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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-16 · Heft 42 (16.10.1891) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 42 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 495 (sequence 3)
Language
German
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5 WWWWW 49 f> Christin meine Mutter ehrt, meine Schwestern aber sich wie Fremde benehmen? Wie viel Jüdinnen kennst Du, die im Stande wären, einen Bibelvers aus dem Original sebstständig zu übertragen? Und das ist noch das Wenigste. Warum bin ich Indes O, ich könnte manche sehr rationelle Gründe herzühlen; aber ich meine: wer hat mich ursprünglichst zum Juden gemacht und mich geistig zu solchem gestempelt? Meine Mutter! indem sie mir, sobald ich mit meiner Zunge die Sprachlaute beherrschte, den Segensspruch beim Waschen und das „Höre Israel" vorsagte, damit ich es. nachspräche. Wie mag wohl jetzt das jüdische Weib seine Kinder erziehen? Zu Juden? Ich habe nichts dagegen, daß jede Mutter, reich oder arm, hoch oder niedrig, ihr Kind mit dem höchsten Maße der Liebe liebe, in deuiselben ihren Prinz, ihr Prinzeßchen sehe; daß sie aber ihren Knaben, ihr Mädchen zum Prinzen und zur Prinzessin erzieht, das heißt: das Kind in Grund und Boden verderben. Nun sieh Dir die jüdische Jugend au, die Jünglinge, die Jungfrauen — wo ist da Gottesfurcht, Pflichtgefühl? Ivo ist da Bewußtsein von der Pflicht der Arbeit, der Entsagung, der Aufopferung? Die Erde ist kein Jaumierthal, und man soll sie nicht dafür halten und der Jugend ihre Freude am Leben nicht nehmen; aber für diese Jugend ist die Erde weiter nichts als ein Konzertsaal und ein Ballsaal. — „Nun schreibe doch, unterbrach er mich, Deinen Artikel, einen oder mehrere, „über die Fehler der Juden". — Wozu denn? sagte ich. Ich bitte Dich, wer wird denn das lesen? Jener zehnte Theil des Zehntels? der braucht es nicht; und für die es geschrieben wäre, lesen es nicht. Das Hohngelächter würdest Du wohl nicht hören mögen, wenn man jenen Leuten einen Artikel mit der Ueberschrift „Bin ich noch Jude? Bin ich noch Jüdin?" vor's Auge brächte. Und wenn nie der Name des Höchsten über ihre Lippen käme, dann würden sie antworten: „Gott Lob, nein! Wir sind's nicht und wollen's nicht sein! Wir wollen sein wie die Anderen." Gut! aber dann thut mir den Gefallen und seid wie die Besten unter den Anderen! ihr aber ahmt den Schlechtesten nach. Ihr glaubt adlig zu sein, wenn ihr euch die Laster der jeunesse doree enteignet. Keuschheit des Jünglings ... Da legte der Freund seine Hand auf meine Schulter: „Aber, Liebster, wie Du wieder ausbrausest und losbrichst, als wäre nicht Pulver in Dir, sondern Dynamit. Wer Dich sonst immer nur so ruhig sieht, kennt Dich in solchem Augenblick gar nicht wieder. Jetzt ist auch wieder einmal der Spinoza ganz von Dir gewichen." — Ja, erwiederte ich, denken für mich thue ich mit Spinoza; aber das Reden regt mich auf, sprechen ist losbrechen. Und wenn ich dann sehe, wozu gelegentlich solche Erziehung, solch Haschen der Eltern nach dem Vergnügen der Kinder, solch Jagen des Mannes nach dem Vergnügen seines Weibes führt? Wohin töunte es auch anders führen als in. die Chi'onique scandaleuse? Ist je in Israel so etwas erhört gewesen? Der Jude, der kein Pulver riechen konnte, schießt, von der treulosen Schwester dazu aufgestachelt, auf deren Gatten wie ein Bravo. — „Aber, schrie er, das ist doch nur Verdacht, Vermuthung; das ist doch nicht erwiesen." — Verdacht? nicht erwiesen? entgegnete ich; ist etwa das nicht genug? Der Verdacht soll falsch sein, ich hoffe es; ist denn nicht die bloße Möglichkeit der Vermuthung, daß dem wohl so sein dürfte, sein konnte, nicht schrecklich genug? Muß denn wirklich so Grauenhaftes, um uns zu erschrecken, erst wirklich sein? So weit, hoffe ich, sind wir doch noch nicht. — „Nein, sagte er, beruhige Dich nur erst. Du darfst auch nicht von einzelnen Fällen, ganz vereinzelten