Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-16 · Heft 42 (16.10.1891) · p. Seite 494

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 42 (16.10.1891)
Date
1891-10-16
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227920--48307-3270821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

'wmrnwytmi hmi iJHiinw MMWWWM 494 Machtwort in die Ghettos des Mittelalters gebannt, darf erst zügellose Rohheit die Inden wieder zu ihrem Marterobjekte machen, dann bricht auch nach den untrüglichsten Prophezeihnngen antisemitischer Volksverführer jene unvergänglich strahlende Sonne für die Urgermanen durch die Wolken, vor der das Elend, die Armuth und alle sonstigen Gebreste der Welt sich scheu in die wilden Urwälder flüchten werden. Das Alles soll der in Thaten umgesetzte Haß der Rassenhetze bewirken, als ob das Work „wer Wind säet, wird Sturm ernten" hier keine Geltung hätte, als ob Lüge und Verdächtigung, die Entzündung der Fackel der Zwietracht und giftgeschwcllter Feindschaft Milde rmd Frieden auf der anderen Seite zeitigen könne. Run, die „Krenzzeituug", die es doch gewiß wissen muß, belehrt uns eines Besseren: Eine Partei, die nach außen den Haß zu ihrem, Grundgedanke» erhoben hat, kann auch nach innen keine Liebe üben! Das ist ein Satz, der es verdiente, in goldenen Buchstaben als Leitmotiv für jede anständige Partei hingcstellt zu werden. U Giebt es noch Jüdinnen* Von Prof. Dr. Steinthal. - Bor einigen Wochen ward in diesen Blättern die Frage aufgeworfen: „Sind wir noch Inden?" und ward bejahend beantwortet, — wie ich fürchte, etwas zu optimistisch. So rosig sehe ich die Wirklichkeit nicht. Unsere Väter sagten: Inden wird cs geben, so lange die Welt steht. Das glaube ich allerdings auch, wie es die Propheten geglaubt haben; rmd auch darin wird der heutige Zustand dem damaligen und dem aller Zeiten gleichen, daß der zehnte Theil des Zehntels derer, die sich Inden nennen oder von der Polizei und bei Volkszählungen so rubrizirt werden, auch Inden zu heißen verdiene». O ja, es giebt auch unter uns noch Inden! Nicht wahr? ein Schurke, ein Wucherer, mag er dreimal täglich „höre Israel" sagen oder nicht, oder das ganze Jahr nicht, oder nur an drei Tagen des Jahres: das ist Alles gleichgiltig — er ist fein Jude. Und wer zwar ein sittlich makelloser, höchst ehrenwerther Mann ist, auch wvhlthätig und weichherzig, aber für das Judenthum weder praktisches noch theoretisches Interesse hat, die Geschichte der Juden und das Wesen des Jndenthums nicht kennt und nicht kennen will und die Bemühungen der Forscher um die Enthüllung dieser Geschichte und dieses Wesens so gleichgültig ansieht, daß er sie durch keine Art Theilnahme nutcrstützt; wer ans Anstand seinen Beitrag zur jüdischen Gemeinde zahlt, ohne daß sein Herz irgendwie dabei betheiligt wäre, und cs eigentlich für ein Unglück hält, daß er zu den Juden gezählt wird, weswegen er auch seine Kinder dem Christeuthum übergicbt, damit sie an der deutschen Kultur, meint er, Völkern Antheil nehmen können, auf daß er an seinen Kindern gut mache, was seine Eltern (leider! sagt er) an ihm schlecht gemacht haben; oder wer seine Kinder konfessionslos (erhabener Kling-Klang!) erzieht — die Periode wird schrecklich, verzeih, liebe Leserin! aber wie sollte ich einen solchen Juden in schönen Sätzen charakterisiren? — Also das ist auch kein Jude. Aber, trösten wir uns mit dem Propheten: der zehnte Theil eines Zehntels — „ein heiliger Same" — wird ja wohl noch übrig sein. Laß mich dir erzählen. Ich saß in Gedanken vertieft, das Buch, welches eben diese Gedanken angeregt hatte, auf den Schooß gesunken, de» Finger da eingeklemmt, wo ich vom Lesen ins Denken übergegangen war: als unbemerkt, nach Geister Art (durch's Schlüsselloch) mein Freund mir gegenübersaß. „Du siehst ja," sagte er, „so — wie soll ich sagen? — verdrießlich oder