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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-16 · Heft 42 (16.10.1891) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 42 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 500 (sequence 8)
Language
German
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500 geblieben ist, mit einiger Anstrengung hebräisch lesen zu können, von welcher Befähigung übrigens kaum noch Gebrauch gemacht werden dürfte. Und so, mein Fräulein, sind Sie wohl trefflich bewandert in der Geschichte der alten Griechen, Römer und Gothen, haben auch »och alle deutschen Kaiser von Karl dem Großen bis auf den kleinen Franz II. am Schnürchen; aber daß einst „König Rudolfs heilige Macht" — Sie haben den „Graf von Habsburg" in der Schule ja auswendig gelernt — den Rabbi von Rothenburg, den Dichter der Elegie: Der Flammen Raub da ich dich seh', Erbebt mein Herz in wildem Weh') gefangen nehmen ließ, um Geld von ihm zu erpressen, der arme Fürst war immer in Nöthen, das hören Sie wohl jetzt zunr ersten Mal? Die junge Dame mit dem schwarzen Haar und den Gazellenaugen sah mich halb spöttisch, halb mitleidig an, das Elternpaar blickte entrüstet und der Professor nachdenklich drein, mit Schrecken gewahrte ich, welch groben Verstoß gegen den „guten Ton" ich begangen, da ertönt ein schriller Pfiff aus ehernem Munde und .... ich erwache. Wir sind an Ort und Stelle, man greift nach Ueberzieher, Stock und Schirm, wünscht sich einen guten Morgen und viel Vergnügen und verläßt den Zug. Der Wetterprophet, an dem sich sonst das talmudische Wort von der Uebertragung der Weissagungsgabe seit der Tempelzerstörung so oft bewahrheitet, hat für heute mit seiner Prognose Recht behalten: ein tiefblauer Himmel lacht auf die alte Reichsstadt und auf ihre im Hecbstschmuck prangenden Fluren herab. Und da sind sie ja auch schon die kaiserlichen Kroaten, langhaarige, gebräunte Kriegsknechtc. Sie lagern malerisch gruppirt in den Gärten vor der Stadt, stehen Wache mit langen Pieken bewaffnet, oder bedienen die Geschütze, die drohend gegen die Stadt gerichtet sind. Von den- Wällen antwortet Kanonendonner, schwer getroffen sinkt einer der Belagerer nieder; wir sind mitten in den Stürmen des dreißigjährigen Krieges. Dem Menschenstrom folgend, betreten wir die Stadt durch das feste Röderthor, wandeln langsam durch die Hafengasse mit ihren zahlreichen gothischen Portalen und gelangen so aus den architektonisch und geschichtlich merkwürdigen Marktplatz. Hier steht der imposante Rathhausban, in dessen „Kaisersaal" um elf Uhr die Aufführung des Dramas ihren Anfang nimmt. Die hingebende Vaterlandsliebe der Rothenburger Bürger, der Opfermuth seiner Jugend, die schweren Sorgen des Bürgermeisters und Rathes um das Schicksal der Stadt, dann ihre Niederlage und Demüthigung durch den fanatischen Tilly, der an der „Ketzerbrut" ein Exempel statuiren will, dann aber durch die List des feuchtfröhlichen Kellerwarts dahin gebracht wird, den Räthen das Leben zu schenken, wenn einer von ihnen es fertig bringt, den gewaltigen auf dem Tisch stehenden Humpen arif einen Zug zu leeren, das Alles sind Momente, die unsere volle Antheilnahme und unser lebendigstes Mitgefühl erregen. Es liegt ein weihevoller Ernst über der Handlung, und wenn gegen Schluß der Altbürgermeister Rusch in die Worte ausbricht: Der unglückselige Krieg, der Deutschland heute Bis in sein Mark, sein Innerstes verzehrt, Ist nur der Liebelosigkeit entsprungen, Die statt der Bruderliebe man gelehrt: Beim lieben Gott sind alle Menschen Bruder Und alle trägt sein liebend Vaterherz, Ob sie ihn Abba, ob Jehova nennen, ». s. w. da wissen wir, daß die Zuschauer von diesem Podium herab nicht nur einen ästhetischen Gewinn, sondern auch eine sehr zeitgemäße Lehre empfangen