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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-16 · Heft 42 (16.10.1891) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 42 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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49 6 In memoriam! Von Emanuel Baumgarten. In rascher Aufeinanderfolge hat die rauhe Hand des Todes mir zwei herzenswarme. liebwerthe Freunde entrissen: Leopold Dukes und Professor Dr. H. Grätz. Beiden inöchte ich hier einige Worte pietätvoller Erinnerung widmen, berufenen Federn es überlassend, deren Bedeutung im Bereiche des jüdischeil Schriftthums nach Gebühr zu würdigen. Der freundschaftlichen Beziehungen zu Dukes erfreute ich mich seit vier Jahrzehnten. Eine Arbeit, die ich für den seligen Rabbiner Abraham Geiger aus Anlaß seiner Herallsgabe des Divan von Jehuda Halevi in der hiesigen k. k. Hofbibliothek anfertigte, führte mich mit ihm zusammen. Ich habe nämlich bei dieser Gelegenheit einige- Epigramme von Jbn Esra gefunden, die ich ihm übergab. Sonderbarer Weise that er der Vieljährigkeit unserer Bekanntschaft nicht lange vor seinem Scheiden in einem Schreiben Erwähnung, in welchem er mir eine Saadja aus Fajum betreffende litterarhistorische Notiz übersandte. Ich kann nur annehmen, daß er in der Ahnung seines baldigen Hintrittes die Häupter seiner Getreuen im Geiste Revlie passiren ließ, und da er mich darunter fand, und es seine Art war, das, was seinen Sinn beschäftigte, auch auszusprechen, so benutzte er den willkommenen Anlaß, mir die betreffende Mittheilung zu machen. Er irrte nicht, wenn er mich zu seinen Getreuen und aufrichtigen Berehrern zählte. Es waren angeregte Stunden, die ich bei und mit ihm zubrachte. Dukes hatte es in seiner Gewohnheit, jeden wissenschaftlichen Diskurs hinüberzuleiten in die verschiedensten, scheinbar weitab von einander liegenden litterar-geschichtlichen Gebiete. Im ersten Augenblick gewann es den Anschein, als entfernte er sich von dem Ausgangspunkte der Unterhaltung und folge ungezügelten augenblicklichen Inspirationen; bei einiger Aufmerksamkeit gewahrte man jedoch den rothen Faden, der sich ununterbrochen durch seine Konversation zog. „Goldene Aepfel in silbernem Geflecht — das Wort gesprochen in Ordnung," galt von Dukes' Auseinandersetzungen. Seine Unterhaltungen boten eine Fülle werthvoller Anregungen und nicht genug anzuerkennender Belehrungen. Mir schien es Pflicht, so oft ich der Ehre theilhaftig wurde, Männer der Wissenschaft bei mir zu empfangen, dieselben, insofern sie noch nicht die Bekanntschaft Dukes' besaßen, mit diesem zusamnienzuführen. Ich glaubte auf diese Weise nach zwei Seiten hin mich dienlich zu erweisen. Dukes gegenüber, indem ich, wenn auch nur auf eine karg bemessene Zeit, eine wohlthuende Abwechslung in die Einförmigkeit seines Einsiedlerlebens bringe; dem ihn besuchenden Gaste gegenüber, indem ich demselben Gelegenheit biete, eine die Weltlitteratur repräsentirende Bibliothek in der Person meines Freundes kennen zu lernen. Es war keine leere Phrase, wenn von Dukes gesagt wurde, er bilde eine ambulante Bibliothek. Mehr als ein halbes Jahrhundert durchforschte er mit dem Fleiße einer Biene und der Unverdrossenheit einer Ameise alle Bibliotheken Europas, und es kann daher bei der ihm wie selten einem Zweiten zu Gebote stehenden Gedächtnißstärke kein Wunder nehmen, daß er eine innige Vertrautheit mit den Erscheinungen der Gesammtlitteratur besaß. Hierbei kam ihm seine genaue Kenntniß der alten und neuen orientalischen und occidentalen Idiome vortrefflich zu Statten. Als ein großes Unglück sah er es an, daß anläßlich seiner Rückkehr in die Heimath in den siebziger Jahren mehrere Kisten seiner werthvollen Druckwerke und Handschriften