Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1891)
- Date
- 1891-10-16
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
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497 das historische Gebäude sich erhebt, dann ist es lim so erklärlicher, wenn so Vieles ein anderes Aussehen gewinnt, als man es bis dahin wahrzunehmen gewohnt war, und man darf sich dann auch nicht wundern, wenn in solchen Fällen der ruhige Historiker dem heftigen Polemiker Platz macht. Doch ich gehe zu weit und greife damit in die Gerechtsame des berufenen Beurtheilers. Um was es mir zu thun war, das ist, die Motivirung zu geben für die verschiedenartigen Charaktere meiner beiden mir unvergeßlichen gelehrten Freunde. Dagegen läßt sich eine Gemeinschaftlichkeit in ihrem Streben konstatiren. War der Eine bestrebt, den Konnex herzustellen zwischen dem Schriftthum der Juden und dem der übrigen Völker, so steckte sich der Andere das Ziel, das jüdische Volk selbst in seiner geschichtlichen Entwicklung mitten in die Gesammtheit der Völkerfamilien zu stellen, und konstruirte auf diese Weise die Pragmatik der Geschichte der Inden. Auf welche Weise lvurde Grätz zum Studium der Geschichte veranlaßt? Wie es zu jener Zeit in der Jüdengaffe gang und gäbe war, wurde Grätz nach vollendetem 13. Lebensjahre in die Fremde geschickt. Als Ziel wurde eine benachbarte Gemeinde seiner Vaterstadt gewählt, wo ein seiner Frömmigkeit und seiner talmudischen Gelehrsamkeit wegen renommirter Rabbiner lebte und lehrte, welcher mit dem Vater Grätz befreundet war. Unter seiner Leitung sollte nun der sehr veranlagte Junge sein Talmudstudium weiter betreiben. In dieser Gemeinde lebte der Antiquar und Inhaber einer Leihbibliothek, Kr onthal. Dieser, ebenfalls mit Grätz'Vater befreundet, stellte dem Sohne seine Bibliothek unentgeltlich zur Verfügung. Grätz niachte ausgiebigen Gebrauch von dieser Erlaubniß. Kronthal beobachtete jedoch im Stillen, welche Wahl dieser bei der Lektüre der Bücher treffe; als er nun merkte, daß es nur Romane seien, welche er wählte, verwies er ihm dies und rieth ihm, anstatt dieser Lektüre lieber Beckers Geschichte zu lesen. Grätz folgte dem Rathe des wohlwollenden und wohlmeinenden Mannes; er verschlang mit wahrer Gier dieses Werk. Auf diese Weise wurde der Meister der geschichtlichen Darstellung zum Studium der Geschichte gebracht. Das betreffende Exemplar von Beckers Geschichte ist noch vorhanden. Ueber Grätz' wissenschaftliche Thätigkeit auf dem Gebiete der Bibelexegese gehe ich hinweg. Ich konnte mich mit ihr trotz mancher geistvollen und vielleicht zutreffenden Amendirungen nicht befreunden; ich erblickte in ihr eine Gefährdung der Canonicität der heiligen Schrift. In gewohnter Offenheit sprach ich mich in diesem Sinne Grätz gegenüber aus; unsere Beziehungen erlitten selbstverständlich hierdurch keinen Abbruch. Das kennzeichnet ja wahrhaftig große Männer, daß sie die Würdigung besitzen für ihrer Ansicht widersprechende Bemerkungen, selbst wenn diese von einer ihnen nicht im Entferntesten gleichwerthigen Seite kommen. Was er als Lehrer war, das liegt klar zu Tage. Erhebend war die Sorgfalt und Fürsorge, die er jederzeit für seine Schüler bewährte. Waren sie vom Seminar als approbirt entlaffen, so setzte er Alles daran, ihnen entsprechende Wirkungskreise zu verschaffen, wie er bemüht war, so lange sie als Zöglinge sich dort aufhielten, für ihre Subsistenzmittel zu sorgen. Diese seine unausgesetzte Hingabe für die Interessen seiner Schüler verschaffte mir das Glück einer engeren Verbindung mit ihm. Nach dem Tode des seligen Rabbiners Horowitz nahm ich Anlaß, für einen seiner Schüler, der in heftiger Weise angegriffen wurde, persönlich