Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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499 bekannt und verbreitet war, der älteste Hebraisnius kennt und nennt es nicht — erst der entwickeltere, ans der Fremde nach Jnda-Jsracl eingeführte Luxus in der Zeit des Königthums machte die Schminke bei den Hebräern heimisch; aber auch in dieser Zeit scheint sie nur von" übelbeleumnndeten, gefallsüchtigen Frauen (vgl. 2 K. 9, 39) gebraucht worden zu sein, weswegen auch die späteren Propheten, sobald sie den inneren Verfall in Folge des um sich greifenden Götzendienstes geißeln wollten, das Bild des Schminkens in Anwendung bringen: „Sie schickten hin nach den Männern, die aus der Fremde kommen sollten — spricht Ezechiel (23, 40) — lind die, nach denen sie ihre Boten gesandt, kamen: für sie hattest du dich gebadet, für sic geschminkt deine Augen, für sie dich geschmückt mit deinem Schmucke." „Und nun, Verwüstete — spricht Jeremia (4, 30) — wann legst du an dein Scharlachkleid? wann schmückst dn dich mit goldenem Geschmeide? wann reißest du dir das Auge auf und legst es dir mit Schminke aus?" — Durch die schwarzen Ränder an den Augen Hub sich nämlich das Weiße in demselben wirkungsvoll ab und so erschienen die Augen größer, weitgeschlitzter, aufgerissen. Bildlich vergleicht ein späterer Prophet des Exiles die Steine, alls denen das künftige Jerusalem erbaut wird, mit schwarz geränderten Frauenaugen (Jes. 54, 11). Die von den Heiden bereitete Schminke galt im talmudischeu Zeitalter als gefährlich, weil sie ans Ingredienzien verfertigt wurde, die dem Auge leicht schädlich wurden?) Die Augenbrauen wurden zumeist mit einem Schleier verhüllt, lvühreud das Auge selbst frei blieb.-) (Fortsetzung folgt.) O Gin Ausstng nach Rothenburg ob der Tauber. Von Dr. K- Wertheim in Nürnberg. Als vor Kurzem der „Verein zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands" in den Mauern unserer alten Noris tagte, da wurde seitens des Ortsausschusses ein Extrazug nach Rothenburg ob der Tauber veranstaltet, um einmal den Gästen dieses architektonische und landwirthschaftliche Schatzküstlein zu zeigen, der Sehkraft zugeschrieben wurde. Das Collyrium wurde aus Stibium (vgl. darüber Virchow, in den Be!Handlungen der Berliner Gesellsch. für 'Anthropologie u. s. w. 1888, S. 210 und Ebers, Papyrus Ebers, die Maaße und die Capitel über die Augenklankheiten im 11. Baude der Abhandlungen der philol.-historischeu Klasse der König!. Sachs. Gesellsch. der Wissensch. Leipzig 1889 S. 206 u. 232), einem Spießglauzerze und Antimon, das schwarz gebrannt und pulverisirt wurde, bereitet und entweder trocken oder zu einer Salbe verrieben mittelst eines Instrumentes, mit dem glatten Augensalbenstift (talm. Kama 117a), der ans Elfenbein, Holz oder Metall verfertigt wurde, auf die Augenbrauen und Wimpern ansgetragcn, indem nia i; den Stift horizontal Zwischen die Lider hielt und ihn im Umdrehen zwischen diesen herauszog, so daß die Ränder der Augenlider ringsum geschwärzt erschienen und mit den Wimpern die schön gefundene dunkle Einfassung des Auges erzeugten, (vgl. Jos. bell. 4, 9, 10). Aehnlich färben auch heute noch die Frauen dcr arabischen Bevölkerung Nordafrikas ihre langen, dichten, schwarzen, schön gebogenen Augenbrauen mit „metiuääa", einem Gemisch aus gebranntem Zucker, Nuß und Oel, und ihre schwarzen Wimpern mit kachal vgl. Shaw, Reise, S. 200; Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes, 1854, S. 203 lieber das Schminken mit Stibium, vgl Virchow, a. a. O. 1889, S. 574. Die rothe Schminke (Talm. ITO'rtK Jalk. Echa 1033 und ö.) wird im älteren Scbriftthnm nur im Buch der Weisheit 13, 14 erwähnt. >) Vgl. Nidda 55 b, Jer. Ab. s. 40d. 2j Jer. Sabb. 7b; Sabb. 05a; Aruch s. v. j-fbjH* andrerseits um ihnen eine bequeme