Fällen auf die Juden überhaupt schließen." — Ich ziehe ja keinen Schluß; ich wünsche nur, daß ein Schrecken in die Juden führe, ein Schrecken so tief eindringender Art, wie ihn kein Antisemitismus erregen kann und keine Inden-Vertreibung. Solch ein Schrecken, daß sich der Jude, daß sich die Jüdin frage: „was bin ich denn? Jude, Jüdin, sagt man zu mir, sei ich; was ist denn Jude, Jüdin? Wer sagt mir das? Ich weiß es nicht! Wen soll ich fragen? Diejenigen, die mich verhöhnen?" Dann würde ich sagen: komm zu mir, Bruder, Schwester; aber ich verstehe nicht zu reden, geh, frage Deinen Vater, Deine Mutter, Deine Großeltern, sie werden Dir sagen. Höre ihre Worte bedächtig und dann frage Dich still und zitternd: bin auch ich Jude, Jüdin? Frage Deine Mutter nicht, wie hast Du mich erzogen, daß ich meine Kinder eben so erziehe; sondern frage sie: wie hast Du Dich gegen Deine Eltern benommen, damit ich mich ebenso gegen Dich benehmen könne. Lest die Remy, erschreckt und zittert — vor dem, was komnien kann, wenn nicht das Rechte zur rechten Zeit geschieht. Fragt nicht: sind wir Jüdinnen? so in der Gesammtheit, sondern jede für sich, sich persönlich: bin ich Jüdin? Fragt auch nicht: bin ich noch Jüdin? So etwas nur noch eben zu sein, was man ganz und voll sein muß, ist doch schmählich. Lernt die Pflichten des jüdischen Weibes kennen, lest die Remy und die anderen Bücher, die sie angeführt hat. Schafft euch eine jüdische Bibliothek an. Wie viel von den Millionen, die an der Börse gewonnen und verloren werden, kommen wohl dem Judenthum zu gute? Am Ende ist alles Gewonnene Verlust; euer edles, euer jüdisches Selbst geht im Gewinn verloren! Traurig! Wir schwiegen Beide eine Minute. Darauf fing mein Freund wieder an: „Und glaubst Du denn wirklich, daß unsere Zeit schlechter sei, als alle früheren Zeiten?" — Nein, antwortete ich, das will ich nicht glauben; aber verschieden sind die Zeiten doch. Es hat Zeiten gegeben, wo man aus arger Noth und Mangel und aus Jrrthmn gesündigt hat; jetzt aber sündigt man aus Uebermuth in Ueberfluß an Allem — „und aus Unwissenheit," setzte mein Freund hinzu. — Ja, meinte ich, aber der Uebermuth erzeugt die Unwissenheit. Man will nicht wiffen. Und dann, es giebt Zeitalter, in denen der Uebermuth aus tausend historischen Verhältnissen entsteht, und damit zugleich der Unverstand, welcher Weisheit und Thvrheit, Recht und Unrecht, Vernunft und Unvernunft, Schön und Häßlich gegen einander vertauscht. Da hat man mehr Mitleid als Anklage, mehr Trauer als Zorn. Die Zeit Hiskias mag eine solche gewesen sein; und bedenke ich, welche Zeit unmittelbar darauf folgte, so muß ich Jesajas Wirksamkeit, der dem Einbrechen solcher Zustände ein halbes Jahrhundert widerstand, noch höchlich bewundern, wenn er auch solche Sündfluth nicht wirklich verhindern konnte. Und so scheint mir auch der Anfang unsres Jahrhunderts und dessen erste drei Jahrzehnte eine Zeit allgemeiner Erkrankung Deuschlands. Diese sensibeln Jüdinnen, Rahel, Henriette, und gar Dorothea mit ihrer brüderlichen Sippschaft, Gans, u. s. w. ich kann sie nicht völlig verdammen. Die Remy hat sie begriffen und nicht zu hart beurtheilt. Heute aber ist Alles anders. Wir haben heute eine Geschichte des Judenthums und der Juden, wie sie damals noch nicht geahnt werden konnte. Wir kennen auch die englischen Juden der Gegenwart und der letzten Jahrzehnte und sollten von ihnen lernen, tüchtig sein. Ich glaube, unsre jüdischen Jünglinge könnten Dir bis auf die Mark herrechnen, wie reich der Londoner und der Pariser Rothschild ist; aber von den Leistungen der Frauen der Familie Rothschild für Juden und ihre Religion wissen unsre jüdischen Jungfrauen nichts. Dreizehn Damen dieses Hauses zählt die Remy auf — entsprechend, füllt mir ein, den dreizehn Eigenschaften Gottes. Laß uns abbrechen, lieber Freund, bei diesem tröstlichen Gedanken. Laß uns gehen, ich muß ins Freie.?

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