Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- Seite 492 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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erstrebt, beweist nur, daß seine Lehren in Widerspruch mit den Staats-- gesehen stehen, sowie daß er Dinge lehrt, welche das Licht scheuen. — Majestät werden mir beistirnmen, wenn ich sage, Polen ist das Land der Glaubenseinheit, die mächtigste Stütze der katholischen Kirche im Norden. Wir haben noch vor nicht langer Zeit über 180 Kirchen Von Griechischkatholischen und Protestanten geschlossen, wir würden uns eines sonderbaren Widerspruches schuldig machen, wollten wir einem jüdischen Sektirer das gewähren, was wir andersgläubigen Christen versagen, und ihm gar noch ein besonderes Gebiet einraumeil, wo sich sein Treiben der Oberaufsicht der heiligen Inquisition und des Staates entzieht." „Ich denke nicht daran," erwiederte der König, „bis jetzt habe ich ihm wegen verschiedener Bedenken, die ich hege, noch nicht einmal eine Audienz gewährt , obwohl er wiederholt darum nachgesucht hat." „Und seine Tochter," fragte die Gräfin, „was weiß man von ihr?" „Wenig, eigentlich gar nichts," bemerkte der König. „Ich selbst habe sie noch nicht gesehen, aber die Schilderungen, welche man mir von ihr entworfen, stimmen überein mit dem, was Graf Stanislaus berichtet; die Person, die Familie, die Lehre und die Reichthümer des Baron Frank umgiebt ein Geheimniß, das noch seiner Lösung harrt. — Man sagt sogar, er könne Gold machen!" „Danil könnten wir ihn ja in Polen sehr gut gebrauchen!" bemerkte die Gräfin. „Majestät," sagte Marcolini, „darin haben wir am sächsischen Hofe Erfahrungen gesammelt. Die Goldmacher haben wir zur Genüge kennen gelernt. Ich weiß zwar nicht, ob der Baron gesagt hat, daß er Gold lnachen könne, aber schon dadurch erscheint er mir hinreichend verdächtigt, daß man ihm diese Kunst nachrühmt." „Unsere Zeit ist eine Zeit des Unglaubens und des Aberglaubens," sagte Turski. „Sie wissen es Alle, wie da und dort täglich ein neuer Betrüger auftaucht, der wie St. Germain über geheime Künste Herr sein oder der wie Baron Frank durch eine neue religiöse Lehre die Welt von ihrem Jammer erlösen will. Das Alles ist Thorheit und Irrlehre. Arbeit ist des Menschen Loos, seit der Herr die Welt erschuf; keine Goldtinktur kann uns das Paradies wieder zurückerobern, dessen Adam verlustig wurde, und kein Glaube vermag uns Heil zu bringen, als der an die heilige apostolische Kirche!" Ter Großoffizial hatte kaum geendet, als der Herr des Hauses, Graf Lubomirski, erschien und dem Könige ehrerbietig meldete, daß der Wagen Seiner Majestät vorgefahren sei. Die Gräfin und alle Aliwesenden drückten Stanislaus August ihr Bedauern aus, daß er jetzt bereits die Gesellschaft verlasse, allein der König erwiederte, sich an den Grafen wendend, in jovialem Tone: „Sie sehen, lieber Graf, ich habe nie Ruhe, ich darf nirgends zu lange bleiben, mir es nirgends wohl sein lassen. Würde ich hier eine Stunde länger verbleiben, so würde man mir politische Motive unterschieben, und die Zeitungsschreiber, deren es gegenwärtig eine Menge in unserer lieben Stadt Warschau giebt, würden das benutzen, um das Publikum zu beunruhigen. Deshalb, um unnützes Geschreibe zu vermeiden, verzichte ich selbst, öfter als Sie vielleicht glauben, auf den Genuß einer angenehmen geselligen Unterhaltung. — Ihnen, lieber Stanislaus, danke ich für Ihre Mittheilungen über den alten jüdischen Baron und die schöne Eva von Frank. Sie haben mein lebhaftes Interesse erregt. — Gras Marcolini, wir sehen uns morgen elf Uhr auf meinem Belvedere. Nun Adieu, Bonsoir Mesdames et Messieurs!" Mit drei leichten Verbeugungen nach den verschiedenen Seiten des Zirkels empfahl sich Stanislaus August. Ju den Tanzsälen hatte man den Weggang des Königs kaum bemerkt. Dort rauschte die Tanzmusik, und natwnat-polnische Weisen wechselten mit Menuets und deutschen Walzern. In den Konversationszimmern bildeten sie kleine Zech- und Spielgesellschaften. Bei letzteren pointirte man sehr hoch; mmt