haben, die um so tieferen Eindruck machen wird, je unverkennbarer der hohe Ernst der Darsteller und die ungeschminkte Einfachheit des Dichters ist, schlichter Bürgers- ') nSlTtP. in der Liturgie des 9. Ab. leute allesammt. Unter den Klängen des Schlußchors, der ebenfalls eine Anzahl biblischer Wendungen enthält, schließt das Stück. Den Nachmittag widmete ich geselligem Vergnügen und der Besichtigung der Stadttheile, die ich am Morgen noch nicht in Augenschein genommen hatte. An der Nordseite der ältesten inneren Stadt, aber außerhalb derselben, erstreckt sich von Osten nach Westen die „Judengaffe". Meine allerdings schwache Hoffnung, in diesem ehemaligen Ghetto noch außerdem irgend etwas von Interesse zu finden, sollte sich erfüllen. Gleich am unteren östlichen Eingang an dem Eckhause rechts, der „Brauerei und Wirthschaft zuni schwarzen Adler", fiel mein Blick in Manneshöhe auf einen eingemauerten Doppelgrabstein, dessen Inschrift ich hierher setze: '-opj 'pbnm 'is3i /mmn 's DY* 33 yj> j'3 a's i'an - s s s n b d .Yrp 13 nv!3 'ran '3|5i na pa^ toi?|5 's 'v biSs ib ibn 1» '33 '33 131 s s s n b d Auf deutsch: Hier wurde begraben der Knabe Moses, der Sohn des Inda, des Leviten, am >5. Elnl, Sonntag,! im Jahre 189 (— >379 d. g. Z.) Seine Seele ruhe im Paradiese. Amen, Amen, Amen, Selah. lind seine Schwester, die kleine Recha, wurde begraben am 22. (Mul, Sonntag im Jahre 130 (— 1379). Ihre Seele ruhe im Paradiese. Amen, Amen, Amen, Selah. Also ein Geschwisterpaar, das innerhalb 8 Tage der Todesengel mit seinen Schwingen berührt hatte, lag vor mehr als einem halben Jahrtausend unter dieser Steinplatte, und was gebrochene Elternherzen in einem der nämlichen Häuser dieses Quartiers gelitten und geblutet, das kündet sie mit taciteischer Kürze den fernsten Geschlechtern. Aber weiter die hügelige Gasse hinan. Unter welchem dieser niedrigen Dächer mag wohl der berühmte Rabbi Meir das Licht der Welt erblickt, den heitern Traum der Kindheit geträumt, mit gleichalterigen Genossen sich gefreut und gespielt haben? Keine Tafel, keine Inschrift, die der historische Sinn der Bürger so zahlreich an ihren alten Patrizierhäusern hat anbringen lassen, giebt uns davon Kunde. Auch die Stätte, wo Synagoge und Lehrhaus gestanden, ist ungewiß. Als Ersatz dafür winkt am oberen westlichen Ausgang der Gasse rechts, vom „weißen Thurmthvr" flankirt, das „Judentanzhaus" den Blicken des Wanderers. „Das Judentanzhaus?" Ja wohl, geneigte Leserin, trotz des Druckes, der auf ihnen lastete, trotz der Unsicherheit ihrer Existenz, war Lust und Lebensfreude nicht ausgestorben in den Herzen der Mädchen und Frauen, die die Unduldsamkeit in dieses Ghetto sperrte, und wie die Töchter Israels in biblischen und modernen Zeiten sich gern nach den Rhythmen der Musik im Kreise drehten und drehen, so war es auch Jenen ein Vergnügen, bei Familienfesten und sonstigen passenden Anlässen mit ihren Herren Brüdern und Gatten „ein Tänzchen zu wagen". Die größeren Gemeinden thaten es daher den Zünften nach und errichteten gleich diesen eigene „Tanzhäuser", die überhaupt der Geselligkeit dienten, vielleicht auch ebenso wie heute unter Umständen als Versannnlungskokale für ernstere Zwecke benutzt wurden. „Durften ja hier," wie Berliner in seiner Schrift „Aus dem inner» Leben der deutschen Juden im Mittelalter" treffend bemerkt, „die jüdischen Töchter ohne den mit zwei blauen Streifen kennbar gemachten Schleier erscheinen und die Herren ohne das Radzcichen am Gewände und den hornartig gekrümmten oder trichterartig geformten H»t auf dem Haupte!"') Unser Tanzhaus ist ein hübscher ') Berliner führt in dieser Abhandlung noch die Tanzhäuser der Gemeinden Eger, Augsburg »nd Franffurt am Main an. (Note 34, Seite 52.)

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