betrübt aus! Äch, du hast gelesen; laß mich doch sehen, denn das wird cs ja wohl sein." Er nahm mir das Buch ans der Hand, seinen Finger der Linken an die Stelle des weinigen legend, mit dem Daumen der Rechten die Blätter wirbelnd: „Du hast ja viel angestrichen, so, hier ein recht dicker Strich, hier drei Striche neben einander, hier hättest du beinahe mit dem Stift das Papier durchschnitten. Wie heißt denn das Buch? „Das jüdische Weib" von Nahida Remy. Remi — scheint mir ein Name, gebildet wie Remük, also etwa Rabbi Mose Jaroslaw." Du irrst, sagte ich, Nahida Remy stammt aus rein indogermanischer Familie, die vermuthlich aus Frankreich eingewandert ist. Diese Schriftstellerin, natürlich Christin, ist längst durch Erzählungen wohlbekannt. Ihre „Sizilianischen Novellen" zeigen eine so tiefe Kenntniß dieses südlichen Volks-Charakters, eine so männliche Auffassungs- und Gestaltungskraft ... „Nh, unterbrach er mich, und da hat sich diese männliche Christin in das jüdische Weib verliebt." Nur nicht in das heutige, sagte ich. Sonst hast Du recht. Sie findet das echte, rechte Weib, welches weder das Spielzeug des Mannes, noch unsittlich emanzipirt ist, mir im alt-jüdischen Weibe der Bibel, des Talmud, des Mittelalters und keineswegs int Christenthum. — „Aber ein wenig verliebt ist sie doch." — Mag sein; so sehr, wie der Schriftsteller in seinen Stoff' überhaupt verliebt sein muß, wenn er denselben nicht umgekehrt aus Haß wühlt. Aber gerade gegen das dogmatische Christenthum und gegen das Weib des Minne-Liedes kann ich die Remy mit ihrer Verurtheiümg nur gerecht finden. Vielleicht, das mag sein, läßt sie der deutschen Frau nicht volle Gerechtigkeit widerfahren. Das können wir jedoch hier als ganz nebensächlich bei Seite lassen. In ihrer Zeichnung der Stellung des jüdischen Weibes aber hebt sie viel feine Züge hervor. Es ist ihr nicht sowohl um die Charakteristik der einzelnen Frauen zu thun, welche in Bibel und Talmud und sonst genannt werden, als vielmehr blos um daran die Stellung des Weibes neben ihrem Manne und in der Gesellschaft, und die Achtung, die ihr zu Theil ward, zu ermeffen. Und da bemerkt sie mit, ich möchte sagen, weiblicher Feinheit so mancherlei, woran wohl bisher noch keiner von uns gedacht hat. Daß sie eben nicht Jüdin ist, daß ihr dieses ganze jüdische Leben fremd gegenübcrsteht, wirkt für sie sehr günstig, wie eine gewisse Ferne des Objekts vom Auge des Beschauers immer erfordert wird. Ich habe eine Menge solcher Stellen angestrichen. Zum Beispiel — gicb mir das Buch. So, hier. Sie citirt aus der Bibel: „Und Jacob diente um Rahel sieben Jahre; und sie waren in seinen Augen nur einige Tage, weil er sie liebte" — den letzten Satz hat sie gesperrt. Hier erzählt sie, wie sich Hanna, die Mutter Samuels in Silo benimmt und fügt hinzu: „Man beachte die Selbstständigkeit der Israelitin, die über die Zukunft ihres Sohnes verfügt." — „Es ist wahr, sagte er, und die Mutter der Bibel giebt auch eben so häufig oder noch öfter als der Vater ihren Kindern den Namen; und seitdem bei uns die Kinder nach d en Großeltern genannt werden, heißen sie ebensowohl nach den Eltern des Vaters als denen der Mutter. Aber ist denn die Remy so gelehrt und in der Geschichte der Juden so belvandert?" — Sieh her, sagte ich, die letzte Seite: Benutzte Quellen. Wüßtest Du zu sagen, was ihr entgangen von A bis Z, von Abraham Geiger bis Zunz und die Zeitung des Jndenthums? Die Bibel aber liest sie sogar hebräisch. — „Nun schön! sagte er, so freue Dich doch; Du warst aber so betrübt, bist es eigentlich, wie mir scheint, immer noch." — O, sagte ich, würdest Du Dich über den wohlgerathenen Sohn Deines Nachbars freuen, wenn Dein eigner verkommen wäre? Ja und nein, nicht wahr? Und ich soll nicht tief von Schmerz ergriffen sein, wenn ich lese, wie eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.