Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227919--48301-3270814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
55. Jahrgang. Nr. 41. Berlin. 9. Oktober 1891 Weil'ctge zur „Al'l'gemsrnen Zeitung öes IuöenlHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Nentschlan-. 8 Berlin, 6. Oktober. Ueber eine Aeußerung Sr. Majestät des Kaisers bezüglich der Einweihung der Synagoge in der Lindenstraße erfahren wir: Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hatte ursprünglich die Absicht, mit der Einweihung der Synagoge bis zu einer Zeit zu warten, in welcher der Kaiser sich in der Residenz befinden würde, um alsdann Sr. Majestät die Bitte um Theilnahme an dem Weiheakte zu unterbreiten. Die Unsicherheit, ob die Synagoge vor den hohen Feiertagen fertig gestellt sein werde und die Rücksicht auf das dringende religiöse Bednrfniß der Berliner Gemeinde in diesen Tagen vereitelte leider jedoch die Ansführung dieser Absicht. Auf das Schreiben, welches den Wunsch der Einladung und die Gründe der Unterlassung in geziemender Weise auseinaudersehle, hat nunmehr der Kultusminister Gras Zedlitz eine Antwort ertheilt, in der es heißt: „Ew. Wohlgeboren theile ich mit Bezug auf die gefällige Zuschrift an mich vom 20. September d. I. ergebenst mit, daß Se. Majestät der Kaiser und König von dem Bau der Synagoge Hierselbst, sowie öou der in der Ausführung durch die Umstände verhinderten Absicht, Allerhöchstdenselben um Allergnädigste Theilnahme an der Eröffnungsfeier ehrfurchtsvoll zu bitten, mit Interesse Kenntniß zu nehmen geruht haben." -n. Berlin, 7. Oktober. Am 29. September fand die Ab schied sfei er des Lehrers Moritz Guttmann in der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde statt. Herr Guttmann hatte von den 47 Jahren seiner Lehrtätigkeit 42 ununterbrochen an dieser Schule gewirkt und nur die Abnahme feiner Körperkräfte — er ist 75 Jahre alt — nöthigten ihn gur Niederlegung seines Amtes. Die Feier schloß sich an die Entlassung der abgehenden Schülerinnen. Das Kollegium der Ehrendamen, wie auch die Mitglieder des Schulvorstandes waren fast vollzählig versammelt. Als der Emeritus den blumengeschmückteu Sitz eingenommen, betrat der Dirigent der Schule, Herr Dr. Adler, das Katheder. Er wandte sich in seiner Ansprache zunächst an die Schülerinnen, denen er diesmal statt eines Spruches aus dem reichen Schatze der deutschen Litteratur oder aus dem noch reicheren der heiligen Schrift das Vorbild des Mannes mitgeben wolle, der heute fcon der Stätte scheide, an derer ihnen das Beispiel treuester Pflichterfüllung gegeben. Sie sollten in Gesinnung und Thun so werden wie er. Der Redner hob hervor, wie er seit Beginn seiner hiesigen Wirksamkeit mit Ehrfurcht und Bewunderung den Fleiß und die anhaltende Ausdauer geschaut habe, mit welcher der Scheidende ick unverbrüchlicher Treue seinem Amte gerecht wurde. Derselbe habe nie in anmaßlichem Hochmuthe an ein Fertigsein geglaubt, er habe die Schülerinnen nie als bloße Objekte des Unterrichtes angesehen, sondern für jede einzelne besonders Interesse gehabt und stets auf Mittel imb Wege gesonnen, ihren Geist und Charakter zu bilden. Nur mit schwerem Herzen sehe er ihn scheiden und hoffe, daß das Band, welches den Scheidenden so lange mit der Anstalt verbunden, wenn es allch kein streng amtliches mehr sei, doch den guten, alten, treuen Guttmann in unverminderter Festigkeit an dieselbe fesseln werde. In diesem Sinne rufe er ihm zu: „Auf Wiedersehen!" Nachdem Herr Dr. Apolaut im Namen der Lehrer und Lehrerinnen der Anstalt dem scheidenden Kollegen den Dank für sein treues kollegiälisches Verhalten dargebracht, sprach Herr Professor Dr. Steinthal dem Scheidenden in herzlichen Worten den Dank und die Anerkennung des Schulvorstandes aus. Hierauf trug eine Schülerin der 1. Klasse ein von Herrn Dr. Apolant verfaßtes Gedicht vor und überreichte ihrem Lehrer ein die Photographien sämmtlicher Schülerinnen enthaltendes Album. Mit einem von der Lehrerin Fräulein Wittelshöfer verfaßten Abschiedsliede der Schülerinnen schloß die erhebende Feier. Um ben scheidenden Kollegen schaarten sich dann noch einmal Lehrer, Lehrerinnen, und Freunde bei einem gemüthlichen Male. Ernste und launige Toaste wechselten mit etuauber ab, und vom Lehrer Jacobsohn gedichtete Festlieder versetzten