Gelegenheit zu verschaffen, einer Aufführung des „Meistertrunks", des Festspiels, das den Namen der kleinen inittelfränkischen Stadt seit etwa zehn Jahren in aller Mund gebracht hat, beiwohnen zu können. Da die Einladung zur Benutzung des Sonderzuges auch an Nichtmitglieder gerichtet war, beschloß ich, mich anzuschließen, um gleich allen Andern an einem voraussichtlich prächtigen Herbsttag einige Stunden lang in Kunst und Natur zu schwelgen. Aber ich hatte noch einen weiteren Beweggrund zur Fahrt, den ich jedoch wohlweislich meinen Reisegefährten nicht mittheilen zu sollen glaubte. Der eine war ein Professor der Chemie aus G., ein freundlicher, urfideler Herr mit blonden Haaren und blauen Augen, die Wangen und Nase lebhaft geröthet, ein Vollblutarier, die anderen der Besitzer einer chemischen Fabrik in B., nebst Frau Gemahlin und Fräulein Tochter von unverkennbar semitischem Typus. Die Insassen des Kupees geriethen bald in eine lebhafte Unterredung; man plauderte von diesem und jenem, dem Wetter, Eisenbahnunfällen, Renaissance und Gothik, Anilin und Soda; die beiden Fachgenossen schwelgten noch in der Erinnerung an das gestrige opulente Diner im Stadtpark und gedachten des ihrer harrenden Frühschoppens und was dergleichen wichtige Dinge mehr waren. Mochte man nun die Freuden des Mahls am vergangenen Abend allzu lauge genossen haben, war es der Einfluß des reichlich genossenen Rebensaftes oder der eintönigen Schlummerweise, die der in den dampfenden Morgennebel hinausdonnernde Zug auf seinen zwei eisernen Baßsaiten exekutirte, der Moment trat ein, in dem die Konversation ins Stocken kam und die müden Köpfe trunken in die Kissen sanken. Auch ich folgte dem ansteckenden Beispiel und überließ mich dem Zustand, in dem die Gedanken ungezügelt, schrankenlos umherschweifen, ich träumte. Und was ich im Wachen, als nüchterner, moderner Mensch, der Fremden keinen Einblick in sein Inneres gestattet, für mich behalten wollte, das verrieth ich in des Tramngotts Armen in folgender kühnen Ansprache: „Meine geehrten Damen und Herren! Gestatten Sie mir zuvörderst den Ausdruck meiner Hochachtung vor Ihrer Bildung und Ihrem Wissen. Sie, meine Herren sind gewissermaßen auf ihren Bildungsstand geaicht, königlicher Professor der eine, Doktor der Philosophie der andere. Sie stehen auf der Höhe der Zeit. Auch die beiden Damen sind, wie nicht anders zu erwarten, im Punkte der Bildung, wenn auch nicht der fachmännischen Gelehrsamkeit, Ihnen ebenbürtig. Sie, gnädige Frau, haben so anmuthig geplaudert über den uns bevorstehenden Kunstgenuß, über Tilly und Gustav Adolf, die Republik Rothenburg und ihre wackeren Bürgermeister Bezold und Nusch, und Sie, gnädiges Fräulein, haben ebenfalls durch Ihre ganz verblüffende Kenntniß, speziell in der Romanlitteratur, gezeigt, daß Sie eine ganz ausgezeichnete Schülerin der Selekta gewesen sein müssen. Aber, meine Herrschaften, ich wollte hundert gegen eins wetten, daß Sie den Mann, der Rothenburg seit 600 Jahren in der ganzen Judenheit berühmt gemacht hat, ich meine den Rabbi Mett, den ersten offiziellen Großrabbiner des deutschen Reichs, der von seinen Zeitgenossen wie ein Heiliger verehrt wurde, nicht kennen. Sie sehen mich befremdet an, meine Damen und Herren? Nun ja, ich weiß, daß die jüdische Geschichtswissenschaft in weiten Kreisen unserer gebilde en christlichen Mitbürger noch keinen Kurs hat. und daß unsere jüdischen Notäbeln zum großen Theil ihr gleichfalls fremd und theilnahmslos gegenüberstehen. Sie, mein Fräulein, haben ja wohl einigen jüdischen Unterricht noch vor Kurzem genossen; aber nicht währ, das war ein so wenig „interessantes Fach", man brachte der Person des Lehrers so geringe Achtung entgegen, daß als ganzes Resultat der zwei Wochenstunden nur noch die Fähigkeit zurück-