und journalistisch einzutreten. Der Erfolg blieb nicht aus. Professor Grätz, davon unterrichtet, sprach mir seinen Dank dafür aus und lud mich zur Mitarbeiterschaft an der Frankel'schen Monatsschrift ein. Es war mir aber nicht gegönnt, dieser Einladung Folge zu geben. Berufsgeschäfte und meine Thätigkeit im öffentlichen Dienste gewährten mir die Zeit und Ruhe nicht, mich wiffenschaftlichen Arbeiten zu widmen. Seitdem standen wir uns nahe. Während unseres in den letzten Jahren wiederkehrenden, gemeinschaftlichen mehrmöchentlichen Aufenthaltes in Karlsbad hatte ich Gelegenheit, ihn auch als Gatten, Vater und Menschen verehren zu lernen. Noch als ich am 30. v. M. anläßlich einer Reise nach München am Karlsbader Bahnhofe von ihm Abschied nahm, fand er Worte warmer Fürsprache für einen armen kranken Kurgast. Dieser Abschied, welcher ein sehr herzlicher war, er sollte — für immer gelten. Am 1. September erhielt ich von München durch seinen Sohn, den Universitätsdocenten Dr. Leo Grätz, die erfreuliche Nachricht, das; sein Vater wohlbehalten dort eingetroffen sei; am 7. d. M. verkündete eine Depesche der Welt die Hiobsnachricht von seinem Ableben Nie verblassender Glanz umstrahlt sein Andenken; es wird leuchten bis in ferne Zeiten; es sei gesegnet! Wien, 13. September 1891. U Was Auge in Bibel und Talmud. Ein Essay von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin. (Fortsetzung.) 2. Medizinisches und historisches. 1. Die Vorstellungen über die Anatomie und Physiologie des Auges, von denen naturgemäß die Pflege des gesunden und die Heilung des kranken Auges abhängig ist, waren bei den Juden des biblischen und talmudischen Zeitalters auf das beschränkt, was die Erfahrung mit Evidenz gelehrt. Diese Vorstellungen waren aber durchaus nicht unvollkommener und oberflächlicher, als bei dem klassischen Volk des Alterthums, als bei den Griechen. Das Auge') sitzt auf der hervorspringendsten Stelle des Kopfes').!) pU W’y, davon py, eilt Schelblickender, 1. Sam. 8, 10, p^y, der Großäugige, Jer. Nas. 56 c, das Verb, py, etwas mit dem Auge durchdringeu, sinnen, B. batr. 115a, JV1?/ das Sinnen, ]Vy» die Andacht beim Gebet, Ber. 55 a; ferner py 'nU1!?/ bie Quelle, sowohl in Folge der Rundung, die dem Auge wie der Quelle gemein ist, als auch wegen des Wassers, das beiden entquillt; ferner theils nach der Beschaffenheit oder Thätigkeit des Auges Qijiy, Führer, Num. 10,31; py, die Perle des Weines, Spr. 23, 31; py, die Oberfläche, Ex. 10, 5; py, die Gestalt, Num. 11,7, oder der Stand, das Aussehen, Lev. 13,5; py2, in der ursprünglichen Beschaffenheit, Jer. Ber. 10a; py^, ähnlich, Ber. 58a; py^, der Hauptsache nach gleich, Sabb. 105 b, und pyj* msiart/ Ber. 28b; bw XDJ'H s'nrr. nach himmlische»! Muster, Sota 10a; endlich py, die Wagschale, py^ py, Wagschale gegen Wagschale, B. batr. 88b davon p^y, mit gleicher Wagschale wiegen, B. batr. 80a; vgl. auch die Verbindungen: Augendecke, Sühngeschenk, Gen. 20, 16; der Anblick der Augen, Talm. 'y fpfcOfo Schein, Sabb. 146b und o; das Verschmachten ber Augen, Deutr. 28, 65; Augenlust, 1 K. 20, 6; geschlossene Augen, Num. 24,3, 15; offene Augen, ib. 24,4; gebeugte Augen, Hiob 22, 29; der Bösäugige, Spr. 28, 22; vgl. die Zusammensetzungen: 2. K. 7, 2; 1. Sam. 17, 7; Gen. 44, 22, s. dag. Jes. 24, 6; Hiob 40, 24; Deutr. 11, 12; Gen. 13, 10; Spr. 23, 31; Lev. 4, 13; B. batr. 10a; Ps. 110, 37; Koh. 6, 5; Gen. 3, 5; Num. 22, 31; Num. 16, 14; Esr. 9,8; Jer. Sanh. 25ä; 2. Sam. 13, 34; Num. 7, 10, 6; 1. Sam. 4, 15; 1. Sam. 14, 30; Hiob 17, 6; Hiob 16, 20; Gen. 27. 1; Ps. 69, 21; Hiob 16, 9; Ps. 88, 10; Gen. 45, 5; ib. 45, 16; Gen. 6,8; Hiob 11, 4; Spr. 30, 12 u. s. w.?) Jalk. Hhl 988.