alle Theilnehmer in die heiterste Stimmung. — Se. Majestät der Kaiser und König hat bem Lehrer der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde Moritz Guttmann bei seiner Versetzung in den Ruhestand den Adler der Inhaber des Königlichen Hallsordens voll Hohenzollern allergnädigst verliehen. * Berlin,7. September. Herr Dr. Ludw ig Stein, bisherProfefsor am Polytechnikum zu Zürich, ist zum ordelltlichen Professor all der Hochschule Bern berufen worden und tritt die Professur schon mit diesem Semester an. Die Bernfullg geschah all Stelle der verstorbenell Professoren Ris itub Trächsel und des pensionirten Professors Hebler. Der nun vereinigte Lehrstuhl ist für Geschichte der Philosophie und die verschiedenen Zweige der systematischen Philosophie bestimmt. Dr. Ludwig Stein (1859 geboren) gelangte 1881 in Halle mit einer Untersuchung „über die Willensfreiheit bei deil jüdischen Philosophen des Mittelalters" zur Promotion. Später gillg er von Studien dieser Gattung ab, um sich Untersuchungen zur Philoophie-Geschichte von mehr allgemeiner Bedeutnilg znzuwendeil. Zuerst beschäftigte er sich eingehend mit der Geschichte der griechischen Erkenntnißlehre. Eine Frucht dieser Arbeit war die Schrift „Die Erkenntnißtheorie der Stoa" (1883 in den „Berliller Studien für klassische Philologie" erschienen), welcher Stein eineil Umriß der griechischen Erkenntnißlehre überhaupt vorausfchickte. In neuerer Zeit hat Steill hauptsächlich die Beziehungen zwischen Spinoza und Leibniz studirt, wozu die neueren Leibniz-Fnnde mannigfaches und wichtiges Material abgaben. Von ben Ergebnissen seiner Arbeit gab Stein zuerst in den Berichten der Berliner Akademie und später (1890) in einer eigeneil Schrift „Leibniz imb Spinoza, ein Beitrag zur Entwickeluugsgeschichte der Leibniz'fchen Philosophie" Nachricht. Um die Belebung des Studiums der Philosophiegeschichte im Allgemeinell machte sich Stein durch die Begründung des „Archivs für Geschichte der Philosophie" verdient, das für Arbeiten dieser Gattung die wichtigste Centralstelle geworden ist. Der jetzt emeritirte Professor Hebler ist durch Shakespeare- und Lessing-Studien bekannt geworden. Vor Hebler hatte M. Lazarus die Berner Philosophie-Professllr inne. * Berlin, 6. Oktober. Die große Orgel in der neuen Synagoge in der Lindenstraße, die von W. Sauer in Frankfurt a. O. erbaut ist, wurde gestern durch den königlichell Musikdirektor Herrn Otto Dienet unter Hinzuziehung des Organisten Herril Hermamr Deckert einer sachgemäßen Prüfung ilnterworfell. Das imposant wirkende Werk, das 42 klingeilde Stimmen auf drei Mallualen itub Pedal enthält, besitzt einen Violon 32', 8 Sechzehnfüße, 22 Achtfüße, 7 Vierfnße unb vier gemischte Stimmen, darunter edle große Alizahl trefflich wirkende Charakterstimmen. Besondere Klallgschönheit elltwicketn die zahlreichen Flöten, z. B. die einem Rohrwerk vollständig ähnlich klingende Schalnlei. Das mit Pneumatik versehene Werk erfüllt nicht nur seinen Zweck als Begleitungsinstrilment, es ist auch den Allforderungen, welche die Jetztzeit an eine Konzertorgel stellt, in vollem Maße zu entsprechen geeigllet. * Berlin, 28. September. Zu der in voriger Numuier enthaltenen Nachricht über die Frequeilz der hiesigen Schulen sei teils der jüdischen Schulkinder möchte ich noch folgende Daten hinznfügen. Von den 12,176 jüdischen Schulkindern waren Ende Dezember 1890 in öffentlichen Gemeindeschulen 3137, in der jüdischen Gemeinde-Knaben- resp. Mädchenschllle 964, in den öffentlichen Tallbstummen- und Blindenschulen 13 jüdische Schulkinder vorhandeil. Die übrigeil vertheilen sich auf die höheren Schulen und die verschiedeilell Gattungen voll Privatanstalten. Außerdem ergiebt sich aus dem Berichte der Schnldepntatioil, daß in 35 von den 180 Gemeindeschulen jüdischer Religionsunterricht auf Kosten der Stadt ertheilt wird, und zwar voll fest allgestellten wissenschaftlichen Lehrern und Lehreriullen. * Berlin, 6. Oktober. An einem der letzteil Tage fand in der Anla der Baruch - Auerbach'sche n W aisen - Erziehungsanstallen die Entlassung der Zöglinge statt, welche in das bürgerliche Leben übertreten. Die Feier vollzog sich in Gegenwart des Kuratoriums, der Angehörigen der Zöglinge und eines zahlreichen Publikluns. Herr Direktor Dr. Strelitz gedachte in seiner Ansprache