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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-10-09 · Heft 41 (9.10.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 41 (9.10.1891)
Date
1891-10-09
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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der hohen Protektorin der Anstalt, der Kaiserin Friedrich, wie der Wohlthater des Waisenhauses, und betonte, daß den entlassenen Zöglingen, welche zum Theil die Reifeprüfung des Gymnasiums abgelegt haben, zum Theil das Berechtigungszengniß zum Einjährigen-Dienst erworben haben, die Pflicht obliege, irn bürgerlichen Leben sich des Geistes der Anstalt würdig zu zeigen. Die entlassenen Zöglinge erhielten ein Sparkassenbuch; über die Verwendung der Ersparnisse bei späterer Begründung einer selbstständigen Existenz behält sich die Anstalt die Verfügung vor. GD Berlin, 5. Oktober. Kaum acht Tage sind es her, seit wir an dieser Stelle den Schaden beleuchtet haben, der uns von den ..jüdischen Antisemiten" erwächst, bei denen die Unwissenheit dieselbe Wirkung ausübt, wie bei nnsern ausgesprochenen Feinden die Bosheit. Der Sckadeu ist um so bedeutender, als die Gegner nur zu schnell bereit sind, solche Leute wegen ihrer jüdischen Abstammung als Autoritäten für die Beurtheilung jüdischer Verhältnisse zu betrachten. Ein eklatantes Beispiel dieser Gattung stellt sich uns bereits heute wieder in dem Pariser Korrespondenten der „Times", tzrn. Oppert, dar. Wir nässen nicht, ob Hr. Oppert sich noch zum jüdischen Glauben bekennt oder ob er bereits die Religion seiner Väter abznthun beflissen war, so viel steht aber fest, daß er die Kenntniß derselben gründlich abgelegt hat. Hr. Oppert schreibt über die Feier des Centennariums der französischen Jndenemanzipation und versichert dabei ernsthaft, daß die „68,000 französischen Inden durch ihr Geld, ihr Ansehen und ihren Einfluß ganz Frankreich beherrschen." In demselben Athem behauptet er jedoch, daß Frankreich durch sein Klima der Entwickelung der Juden nicht so günstig sei, wie die mehr nördlich oder südlich gelegenen Länder, und behauptet zugleich, daß sie mehr als anderswo das Bestreben der Assimilation zeigen. Sodann kommt Herr Oppert auf das Hirfch'sche Projekt zu sprechen und meint, daß „zum ersten Male seit 18 Jahrhunderten ein Jude versuche, ein jüdisches Land zu gründen, um die Fähigkeiten der Rasse für Hand- und Feldarbeit ans Licht zu ziehen." Was soll man zn dieser hobenIofen Unwissenheit sagen? Wer solche Behauptungen wagt, der sollte doch vorher wenigstens ein einziges Buch über die Geschichte der Inden in den lebten Jahrhunderten in die Hand genommen haben. Ein einziger Blick hätte ihn belehrt, daß die Auswanderung jüdischer Familien aus Europa und die Begründung von Ackerbaukvlonien durch dieselben in fremden Welttheilen seit zwei Jahrhunderten einen charakteristischen Zug in dieser Geschichte bildet. Wenigstens aber sollte er als gewissenhafter Berichterstatter doch nicht vergessen, daß das Hirfch'sche Projekt seinen Ursprung hauptsächlich ans dem Erfolge herleitet, beu frühere jüdische Ackerbankolonien zu verzeichnen hatten. Geradezu komisch aber wirkt es, Herrn Oppert deklamiren zu hören, daß „die jüdische Nasse sich bisher für alle Arbeit, welche körperliche Kraft oder materielle Thütigkeit verlangte, völlig unfähig erwiesen habe." Herr Oppert zweifelt, „ob es in der ganzen Welt viele Inden giebt, die hinter den: Pflug hergehen, einen Lastwagen fahren oder Holz fällen." Also nicht mir auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart erstreckt sich die Unwissenheit des Herrn Times-Korrespondeuten, ton Jeder, der sieb auch nur oberflächlich mit den Verhältnissen der Inden beschäftigt hat, weiß, daß in Holland, in Polen, in Rußland gerade die schwersten Arbeiten tlnr von Juden ausgesührt werden. Es ist bekannt, daß in Polen die Steinklopfer sich ausschließlich aus Inden refrutiren, und daß es in diesem Lande nicht leicht ist, am Sonnabend ein Pferd beschlagen zu lassen, da die Schmiede durchweg Juden sind. Das zu erfahren, war nicht schwer, aber es giebt eben Leute, die der Belehrung entrathen zu dürfen glauben, und zu diesen, so scheint es, gehört auch Herr Oppert. Ihm ist auch der verdiente Lohn bereits zu Theil geworden. Unsere antisemitischen Organe jubeln seinen Ausführungen zu, und dieses Lob spricht beredter, als unser Tadel es thun kann. * Breslau, 2. Oktober. Amtsrichter Wiedemann hat, wie man uns berichtet, nach Beendigung eines zweimonatlichen Urlaubs seine amtsrichterliche Thätigkeit gestern wieder ausgenommen. Diese Nachricht, welche mit früheren Meldungen, nach beuen der Herr aus Anlaß der angeblich von ihm anonym und auch amtlich betriebenen antisemitischen Agitation aus dem Richterstande ausgeschieden sein soll, im Widerspruch steht, ist geeignet, großes Aufseher: zu erregen. Eine Klarstellung von berufener Seite wäre am Platze. M. Ulm, 