setzte Dukaten, und als diese nicht mehr reichten, wurden Papierstreifen, die der Aussteller als Ehrenscheine am anderen Tage einzulösen hatte, auf den Spieltisch gelegt. Graf Poniatowski, der Bruder des Königs, verlor an jenem Abende 20.000 Dukaten, Fürst Adam Ezartoriski sogar 30,000. Es war mit einem Wort eine gesellschaftliche Unterhaltung im polnischen Geschmack. Nur der junge Graf Lubomirski schloß sich den geselligen Vergnügungen nicht an. Träumerisch schritt er durch die Säle und plauderte dann lange mit dem Großoffizial. Eine ruhige, unbefangene Stimmung hielt jedoch nicht bei ihm Einkehr. Die edle Erscheinung Eva's schwebte ihm am ganzen Abend vor Augen. (Fortsetzung folgt.) U Fitterarifche MittheUungen. Die „Mittheilungen vo m Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde" bieten in ihrem soeben ausgegebenen Heft 31 eine Fülle interessanten Stoffes. Nach einigen Worten des Nachrufs für den verstorbenen Delegirten Dr. Wedell folgt der Bericht der „Gemeinde-Unterstühnngs-Koninlission", der nicht nur über die helfende Thätigkeit des Bundes gegenüber der Nothlage der ärmeren Gemeinden Mittheilungeil macht, sondern auch manche der dem Nothstande dieser Gemeinde zu Grunde liegenden Uebel aufdeckt und bespricht, so namentlich das jeder gesetzlichen Ordnung entbehrende Verhältnis. der preußischen Synagogengemeinden zu itjreu Filialen. Die Unter* stützungsthätigkeit dehnt sich zur Zelt n?er 70 Gemeinden aus und wird sich in dem Maße erweitern, in welchem die jüdischen Großgemeinden und wohlhabende Private dem Bunde für diesen edlen Zweck Mittel beisteuern. Möge dies in stets vermehrtem Umfange geschehen! — Die folgende Abhandlung berichtet über die Fortsetzung der Thätigkeit zur Verbreitung der „Grundsätze der jüdischeil Sittenlehre". Unsere Leser haben die einzelnen Phasen dieser Thätigkeit verfolgt und werden erfreut sein, zu vernehme», daß, abgesehen von dem qualitativen Erfolg, der durch die Unterschriften voll mehr als 400 Rabbinern und nahezu 300 Rechtsgelehrten erzielt ist, die Arbeit des Bundes insofern eine fruchtbare gewesen ist, als über 20,000 Exemplare der Sätze innerhalb der deutschell Judeilheit Verbreitung gefundeil haben. lieber die der Abhandlung beigegebene hebräische Uebersehung haben wir schon in der vorigen Nummer Mittheilung gemacht. — Bei Weitem der wichtigste Abschnitt der „Mittheilungen" scheint uns indessen der Bericht über die „Bibliothek des Gemeindebundes" zu fein, eine Institution, welche sich aus unscheinbarell Anfängen bis zu einer bereits 4000Bände umfassenden Büchersammlung emporgeschwungen hat, und für das Studium der Geschichte unb Litteratur der deutschen Judenheit reichstes Material enthält. Der Ausschuß des Gemeindebundes hat eine dankenswerthe That vollbracht, hibem er diese Bibliothek weiteren Kreisen zur unentgeltlichen Benutzung gestellt hat, und wir glauben im Interesse der Wissenschaft zu handeln, weuu wir dem Appell, mit dem der Bericht sich an die deutschen Juden wendet, uns allschließen: „Mögen Autoren ulld Verleger voll Schriften, die Juden und Judenthum betreffen, es nicht unterlassen, der Bibliothek des Gemeindebllildes ein Exemplar zu übersenden. Es wird oft ebenso sehr in ihrem eigenen Interesse, wie in demjenigen der Wisseilschaft liegen. Mögen aber auch alle Anderen, die für Wissenschaft und Verbreitung von Volksbildung warm empfinden, unserer Sammlung ihre Gunst zuwendell. Zahlreich sind die Bücher, welche von den Vätern überkommen, aber von beti Kindern unb Enkeln nicht mehr benutzt, auf den Böden und in den Kammern vieler jüdischer Wohnungen ihrem Zwecke verloren geheil und vom Staub zerstört werden. Doch an den richtigell Platz gebracht, erhält das scheinbar Unbedeutende seinen hohenWerth wieder. Gebet unsdievergilbten Blätter, daß wir sie der Wissenschaft aufs Neue nutzbar machen, und sie werden zugleich eurem Namen einedankbareErinnerung ein derLrste unserer Wohlthäter sichern!" Druck und Verlag von Nudols Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max. Bauchwitz in Berlin.