Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1891)
- Date
- 1891-10-09
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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491 teuere. Erzähle uns später noch reiht viel von Deinem neuen Liebchen, wir werden es mit Freuden anhören und versprechen Dir sogar unsere königliche Protektion im Voraus. Aber jetzt fahre fort." „Wundern Sie sich nicht. Herr Graf," sagte Eva zu mir, „mein Pflegevater, der sogleich erscheinen wird, ist ein Jude!" „Wie?" rief ich erstaunt, „Sie, eine russische Christin, leben bei einem Juden?" „Ja," erwiederte sie, ich selbst weiß nicht, wie das Schicksal cs gefügt hat, und vergebens bemühe ich mich, das Räthsel zu lösen." „Höchst seltsam," rief Marcolini. „Ja, Excellenz," bemerkte Stanislaus August, „Polen ist das Land der seltsamsten Widersprüche, und wenn Sie einige Monate hier bleiben würden, könnten Sie die merkwürdigsten Geschichten mit nach Hause nehmen." Der junge Graf fuhr fort. „Wie nennt sich Ihr Pflegevater?" fragte ich die junge Dame. „Baron Jacob von Frank," antwortete sie. „Auch sonderbar," bemerkte der König. „Doch er ist vermuthlich Russe, und in Rußland ist für Geld Alles zu haben, auch der Adel." Der junge Lubomirski fuhr fort: „Wir wollten das Gespräch foctsetzen, als der Herr des Hauses erschien. Der Eindruck, den er auf mich machte, war kein ungünstiger. Der Baron Frank ist ein wohlaussehender Vierziger mit durchdringenden schwarzen Augen und interessanten Gesichtszügen, die jüdisch sind, aber eines gewissen würdigen Ausdrucks nicht entbehren. Er war in einen langen, faltigen rothseidenen Talar gekleidet, und eine kleine runde, rothseidene Mütze, unter welcher dickes, lockiges, schwarzes Haar hervorquoll, deckte den Scheitel. Die Manieren des Barons sind gewandt und weltmännisch. Eva stellte mich ihm vor, „GrafLubonürski,der michsoebenaus einer großen Gefahrrettete,"sagte sic. „Willkommen, Herr Graf, im Zelte Jakobs, und der dreieinige Gott lohne Ihnen Alles, was sie an meinem Kinde gethan haben, tausendfach!" sagte er salbungsvoll. „War meine Ucberraschung bereits zuvor groß, als mir Eva sagte,, ihr Adoptivvater sei ein Jude, so war sie jetzt noch größer, als ich den Juden den dreieinigen Gott anrufen hörte. Meine Verblüffung muß sich durch meine Mienen »erreichen haben, denn der Baron crrieth sofort meine Gedanken. „Sie wundern sich, Herr Graf, daß ich — ein Jude — von der Dreieinigkeit spreche." „Ja," erwiederte ich. „So wissen Sie, Herr Graf, und erstaunen Sie nicht, daß es auch Juden giebt, die der Gnadenwirkung des Ehristenthums theilhaftig geworden. Sabbathianer nennen wir uns, wir lernen, daß das Gute in allen Religionen ausgenommen werden könne; wir lehren, daß das Judenthum an der Fortentwickelung aller Religionen Theil nehme und hierdurch vor der Erstarrung und Verknöcherung bewahrt werde, tvelcher es durch den Talmud anheimfüllt. So glauben wir denn auch an eine Dreieinigkeit, und nähern uns daher Euch Christen!" „Das wäre ja ein Mann für unfern Lessing und Mendelssohn: ein Jude, der mild und versöhnend zwischen alle Religionen und den Kampf der Parteien tritt," meinte der Geheimrath von Essen. „Fürwahr," sagte der König, „es ist ein Mann, wie er so ganz in die Reiche Josefs und Friedrichs II. passen würde; ein Mann, der eines Staates bedarf, wo jeder nach seiner Fayon selig werden kann." „Es ist ein aufgeklärter Jude," meinte die Gräfin. „Der Baron Frank ist ein Gaukler und ein Betrüger," erklärte der Großoffizial dagegen in seiner strengen Weise. „Wenn er ein Jude sein will, glaubt er an Mose und die Propheten und an nichts weiter. Jeder Religion liegt ein bestimmtes, in logischem Zusammenhang stehendes dogmatisches