28. Sepieniber. In Nr. 39 Ihres Blattes bringen Sie eine „L"-Correspondenz vor: hier, welche den Eindruck hinterläßt, als ob der vom Bürgerausschuß gefaßte Beschluß lediglich durch die erwähnte Intervention des Herrn Dr. Fried zu Stande gekommerl wäre. — Aber schon lange vor dem in dem Artikel hervorgehobenen Ansuchen des Herrn Rabbiners Dr. Fried haben die Herren Kommerzienrath Mayser und Rechtsanwalt Schefold sich mit der Antisemiten Hetze befaßt, und allein dem Auftreten dieser Herren, insbesondere des Obmannes Schefold, ist es zu verdanken, daß der Beschluß des Bürgerausschusses perfekt wurde. £ Memel, 5. Oktober. Eine Leidensgeschichte, die, wäre sie nicht vollkommen verbürgt, in ihren Einzelheiten kaum glaubhaft erscheinen würde, hatte der früher in dem benachbarten Städtchen He y betrug ansässige Schindelmacher und Dachdecker Hirsch Bloch durchzumachen. Vor vielen Jahren schon hatte der Mann das Mißgeschick, in Ausübung seines Berufs vom Dach zu fallen und sich dabei den Arm derart zu brechen, daß er noch heute säst vollkommen arbeitsunfähig ist. Trotzdem verstand er es in seltener Energie und Ausdauer, sein Geschäft zu verhältnißmäßiger Blnthe zu bringen. Im Jahre 1874 kaufte Bloch sich ein eigenes Grundstück, auf welchem er neben seiner Dachdeckerei für seine Frau eine Bäckerei einrichtete. Trotz alledem und obwohl der Mann schon über 33 Jahre in demselben Orte ansässig war, wurde er im Jahre 1885 ansgewiesen. Erst auf ein Gesuch der Bewohner des Kreises Heydekrng an ben damaligen Minister Pnttkamer, den Mann als unentbehrlich zu belassen, und da sich eine Heimath des Bloch in Rußland nicht anffinden ließ, wurde dieser Ausweisungsbefehl zurückgezogen. Im Jahre 1889 erhielt Bloch plötzlich eine erneute Ausweisung. Man wollte seine Heimath in Rußland in dem Städtchen Chweidan ermittelt haben, da der Mann nicht Bloch, sondern Glnch heißen sollte. Allein die Stadtduna wollte weder von Bloch noch von Gluch etwas wissen, und so wurde der Mann wieder über die Grenze auf preußisches Gebiet geschafft. Nach Heydekrng zurückgekehrt, wurde er eingesperrt und erst wieder sreigelassen, als die auf ein direktes Gesuch an den Königsberger Oberpräsidenten Herrn von Schlieckmann angestellten Recherchen ergaben, daß er in der That der wirkliche und wahrhafte Bloch sei. Allein auch diese so mühsam wiedergewonnene Freiheit sollte der Arme nicht allzu lange genießen. Im August d. I. wurde er mit seiner ganzen Familie — nicht einmal feine alte kranke Mutter wurde geschont, und seine Kinder holte man aus der Schule — neuerdings sestgenommen, nach 25 ftiinbiger Hast ans einen Wagen gepackt und abermals nach Rußland (Tauroggen) geschasst. Der dortige Jsprawnik (Landrath) hatte dem Heydekrnger Landrath aus Gefälligkeit die Grenze geöffnet. Von Tauroggen wurde die Familie per Transport wieder nach Chweidan geschafft, woselbst sie etwa vierzehn Tage verblieb, um alsdann nach einer weiteren Untersuchung nochmals über die Grenze gebracht zu werden. Mittlerweile hatte aber der Landrath in Heydekrng Alles, was sich auf dem Grundstück des Bloch vorsand, vorzugsweise eine große Masse Nutzholz, wie auch Brennholz, ferner die Kartoffeln auf dem Felde, fertige Fensterrahmen u. s. w., um die Vollstrecknngskosten zu decken, verkaufen lassen, so daß Bloch außer seinem Grundstück, das er nicht bewohnen darf, nichts oder sehr wenig sein eigen uemit. Bloch weilt gegenwärtig hier in Memel und hat sich mit einem Gesuch an den Reichskanzler von Eaprivi gewandt. Des Weiteren gedenkt er sich in den nächsten Tagen nach Königsberg zu begeben, da er sich von einem neuerlichen Immediatgesuch an den Oberpräsidenteu Grafen zu Stolberg Erfolg verspricht. T. Essen a. d. R., im Oktober. Hier wurde am 25., 26. und 27. September das fünfzigjährige Amtsjubiläum des Lehrers und Predigers Herrn M. Blumen selb in erhebender Weise gefeiert. Das Fest legte ein glänzendes Zeugniß ab von dem segensreichen Wirken des hochverdienten, geistlichen Führers der Gemeinde, mit dem diese stets in Harmonie zusammen ging; es brachte auch zum begeisterten Ausdruck die Anerkennung der Verdienste des Jubilars um die bürgerlichen Institutionen geistiger Fortbildung und die Fortentwickelung städtischer Vereine; endlich zeigte die Feier ein in der jetzigen Strömung um so erhebenderes Bild der Toleranz und der gegenseitigen Achtung der verschiedenen Konfessionen und Stände. — Die Feier wurde am Freitag Abend in der sinnreich geschmückten Synagoge eröffnet. Herr Graf, Lehrer und Kantor, leitete in würdiger Weise den Gottesdienst. Dann bestieg Herr Rabbiner Dr. Frank aus Köln die Kanzel und wies mit seiner glänzenden Beredsamkeit auf die hohe Bedeutung des Festes hin, schilderte sowohl für die Gemeinde, der Jubilarin, als den Jubilar, den geistlichen Führer, die segensreiche Wirksamkeit des Letzteren, welche besonders für das religiöse Leben nur dadurch möglich

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