen Indenhergegebcn, sondern sie haben noch dazu das Treiben eines gefährlichen Sektirers unterstützt, dessen Lehren nicht uur mit dem Christenthum, sondern, wie ich vermuthe, mit den Moralgesetzen aller civilisirten Völker im Widerspruche sich befinden. Ich habe Sie, Herr Confrater, daher de-