Gebäude zu Grunde, welches mit ihrer gesammten Sittenlehre innig verwachsen ist. Nimmt man aus diesem Gebäude nur einen Stein heraus und fügt dafür Fremdes hinzu, so stürzt das Ganze zusammen. Wer in Christum den Messias erkannt hat, für den kann Muhammed nicht der Prophet sein. Wenn der Jude an die Dreieinigkeit glaubt, so bekenne er sich zu Christum, oder er ist ein Jrrlehrer und Volksvcrführer, gegen den ich einschreiten werde. In den Staat Friedrichs It., der ja auch den Münzjuden Ephraim protegirt, mag der Jude passen; in unser Polen paßt er nicht, und ich rechne hier auf die Mithilfe Ihrer Majestät." „Es bleibt Ihnen überlassen, Herr Großoffizial, innerhalb Ihrer Kompetenz gegen Baron Frank vorzugehen. Ich selbst werde mich jeder Einmischung enthalten, so lange Frank nicht eines Vergehens gegen das Gesetz und den Staat bezichtigt werden kann. Der Baron Frank ist mir von hoher Hand empfohlen, so daß ich gcwiffe Rücksichten walten lasse, wiewohl die Empfehlungen, welche der Baron mir überbracht hat, mich nicht zu bestimmen vermögen, ihn bei dem, was er erstrebt, zu unterstützen. Denken Sie, meine Herrschaften, der Baron Frank wünscht in Polen mit den ungeheuren Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, ein unabhängiges Besitzthum zu erwerben, welches zur Krone Polen lediglich in eine Art Lehensoerband stehen soll." „Wie, höre ich recht?" bemerkte die Gräfin Lubomirska, „der Baron kommt nach Polen, um eine Herrschaft zu erlverben? Die Gelegenheit ist günstig, denn unser polnischer Adel verkauft und verpfändet seine Güter. Seine Mittel müssen ungeheuer sein." „Man weiß es nicht," sagte der König, „aber man spricht von vielen Millionen." „Aber warum will er die Unabhängigkeit seines Gebietes erlangen?" fragte die Gräfin. „Er sagt, dies sei nothwendig zur ungeschmälerten Ausübung seiner Religion." „Sonderbar," erwiederte die Gräfin. „Die Geldmittel, über welche der Baron verfügt," bemerkte Turski, „sind unermeßlich, und er weis; davon Gebrauch zu machen. Es sind bei mir umfassende Berichte über ihn cingclausen, nach welchen er sich schon seit zwei Jahren in Polen aufhält und sich durch Bestechung allerwärts die Thore geöffnet hat. Selbst hohe Würdenträger der Kirche hat er für sich gewonnen. Sie wissen ja Alle, wie unaussprechlich elend heute unsere Republik ist. Der Baron giebt vor, das wahre Judenthum zu lehren, und sonderbarer Weise glaubt er an die Dreieinigkeit. Ich habe vorhin schon bemerkt, was ich von diesem Glauben des Barons halte. Um zu wissen, daß sein Glaube ein falscher ist, braucht man nur nach seinen Wirkungen sich umzusehen. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen," sagt die Schrift! — Nun sehen Sie einmal, welche Früchte die Religion des Baron Frank hervorgebracht hat. Ueberall, wo Frank und seine Anhänger bisher in Polen hinkamcn, sind Streitigkeiten unter den Juden selbst ausgebrochen. Frank zieht vorzugsweise gegen den Talmud zu Felde und behauptet, die Kabbala sei das wahre Glaubensbuch der Israeliten. In meinen Augen ist eines so schlecht als das andere. Frank aber hat seine Lehre bisher lediglich dazu benutzt, die Anhänger des Talmud, unterstützt durch die katholische Geistlichkeit, die er mit seiner Lehre von der Dreieinigkeit irre führt, zu verfolgen. Man hat den Talmudisteu schmählich gemißhandelt, und gewaltsam wurde die neue jüdische Lehre verbreitet. Statt der früheren fleißigen und sparsamen Juden haben wir in den meisten polnischen Städten mit einem Mal müßiggängerische, üppige und lüderliche Menschen, die, statt dem Handel oder ihrem Gewerbe nachzugehen, schwelgen, über mystischen Unsinn grübeln und die Ankunft des Messias erwarlcn. Daß Frank nunmehr auch die Exterritorialität