abhanden gekommen waren, ohne wieder gefunden werden zu können. Unter den letzteren befand sich auch das Manuskript einer von ihm bereits fertig gestellten Geschichte der jüdischen Litteratur. Was dieser Verlust für die wissenschaftliche Welt bedeutet, ist leicht zu ermessen. Hat doch Dukes den unsterbliche Verdienst, mit Zunz, Rapoport, Luzzatto rc. rc. einem Lesseps gleich, den Kanal hergestellt zu haben, welcher die Meerenge des jüdischen Schriftthums mit dem Ozean der Weltlitteratur verbindet. Seitdem ihn dieser harte Schlag getroffen, hat Dukes jede Lust an litterarischer Arbeit, verloren. Was diesfalls noch sporadisch erschien, hatte nur den Charakter von Apercus. Zu diesen Arbeiten nahm er keine Nachschlagbücher zu Hilfe. Sein treues Gedächtniß war die Quelle, aus der er schöpfte. Wenig bekannt dürfte es sein, daß, wie mir sein ihm mit aller Anhänglichkeit und Treue zur Seite gestandener Neffe, Herr Dr. Heinrich Weiß, erzählte, Dukes in seiner ersten Jugend dem Studium der Medizin sich widmete, dasselbe aber bald aufgab und lediglich der Durchforschung von Bibliotheken sich hingab. Seine Rückkehr nach Wien gab mir Anlaß, im Schooße des Vorstandes der hiesigen israelitischen Gemeinde den Antrag zu stellen, diesem vortrefflichen, der Judenheit zur Ehre gereichenden Gelehrten eine Ehrenpension zu bewilligen; der Antrag wurde selbstverständlich angenommen. Dukes aber lehnte die Annahme jedweder Pension, unter welcher Form immer, dankend ab. Aus demselben Grunde wollte er der über meine Anregung an ihn ergangenen Einladung am Bethamidrasch Vorträge über selbst zu bestimmende Themen zu halten, nicht Folge leisten. Die Annahme, daß Dukes in Armuth und dürftigen Verhältnissen gelebt habe, beruht auf-einem Jrrthume. Er war nicht arm, weil er „mit dem ihm beschiedenen Theil zufrieden war"; er lebte nicht in dürftigen Verhältnissen, weil er genügende Mittel zur Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse hatte. Daß seine Lebensweise eine bescheidene, jede Ueberflüssigkeit vermeidende, geivesen, war eine Folge seines antiken, durch die Einfachheit eines Weltweisen imponirenden Wesens. Friedlich, still und geräuschlos wie sein Leben, war auch sein Hinscheiden. Als ich am 1. August an sein Bett trat, klagte er, wenn überhaupt bei ihm von einer Klage die Rede sein konnte, über Appetitlosigkeit; seine Schwäche war bereits so groß, daß er nur wenig mehr sprechen konnte; zwei Tage später war er heimgegangen. Friede seiner Asche! Ehre seinem Andenken! Bewegter, von gewaltigeren Impulsen beeinflußt, gestaltete sich das Leben und Wirken meines unvergeßlichen Freundes, Professor Dr. Grätz. Es lag dies nicht nur in seinem Temperament, in seinen Beziehungen zum sozialen Leben, sondern in erhöhtem Maße indem Objekt seiner wissenschaftlichen Forschungen und schriftstellerischen Arbeiten. Mag auch vom Historiker, und zwar mit Recht verlangt werden, daß er an Vaterland und Religion vergesse und die auf der Schaubühne des Verkehrs-, sozialen- und staatlichen Lebens sich abspielenden Geschehnisse streng objektiv zusammenfassend darstelle, so müßte man denn doch Fischblut in den Adern jenes Geschichtsschreibers voraussetzen, der kalt Blut bewahren sollte gegenüber dem Unrecht, der Willküx und den argen Verbrechen, deren sich Regierer und Regierte, Schriftsteller und Historiker gegen seinen Volksstamm schuldig gemacht haben. Muß ihn nicht der ganze Janimer der Menschheit erfassen, wenn er die klägliche Rolle kennen lernt, welche diesem Volksstamme in dem Völkerdrama zugcwiesen ist! Wenn noch, wie bei Grätz, infolge seiner einschlägigen und allgemeinen immensen Gelehrsamkeit das volle ganze Aktenmaterial die Grundlage bildet, auf welcher

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